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Das jüdische Echo · 1914-06-01 · 6 (Juni 1914) · p. Seite 66

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
1 (1913-1914)
Issue
6 (Juni 1914)
Date
1914-06-01
Page
Seite 66 (sequence 2)
Language
German
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66 Das Jüdische Echo Nr. 6 Der Abgeordnete Rupp führte eine törichte Behauptung in einer zionistischen Versammlung an. Zionismus und Antisemitismus sind Früchte von demselben Baum der konfessionellen Trennung und des Fanatismus." Wenn diese Bemerkung von einem beliebigen Bezirksvereinsredner oder von einer der Gröben des Zentral Vereins oder der Liberalen Vereinigung gefallen wäre — man hätte über sie zur iagesordnung hinweggehen können. Wir haben uns allmählich mit dem Gedanken vertraut gemacht, daß manche unserer jüdischen Antipoden schlechterdings unbelehrbar sind und sich, wenn sie auf Kosten des Zionismus einen schlechten Witz machen können, durch Vernunftsgründe und historische Gegenbeweise nicht weiter irritieren lassen. Aber, daß eine solche unsagbar platte Redewendung in der deutschen Volksvertretung aus dem Munde eines freisinnigen Mannes fallen durfte, der sich zweifellos nicht einen Augenblick besinnen wird, wenn es wieder einmal gilt, für die nationalen Rechte der Dualaneger einzutreten, das scheint uns doch dem Niveau des Deutschen Reichstages nicht angemessen. Ein altes Kulturvolk, das Leiden überstanden hat, die jede andere Gemeinschaft zerrieben hätten, spurlos zerrieben, gebiert noch einmal aus sich heraus die Kraft, zur Wiedereroberung seiner alten Heimat, zum Wiederaufbau seiner Kultur, zur Erlösung von Millionen seiner Kinder eine Organisation zu schmieden und planmäßige Kolonisationstätigkeit unter ungeheuren Schwierigkeiten zu treiben. Der Lebenswunsch von Generationen, die Sehnsucht von Millionen Gedrückten, die Konsequenz der jüdischen Geschichte scheint endlich ihrer Erfüllung näher gerückt — und da weiß sich ein freisinniger Vertreter des Volkes der Dichter und Denker zu keiner anderen Bemerkung inspiriert, als wie sie bei den assimiliertesten unter den Assimilationsjuden die blasse Angst geboren hat! Und dabei hat Herr Dr. Müller-Meiningen nicht immer so brüsk den Zionismus von sich gewiesen. Durchaus nicht: auf die von Dr. Julius Moses im Jahre 1907 veranstaltete Umfrage über die Lösung der Judenfrage hatte er noch — allerdings unter Betonung seiner absoluten Sympathie für die Assimilation in1 Deutschland — auf die Frage 3, die lautete: „Worin besteht nach Ihrer Ansicht die Lösung der Judenfrage?" geantwortet: „ Bei den Juden, die willens sind, in den anderen Kulturvölkern aufzugehen, die Assimilation, bei den anderen die Auswanderung zur Gründung eines eigenen nationalen jüdischen Staates". — Beinahe hätte man also als Überschrift über diesen Artikel setzen können: „Müller-Meiningen contra Müller-Meiningen!" Aber mir ist durchaus nicht scherzhaft zu Mute. Die Affäre Müller-Meiningen wird hoffentlich das Gute zur Folge haben, daß man wieder einmal in unserer eigenen Mitte mit zwingender Deutlichkeit sieht, wieviel von uns noch an öffentlicher Aufklärungsarbeit zu leisten ist. Auch bei gewissen M. d. R. Und ferner: lassen wir uns von solchen Zwischenfällen nicht unnötig deprimieren oder ärgern. Gewiß, es mag traurig sein, daß ein derartig schiefes Urteil im deutschen Parlament über die Motive, aus denen unsere Bewegung herausgewachsen ist, fallen konnte. Aber seien wir bewußt, daß wir die Mittel, eine andere Sprache über uns zu erzwingen, in der Hand haben. Leisten wir unsere Arbeit im alten Lande mit doppelter, mit zehnfacher Energie, zaubern wir den Garten Eden aus einem verwüsteten Lande mittels des Schweißes des jüdischen Bauern hervor, schaffen wir ein blühendes Gemeinwesen mit innerlich und äußerlich freien Menschen! Zeigen wir durch die Praxis der Welt, was an ethischen und moralischen Kräften in unserer Bewegung schlummert; und die Debatten in den Parlamenten der Kulturnationen werden in gar nicht so ferner Zeit etwas anders anzuhören sein, als vor wenigen Tagen im Wallothause. Denn auch ein Müller-Meiningen wird — trotz des Drängens seiner und Herrn G o t h e i n s jüdischer Freunde — sich der Erkenntnis nicht verschließen können, daß eine Bewegung, die ein zweitausend Jahre hindurch schlummerndes Land zu neuem Leben erwecken und eine alte Volkssprache und Kultur ihre Auferstehung feiern lassen konnte, nicht geboren ist aus einer schwächlichen Reaktion auf den Antisemitismus, oder aus religiöser und politischer Engherzigkeit, sondern aus dem unbezwingbaren und sieghaften Lebenswillen eines alten, seines Wertes und seiner Kräfte bewußten Kulturvolkes. Mit dem Verlust der Selbstwürdc und der Ächtung vor ihrer eigenen Nation verlor auch die gebildete jüdische Bourgeoisie die Achtung in den Äugen der anderen. Jetzt wird allmählich das nationale Selbstbewußtsein auch in diesen Kreisen wach und mit ihm wächst die Selbstachtung, die ihrerseits ein achtungsvolles Verhalten der anderen Nationen gegenüber der jüdischen zur Folge haben wird. Wir werden uns wenigstens Ächtung ertrotzen, wenn wir uns nicht Liebe erzwingen können ,S. M. Dubnow, „Die Grundlagen des Nationaljudentums.« (Jüdischer Verlag, Berlin)

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