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Das jüdische Echo · 1914-06-01 · 6 (Juni 1914) · p. Seite 70

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
1 (1913-1914)
Issue
6 (Juni 1914)
Date
1914-06-01
Page
Seite 70 (sequence 6)
Language
German
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70 Das Jüdische Echo tieferen wie aus höheren Schichten des Volkes hervor. Betrachtet mau nun die Leistungen jüdischer Männer und liest dann, wie in der vorliegenden Broschüre, Sätze von einer Notwendigkeit der Assimilation, liest Phrasen von einer „Höherentwicklung" der Juden, dann fragt man sich unwillkürlich, ob denn die Verfasser die jüdische Geschichte in Vergangenheit und Gegenwart überhaupt zu Rate gezogen haben? Wenn ja, welche Art ist dann der Höherentwicklung bedürftig, die von noch keinem anderen Volk übertroffene religionssittliche Tiefe des Religionsstifters Moses, die unvergleichliche Willensglut jüdischer Propheten, oder die moderne Art der schöpferisch - metaphysischen Gestaltungskraft eines Spinoza und Bergson? Wer von einer Höherentwicklung der Juden redet, dem fällt die Aufgabe zu, erst einen höheren Begriff, als diese Männer ihn darstellen, zu schaffen. Das Wesen ist es also nicht, dann sind es wohl die Eigenschaften? Wir wollen durchaus nicht übersehen, daß unser Volk heute noch Eigenschaften besitzt, die einem innerlich kultivierten Menschen zuwider sein können. Doch /dieser Eigenschaften wegen brauchen wir noch nicht aus dem Judentum zu flüchten. Wie wir an den Wahrhaft Gebildeten unseres Volkes sehen, können sie auf anderem Wesie, nämlich auf dem Wege einer fortschreitenden Kultur eleminiert werden. Charaktereigentümlichkeiten sind au einem Volk das Unwesentliche, Sekundäre und können unterdrückt werden. Innere Charakterkultur eines Volkes hängt nicht von der Bildung des Einzelnen ab, sondern von der spontanen Wirksamkeit der Ideen und Grundsätze, die die geistige Oberschicht in das Volksganze hineinträgt. Diese Ideen wirken, gehen jedem Einzelnen in Fleisch und Blut über, ohne daß er selbst sich dessen bewußt zu sein, oder auf jener hohen Stufe der Bildung zu stehen braucht, wo Grundsätze aus der Selbsterkenntnis hervorgehen. Der deutsche Beamte und Kaufmann sind im Durchschnitt nicht gebildeter als der russische Beamte oder der jüdische Kaufmann, und doch ist Unbestechlichkeit und Ehrlichkeit die jene auszeichnende Eigenschaft. Für die Tatsache, daß die Ostiuden heute noch viele Ghettoeigenschaften an sich haben, können drei Gründe angeführt werden. Erstens: je intensiver und stärker die Lebenskraft eines Volkes, desto zäher hält es die einmal erreichte Entwicklungsstufe fest. Zweitens: Sind die Ostiuden von Kulturen umgeben, die selbst noch auf keiner hohen Stufe stehen, und endlich drittens: fehlt ihnen die Übermittlung jüdischen Denkens und Tuns durch die kultivierte Oberschicht. Woher die Existenzmüdigkeit der westeuropäischen Juden? Unmöglich ist sie hier ein Symptom ersterbender Volkskraft. Dafür zeugt die scerade in der Gegenwart starke Fülle bedeutender Schaffensprodukte der Juden. Sie kann nur aus der Furcht vor dem unseligen Zustand einer neuen Heimatlosigkeit herrühren. Es ist nicht lange her, seitdem die Juden begonnen haben, in den Ländern, wo sie wohnen, eine Heimat zu besitzen, eine Heimat. die sie lieben, an der sie mit der Fülle ihres Gemütes hängen. Sie genießen und lieben sie wie etwas Ungewohntes, Langentbehrtes; und nun sollen sie sie wieder verlassen; sollen