Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- 7 (Juli 1914)
- Date
- 1914-07-01
- Page
- Seite 79 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7 Das Jüdische Echo mit sich allein leben können, und nur die Juden selbst können sie heraufbringen, erarbeiten, nicht als Geschenk empfangen. Er selbst, persönlich fast ungekränkt, fühlt plötzlich in seiner Brust und seinem Herzen die Unwürdigkeit des Zustandes und die Würdelosigkeit, die Verächtlichkeit eines Volkes, das sich ohne Gegenschlag so schmählich beschimpfen läßt; das Dichterische in ihm übertrug dies Gefühl der Scham für andere ins Innerste seiner Person. Auf Geachtetsein aber stand seine Existenz; er war ein M a n n geworden mit jenem brennenden Sinn für Würde, und ein Vornehmer mit jenem Bewußtsein der Verantwortung für alle, die mit ihm irgendetwas gemein haben, das jeden echten Adel ausmacht. Nun kommt ihm zu Sinne, daß er Jude ist, einer jener Beschimpften und Gehaßten, einer jener Fremden, einer jener, die zu verachten man sich erlaubte, weil so viele von ihnen verächtlich geworden waren — ja, auf eine gewisse Weise war er, er selbst verächtlich geworden mit ihnen! Ein ungeheurer Zorn brennt auf: das darf nicht sein, ohne daß er daran zugrunde geht. Und so ganz und fraglos er vorher unjüdisch da war, so fraglos und ganz erstand er plötzlich als Jude aus der Flamme seines Zornes. Als Mann aber ist er nicht geschaffen zu dulden oder zu ergrimmen, sondern abzuhelfen, zu wehren und zu retten; denn er ist kein Denker, der seine Entladung im puren Erkannthaben, kein Dichter, der sie im Gestalten findet. Der politische Schriftsteller übersieht die Lage Europas und erblickt alsbald die Lösung: man muß die Juden wieder „ehrlich machen", zu Ansehen bringen; die Juden müssen politisch anerkannt und rechtlich gesichert werden: die Juden müssen ihren Staat haben, denn ein eignes Gemeinwesen ist die Form, in der sich Kraft und Achtbarkeit eines Volkes gestaltet. Einen Staat den Juden! Das ist die Idee, die sich ihm zeigt, die ihn überwältigt. Und er zeigt sich der Größe des Gedankens gewachsen; zum erstenmale geht aus der Empörung Größe in sein Leben ein, und als die Antwort auf den „Judenstaat" ein jähes Zuströmen vieler Juden zu ihm ist, all der Hoffenden und Suchenden, die ihm, der nichts von ihnen wußte, plötzlich Bereitschaft entgegentragen, die von ihm, dem Schreiber, auch die praktische Ausführung der Idee erwarten, da ist er zum zweitenmale so groß wie die Notwendigkeit und zum zweitenmal ganz Jude: er durchbricht die Existenz des Schreibenden und geht über zur Praxis, zur Aktion, zur Verwirklichung, zur Tat. Es gab vor ihm zionistische Tendenzen und Zionisten; er schafft die Bewegung und ihre Form im Dasein: die Organisation. Er übernimmt die Veranwortung, und man fühle, was das sagt: die ganze jüdische Masse in Eastend, in New-York, in Galizien, in Rußland gerät in einen Aufruhr von Hoffnung und Widerspruch, von Verzückung: die Zeit scheint erfüllt, die Rückkehr nahe — und Entmutigung: wie sollen die Juden, die Versprengten, sich sammeln? Ist das Ende dieses Zwiespalts Verzweiflung, so wird sie die Herzen verwüsten. Aber er schafft den Kongreß, jenen ersten Kongreß, der für uns Heutige schon eine Legende großer Zeiten ist; die Kongresse folgen sich: die wollenden Juden haben vor der Heimstätte ein Parlament, eine Vertretung, die Juden, die ein Volk sind, begeben sich auf den Weg, eine Nation zu werden; Nation ist die politische Darstellung von bewußtem Volkstum. Die Propaganda setzt ein, jene Agitation, die getragen ist von der echten Ergriffenheit, echtem Pathos, echter geistiger Leidenschaft; gleichzeitig revoltieren in Deutschland jene feigen und schlechten Instinkte, die seither bis auf diesen Tag rege geblieben sind, aber auch starke und redliche Opposition tritt auf. Doch das Land ist Palästina, das Zeichen der Einigung der Schekel, das finanzielle Werkzeug die Bank, das geistige die „Welt", die Einheit in der Gemeinde die Ortsgruppen, die zusammengefaßt werden zu Landesorganisationen, geleitet von den beiden Aktionskomitees, die verantwortlich sind dem Kongreß: dieser Aufbau, klar, dauernd, praktisch ist das Gerüst der neuen werdenden Nation, die auf Herzl blickt. Es ist nicht zu sagen, wie bedeutsam die diplomatische Arbeit ist, die er nun beginnt, wie sehr sie die Häupter und Herzen der Juden erregt, stärkt, verzückt: wie, ein Jude tritt im Namen der Judenheit, in eigener Sache und in eigener Würde zu den Gekrönten hin: und sie hören ihn! Ein Jude, der nicht kraft seines Geldes, sondern durch seine Idee und Person, zum erstenmale seit Jahrhunderten, erzwingt, daß man ihn bemerkt, ihn ernst nimmt, mit ihm rechnet! Alle Erfolge der Kolonisation vermögen den Ertrag an seelischer Wirkung nicht zu bringen, den diese durch den Tod Herzls so vergeblich gebliebenen Audienzen, diese ruhige und starke Sprache des jüdischen Führers beim Sultan, beim Papst, bei den Königen und dem Deutschen Kaiser damals ernteten. Als die englische Regierung Uganda anbot, war damit die junge Bewegung, die verlachte und denunzierte, anerkannt und bestätigt; und die Ablehnung des Landes hat an diesem politischen und großen Erfolge nichts ändern können; das Judentum galt wieder als öffentlicher Faktor nicht innerhalb eines Volkes, sondern gegenüber den Völkern. Der Befehl seines Lebens ist