Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- 4 (April 1914)
- Date
- 1914-04-01
- Page
- Seite 40 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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40 Das Jüdische Echo Nr. 4 Zionismus und Auf unsere Anfrage bei einigen Persönlichkeiten, welchen Eindruck sie von der „Erklärung" des Antizionistischen Komitees empfangen hätten, sind uns außer den in Nummer 3 des „J. E." wiedergegebenen Antworten von Ricarda Huch, Wilhelm Weigand, Freiherrn von B o d m a n n und W. Fred noch zwei weitere zugegangen. Hermann Bahr weicht in seiner Stellungnahme zur Assimilation zwar von der unsrigen ab, wir sehen aber das Bedeutsame seiner Ausführungen in der Beurteilung unserer und der Verurteilung der antizionistischen Bestrebungen. Er schreibt: „Ich kenne das „Antizionistische Komite" nicht. Über den Zionismus aber darf ich sprechen. Ich hatte das Glück, H e r z 1 gut zu kennen. Gerade zu der Zeit, als der Zionismus in ihm entstand, waren wir viel zusammen und er holte mich oft, wenn er aus seiner Redaktion kam, in meiner ab, wir gingen dann zuweilen stundenlang immer um die Votivkirche herum. Später fand ich Gelegenheit, in Wien und in Prag mit Zionisten zu verkehren, Franz Oppenheimers Arbeiten wurden mir wert, auch er selbst, dieser rastlose Geist, dieser heftig nach Tat verlangende Mann, und Bubers hochblickende, tiefahnende Bücher ergriffen mich. Die Kühnheit, der Opfersinn, das Heldenhafte der ganzen Bewegung war mir ein großes Erlebnis. Ich sah eine selbstlose Jugend sich alten Vorurteilen entwinden, sich auf ihr inneres Gesetz besinnen und mit Leidenschaft das Recht verlangen, ihrer Nation anzugehören. Aber wenn ich mir nun auch sagen mußte, daß ich, wenn i c h Jude wäre, mir kaum vorstellen könnte, nicht Zionist zu sein, so fand ich doch auch wieder rechtschaffene, ja vorzügliche Juden, die dennoch dem Zionismus widerstreben. Daß es einzelnen Menschen möglich ist, ihre Nation zu verlassen und in das Wesen einer anderen (wenn schon nicht selbst, so doch in der dritten oder vierten Generation) tief einzudringen, kann nicht bezweifelt werden. Es gibt genug Italiener germanischer Abstammung (Dante, Leonardo, Cavour), ebenso Spanier (besonders im Norden, Loyola), und ebenso gibt es gute Deutsche slavischer oder romanischer Herkunft (der Pole Nietzsche, die Berliner Franzosen wie Du Bois-Reymond und Fontane, die Bayern unverkennbar römischen Geblüts, wie Stuck und Conrad Dreher). Ja, es scheint, daß der Typus des „reinrassigen" oder „edelrassigen" Menschen immer erst aus Kreuzungen entsteht, wie Kultur immer nur entsteht, wenn eine Rasse ihr Wesen einer anderen Rasse aufzwingt, wobei beide ebensoviel hingeben als sie annehmen. Es ist also nicht einzusehen, warum es von vornherein keinem Juden möglich sein sollte, in deutsches Wesen Einlaß zu finden. Daß es Juden gibt, die sich durchaus als Deutsche fühlen, kann nicht geleugnet werden, wenn sie sich auch für den Deutschen fast immer noch irgendwie unterscheiden, entweder äußerlich oder durch die Heftigkeit, durch einen zu starken Akzent ihres Deutschtums, durch einen gewissen Mangel an Unschuld. Und ob sie sich dabei selbst eigentlich wohl fühlen, haben wir ja nicht zu fragen. Man versichert mir, Gundolf, der Verfasser des prachtvollen Buches über Shakespeare, sei Jude. Ist er es, so hätten wir an ihm das so seltene Beispiel einer vollkomme- Antizionismus nen Verdeutschung. Reiner ist deutsches Wesen niemals in unserer Zeit erfaßt, niemals größer dargestellt worden als in diesem Buch; höchstens sein Pathos klingt zuweilen leise fremd an. Ich begreife, daß manche Juden, von deutschem Wesen angelockt, ihr eigenes abzutun und sich zu verwandeln trachten, was dem einen mehr, dem andern weniger geraten mag. Ich begreife auch, daß manche sich niemals entscheiden können, zwar Deutsche werden, doch aber auch Juden bleiben möchten und so schließlich in einer gräßlichen Verwirrung des Gefühls selber nicht mehr wissen, was sie sind. Ich begreife nur nicht, was irgend einen Juden, der noch an seinem Volke hängt und gar kein Verlangen hat, sich von seinem Volke zu trennen, nötigen sollte, sich zum Deutschen zu machen, gar da doch die Deutschen selbst sich dies nicht einmal so besonders zu wünschen scheinen. Es gibt Juden, die Juden sein wollen, nichts als Juden, und froh, ja stolz sind, Juden zu sein. Ob das weltklug von ihnen ist, ob es angenehm für jene anderen Juden ist, die lieber keine mehr wären, ob es wünschenswert für die Völker ist, mit denen sie leben, geht uns gar nichts an. Es gibt einmal solche Juden und so können sie das Recht ansprechen, das heute ja jeder, auch der kleinsten Nation zugestanden wird, das Recht, ihr eigenes Wesen ungehindert darzustellen und auf ihre besondere Weise, so wie sie geschaffen sind, am Ganzen der Menschheit mitzuwirken. So lange es solche Juden gibt, und wenn ihrer nicht mehr als tausend wären, gibt es ein jüdisches Volk. In uns allen aber lebt doch das Gefühl, daß kein Volk, wie gering und welcher Art es auch immer sei, keines sich selbst entrissen und Gesetzen wider seinen Geist unterworfen und entseelt werden darf. Jedes Volk soll sein eigenes inneres Gesetz erfüllen dürfen. Daß man dies allen Völkern zugesteht und nur den Juden nicht, jenen, die noch Juden sind und Juden bleiben wollen, ja daß es ihnen gerade von Juden, solchen die nur den Namen behalten, das Wesen aber abgelegt haben wollen, bestritten wird, das ist es allein, was ich durchaus nicht begreifen kann." Michael Georg Conrad der sich schon in der 1904 von Dr. Hugo Hoppe herausgegebenen, lesenswerten Sammelschrift „Hervorragende Nichtjuden über den Zionismus" (zu beziehen vom Jüd. Verlag, Berlin W. 15) in günstigstem Sinne über den Zionismus ausgesprochen hat, sah sich nicht veranlaßt im Lauf der Jahre seine Ansichten zu revidieren und tritt heute wieder in einer Weise, die wir dankbar anerkennen müssen, für unseren Standpunkt ein: „Ohne Liebe keine Erkenntnis, kein innerlich mitfühlendes Verständnis! In Menschheitsfragen, Staatsfragen, Blutsfragen versagt der reine Intellektualismus — und die Gescheitesten kommen über ein mehr oder weniger kluges Gerede nicht hinaus, wenn sie sich im Umkreise dieser Fragen nur mit dem Hirn betätigen wollen und sich sklavisch an schulmäßige Erkenntnistheorien oder an wissenschaftlich maskierte Nützlichkeitsstandpunkte alltäglicher Art binden. Was dem Zionismus Bedeutung, Wucht, Glanz, adelige Schönheit verleiht, ist die Tatsache, daß er aus der Sorge um die heiligsten Dinge im Komplex der Menschheits-, Staats- und Rassenkultur geboren ist. Er ist seit Urzeiten vorhanden, ist