Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1914-07-01 · 7 (Juli 1914) · p. Seite 78

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
1 (1913-1914)
Issue
7 (Juli 1914)
Date
1914-07-01
Page
Seite 78 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9072829-9102850-9114185--00091-9072919
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die ersten Männer, welche diese Bewegung beginnen, werden schwerlich ihr ruhmvolles Ende sehen. Äber schon durch das Beginnen kommt ein hoher Stolz und das Glück der innerlichen Freiheit in ihr Dasein. Aus der Vorrede Herzls zum „Judenstaat Herzl Von Arnold Z Er lebt vor 1895 an der Peripherie des Judentums, nahe der Grenze, wo es in Gleichgültigkeit übergeht. Religion wird ihm und vielen seiner Zeitgenossen ersetzt durch einen Komplex von Surrogaten: ein mitleidiger Sozialismus, eine Ethik liberaler Humanität, Ehrfurcht vor dem unbegreiflichen Geschehen der Natur und der Sinnlosigkeit des Lebens, Erhobenheit durch Kunst gelten ihm für das religiöse Verhalten zu Welt und Gott. Der biblische Gott kann seine Seele nicht gläubig erregen; noch weniger hat er Zugang zum Geist des jüdischen Zeremonials. Er sieht, typischer Sohn der Zeit, über die er sich doch später auf ewige Weise erheben soll, die Welt als skeptisch - naturwissenschaftlich geschulter Verstand, als liberaler Politiker (die Toleranz in „Altneuland" zeugt davon, wie zäh das in ihm saß), als Großstädter, der ohne die letzten Geschenke der technischen Zivilisation sich nicht zu Hause fühlen kann, und als Schriftsteller des Tages, dessen Erlebnisse für ihn ganz erledigt sind, wenn die Synthese aus Geist und Alltag, das Feuilleton, fertig ist — als Schriftsteller, der zufrieden ist, wenn er schreibend sich äußert und nicht zu handeln braucht, der keine andere Wirkung will als die auf den Leser — auch seine Wirkung in Salons ist Wirkung auf „Leser" — und der im gelebten Leben nichts wie Privatmann ist, Individuum, Sohn von Eltern, die er verehrt, Vater von Kindern, die er sehr liebt; aber — und nichts ist natürlicher in dem Wien oder Paris um 1890 — wenn es keinen Antisemitismus gäbe, wenn zufällig dieser elementare Widerwille gegen Juden und Judentum erst nach seinem Tode ausgebrochen wäre, hätte er keinen Grund gehabt, sich durch seine Abstammung einer Verpflichtung bewußt zu werden. Er war im besten Sinne assimiliert an die europäische Kultur. Sein bewußtes nationales Judentum wird vom Antisemitismus fast geschaffen; er schickt zwar — selbstverständliche Handlung eines ehrenhaften Mannes — seiner Studentenverbindung „Albia" das Band zurück, als sie beschließt, Juden fernerhin nicht mehr aufzunehmen; aber seine Beziehungen zum Jüdischen beschränken sich auf das, was seine (freiheitlich gerichtete) Familie dem Sohne mitgibt — er ist Jude aus Schicksal und Unabänderlichkeit, nicht aus innerer Beweig, München jahung, aus „Wahl" — wenn man das Wort erlaubt —; und noch viel später wird er Nordaus „Doktor Kohn" als „nationales Kunstwerk" preisen. Denn er hat zum nationalen Gedanken damals, 1894, vor Panama und Dreyfus, keinerlei Zugänge; er lehnt ihn, den Birnbaum-Acher (zu schweigen von anderen wie Pinsker), damals schon praktisch betätigt, überlegen und öffentlich ab: „Sie (die Juden)," läßt er bei irgendeinem Anlaß drucken, „wurzeln seit Jahrhunderten in neuer Heimat, entnationalisiert, voneinander verschieden, in einer Charakterähnlichkeit nur (nur!) durch den sie überall umgebenden Druck erhalten." (Friedemann, Herzl, pg. 17) Der dies schreibt, ist Jude durch Zufall, Deutscher, weil er deutsch schreibt, seine Heimat die Literatur des Tages, seine Leidenschaft die Reise, seine Lebensluft die große Stadt. Von diesem Äußersten an Entfremdung und Ungebundenheit wirft er sich — und hierin ist er zum erstenmale ganz Jude — mitten ins Zentrum des jüdischen Lebensproblems mit dem „Judenstaat". Es ist das Wunder, welches den verewigt, an dem es geschieht, der große paulinische Sprung ins Gegenteil, die radikale Umkehrung der Vorzeichen, welche ihn die zum Reißen gespannte Distanz vom negativzum positiv-jüdischen Pol nicht langsam durchgleiten läßt, sondern ihn hinwirft im Zwang und Sturm einer völligen Umkehr. Er schreibt den „Judenstaat" (seine Existenz bleibt literarisch), aber sein Stil zeigt sich plötzlich prägnant, hart, ganz klar, völlig unkokett; das Minimum von Worten und Sätzen ist ihm abgepreßt durch die drängende Gewalt des Neuen und Ungeheuren. Er wußte nichts von seinen Vorgängern (er hätte den Judenstaat überhaupt nicht geschrieben, wenn er Pinskers „Autoemanzipation" gekannt hätte); so sieht er sich als ersten befallen von der Inspiration des großen Gedankens der Möglichkeit jüdischer Wiedergeburt, und der Elan dieser Tage wird ihn nie mehr verlassen. Wie kam dieses Buch zu ihm? Die Unsicherheit der jüdischen Lage dringt ihm zu Gefühl erst, als auch in Frankreich, diesem Vorort der Menschlichkeit, der Judenhaß ausbricht; vorher glaubte er noch auf bessere Zeiten vertrösten zu können, jetzt aber sieht er plötzlich: diese besseren Zeiten fordern, daß die Juden

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.