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Das jüdische Echo · 1914-05-01 · 5 (Mai 1914) · p. Seite 51

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
1 (1913-1914)
Issue
5 (Mai 1914)
Date
1914-05-01
Page
Seite 51 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 5 Das Jüdische Echo 51 Zur Geschichte der jüdischdeutschen Sprache und Literatur Von Qeorg Hecht, Dachau Der Leser mag zunächst diese eine Tatsache festhalten, daß die übliche Verwendung der deutschen Sprache mit Brocken aus dem Hebräischen oder sogar aus dem Jüdischdeutschen noch keinerlei Einsicht in die Welt dieser Sprache gibt. „Mauscheln" oder „Jüdeln" ist mit nichten Jüdischdeutsch. Ich will diese Tatsache etwas übertreiben und sagen, daß doch keiner so töricht behaupten möchte, in der Kenntnis der französischen (nicht entlehnten, sondern französich gebliebenen) Worte der deutschen Sprache die französische zu verstehen, zu kennen. Jüdischdeutsch ist eine Sprache für sich, denn es ist eine eigene Welt. Die Meinung, es als eine dialektische Sprache, als eine Mundart der Deutschen aufzufassen, ist wohl endgültig zu Grabe getragen. Denn es ist eine eigene Welt. Demgegenüber versagt die größere Zahl der dem Deutschen entnommenen Worte durchaus und setzt jene vergleichenden und zählenden Wortstatistiker, die mit solchen Dingen womöglich die „Deutsche Treue" der Juden beweisen wollen, in das ärgste Unrecht; denn (nochmals:) sie übersehen die eigene Welt des Jüdischdeutschen. Sie ist eigen, einzigartig, ohne Vergleich. Genau so wie die Welt der Judenheit. Damit ist durchaus nicht eine irgendwie übersinnliche Auserwähltheit gemeint, sondern nur die klare Sonderheit, die jedes Volk der Geschichte hat, ohne die es kein Volk wäre. Die Sonderheit der Juden, ihre oft beschriebene, schlecht begriffene „Rassigkeit" darzulegen, ist keiner anatomischen, im engen Sinne biologischen Wissenschaft möglich. Die körperlichen Rassenmerkmale sind unerhört vieldeutig. Das war im Anfang schon zu wissen und es bedurfte für den Denkenden gar nicht erst des gegenseitigen Widerspruchs von Judt, Zollschon, Fishberg und vielen anderen. Die Rassigkeit der Menschen ist geistiger Natur. Die Sonderheit der gegenwärtigen Juden ist einzig und allein aus ihrer Sprache und ihrem Sprachgut zu erkennen, wenn man das Ungewußte mit der Sicherheit noch zutage liegender historischer Tatsachen, wie die Entstehung und Fortbildung des Jüdischdeutschen, begründen will. Es entstand vor einigen Jahrhunderten; die ersten Anfänge kennen wir gut; Maisse-Buch, Zeena Urena und die andern erklärenden Umdichtungen aus der Bibel und der hebräischen Literatur, bis sich das Gebiet erweitert, der Geist lebhafter und freier wird und das Bedürfnis nach Unterhaltung eine völlig profane jüdischdeutsche Literatur erstehen läßt, die ohne Kenntnis würdiger Beispiele, ohne Halt an guten Vorbildern stetig in ihrem Werte sinkt: scheinbar ohne Rettung. Das Jüdischdeutsch wäre verloren gewesen, hätte es nicht, Sprache des Volkes, die Volkslieder, die Wiegen- und Hochzeitslieder, schon gehabt und einen unerbittlichen Gegner gefunden: die Haskala, jene der „Aufklärung" analoge geistige Bewegung, die eine neue Methode geistiger Arbeit und schaffenden Denkens war und, im Streben, das Judentum völlig neu von der Quelle an zu erfassen, zur hebräischen Sprache als der allein würdigen des Ausdrucks jüdischer Gedanken eifervoll zurückkehrte. Von der Haskala irgendwie beeinflußt, doch unberührt von ihrem Sprachenstreit — wie lange wartet man doch auf den Historiker der Haskala und des jüdischen Kulturkampfs! — sind alle Dichter des Jüdischdeutschen. Mit der Haskala beginnt die jüdischdeutsche Dichtung, die Einreihung des Jüdischdeutschen in die großen Kultursprachen der Erde. Leser, Bürger, praktische Menschen aller Art und jeden Berufs übersehen leicht die Bedeutung einer solchen literarischen Tatsache für das gemeinsame Leben aller. Wenn indes, was allen bekannt ist, die Verachtung, die man uns entgegenbrachte, sich in dem letzten Jahrhundert zum Haß wandelte oder einer gewissen Würdigung und Anerkennung, gleichgültig in welcher Hinsicht, Platz machte, so verdankt man diesen Umschwung der literarischen Leistung jenen jüdischdeutschen Dichtern. Und wenn ferner in den letzten Jahrzehnten die Verachtung des Juden vor sich selbst, die Scham Jude zu sein, aufgehört hat oder doch in kurzem aufhören wird, so verdankt man diese Wandlung den jüdischdeutschen Dichtern, und ihnen nicht zuletzt. Daran mag jeder den Wert erkennen, messen. Wir Juden können heute das Judentum leicht finden und in uns lebendig machen; denn wir haben wieder Veranlassung, stolz zu sein, ohne auf Vergangenheiten hinzuweisen, die vielfach umgedeutet wurden und nicht mehr uns allein gehören. Die Dichter der jüdischdeutschen Sprache, ihre mannigfachen Darstellungen der jüdischdeutschen Welt dem Leser im einzelnen nahezuführen, genügt der Raum nicht; ihm nur Namen und das Charakteristische des Einzelnen zu nennen, hieße, vor ihm die Mannigfaltigkeit jüdischen Geistes verringern und ihm von einer wichtigen Sache eine geringe Kenntnis zu vermitteln. Ich möchte den Leser nur anregen, die Bücher selber zu lesen, und insoferne er unterrichtet sein will über Wesen und Art dessen, was er in den Büchern zu erwarten hat, sei er auf ..Die Geschichte der jüdischdeutschen Literatur" (Leipzig 1913) von Pines-Hecht verwiesen, die ich wohl nennen darf, da sie die einzige in deutscher Sprache ist. Wer des Jüdischdeutschen in einem solchen Grade nicht mächtig ist, daß er den Versuch, es zu lesen, nicht wagt, mag zu den vielfachen Übersetzungen greifen, die namentlich der Jüdische Verlag darbietet. Die Namen der Übersetzer bieten genügend Gewähr: Feiwel, Btiber, Zlocisti und vor allem Matthias Acher (Dr. Nathan Birnbaum), der, ein jüdischer Vorkämpfer und Patriot, wie wir deren wenige hatten und haben, im Nachklang des alten Sprachenstreits: Hebräisch oder Jüdischdeutsch! seine gewichtige Stimme erhob und in einigen Aufsätzen (man vergleiche die beiden Bände gesammelter Schriften) die Grundlagen für die Bewertung des Jüdischdeutschen als Sprache der Judenheit gegeben hat. Das Wesentliche der ganzen Literatur ist wohl die ungemeine Rechtlichkeit und Wahrhaftigkeit, die die eigenen Fehler und Übel nicht verschweigt. Dieser Mut knüpft an gute Tradition an: Abraham feilschte mit dem Engel Gottes, und sogar Moses sündigte.

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