ihre Nachkommen in ein Land schicken, das ihnen im Laufe der Jahrtausende fremd geworden ist. Diese instinktive Furcht vor erneuter Heimatlosigkeit, dazu das anerzogene Bewußtsein des Unverbundenseins und Fremdseins mit dem Volke, mit dem sie zusammen leben sollen — dies alles ist menschlich wohl nachzufühlen und zu verstehen. Aber Wünsche und Genihle Einzelner oder einer Menge, können nicht berücksichtigt werden, dort, wo die Notwendigkeit sich riesenhaft aus dem Grunde der Sache selbst erhebt. Mögen sich Bedenken gegen den Zionismus noch so viele erheben; mag er viele Schäden für viele Familien mit sich führen: dem Muß seiner Realisierung wird deshalb kein Einhalt getan werden können. Das Dasein und Geschick eines Volkes hängt nicht davon ab, ob eine Gruppe aus ' ihm existieren will oder nicht. Sie mag sich noch so sehr mit ihrem Wollen an eigene Zwecke und Ziele zu halten suchen, sie wird doch entweder ausgeschieden oder mit fortgetragen, fortgetragen von jenem unbekannten Wirken dessen, was da sein soll, von jener höheren Macht, die das empirische Leben eines Volkes erweitert und emporhebt zu metaphysischem Sein. Es ist unmöglich, daß ein qualitativ so reiches, an Zahl immer noch so starkes Volk, wie die Juden, dauernd von ungünstigen Kulturströmungen und von der Gunst fremder Volker abhängig bleiben soll. Es ist ferner widersinnig, daß ein Volle die Früchte seines Schaffens nicht in eigenen Scheuern soll sammeln können. Denn wie die Zustände heute sind, säen die Juden reichlich, aber sie c r n t e n nie h t. So heißt B e r g s o n der „französiche Philosoph", L i e b e r m a n n der ..deutsche Künstler" usw. Der Umstand, daß die Juden von allen Völkern reichlich empfangen, widerlegt die Tatsache nicht. Es mußte eine Zeit kommen, wo der Wille zur Sammlung und zur Einheit erwachte. Diese Zeit ist da. Damit sich dieser Wille zur Konzentration aller Volkskräfte durchsetzen kann, dazu gehört selbstverständlich ein Boden, ein einheitlicher Raum. Hier hat der Zionismus eine von seinen unwiderleglichen, zwingenden Begründungen. Und die Notwendigkeit, die im Zionismus liegt, wird auch die Wege finden für die Möglichkeit seiner Verwirklichung. Nicht schon heute oder morgen in vollem Umfange, wohl aber schrittweise und in der Zukunft. Zeitungs-Echo Die Nachrichten für Handel, Industrie und Landwirtschaft, zusammengestellt im Reichsamt des Innern, bringen in der Nr. 61 vom 2S. Mai 1914 einen Bericht über ..die wirtschaftliche Lage des Kasa Safed unter besonderer Berücksichtigung der jüdischen Kolonien." Darin weist der Vizekonsul von Haifa ebenso wie vor kurzem der von Jaffa (s. die Notiz „Eine amtliche Stimme über den Zionismus", Nr 1 d. „J. E.", S. 7) auf die Bedeutung der jüdischen Arbeit in Palästina für die deutschen Handelsbeziehungen hin. Von den judischen Kolonien heißt es: ..Ihre zum Teil schmucken Häuser. Gärten, breiten Straßen und gepflegten Felder heben sich günstig von ihrer arabischen Umgebung ab. Die Lage der jüdischen Kolonisten hat sich besonders in den letzten sieben Jahren gebessert, seitdem sie sich mehr dem Obstbau, vor allem der Orangen-, Oliven- und Mandelkultur gewidmet haben. Gemüsebau und Viehzucht kommen neuerdings auch mehr auf. Die .indische Kolonisation in Palästina bildet beu/'H eün?n bcachtenswerteii Faktor im dortigen Wirtschaftsleben. Sie wird immer mehr dazu beitragen, die Landwirtschaft und auch den Handel zu heben und zu fördern."

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