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Das jüdische Echo · 1914-03-01 · 3 (März 1914) · p. Seite 29

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
1 (1913-1914)
Issue
3 (März 1914)
Date
1914-03-01
Page
Seite 29 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 3 Das Jüdische Echo 29 Das unsagbare Judenelend! Soziale Hilfsarbeit ist etwas anderes als Wohltätigkeit. Und so ist mancher Zionist den Weg gegangen vom Mitleid mit den Brüdern im Osten zum jüdischen Nationalismus. Die Tage von Kischineff und Hornel haben Tausende zu Zionisten gemacht. Die Juden waren lang genug Objekt der Weltgeschichte, es ist an der Zeit, daß sie selbst ihr Schicksal in die Hand nehmen. Schließlich leitet der Selbsterhaltungstrieb zum Zionismus. Es ist der Gedanke, daß insbesondere das deutsche Judentum stark dezimiert und aufgerieben wird. Dazu tragen neben anderen Faktoren vornehmlich Taufe und Mischehe bei. Glaubenstreue Judenfamilien gehen oft in dritter und vierter Generation verloren. Das Pietätsjudentum ist keine Gewähr für die Zukunft, denn es gibt keine Pietät vor Pietät. Zwar ersetzt der Zuzug aus dem Osten manche Lücken, aber der Zuzug wird von den Regierungen nicht gern gesehen und viele Kreise der westeuropäischen Juden — vergessend, daß die meisten von ihnen selbst dem Osten entstammen —, bringen den Ostjuden starke Antipathien entgegen. Diese Antipathien können sich, wie die Affaire in Duisburg beweist, zu geradezu ungeheuerlichen Maßnahmen gegen die Brüder aus dem Osten steigern. Der Zionismus verurteilt diese Handlungsweise gewisser deutscher Kreise des Judentums auf das Schärfste, er will die Gegensätze zwischen Ost- und Westjuden auf alle Fälle und um jeden Preis überbrücken, denn er weiß, stockt der Zufluß — dann ist es, wenn auch erst in vielen Jahrzehnten, um das deutsche Judentum geschehen. Will so der Zionismus das Beste des Judentums, so ist es eigentlich wunderlich, daß wir uns stets mit dem Judentum in seinen verschiedensten Schattierungen auseinander zu setzen haben. Da kommen die Einen und sagen: „Ihr schafft eine neue Nationalität und bringt so neue Reibungsflächen in die Welt." Wir haben keine n e u e Nationalität geschaffen, denn sie war da, als der Zionismus sie wieder aufrüttelte. Und dann — sollen wir warten, bis die sozialistischen Zukunftsträume erfüllt sind? Wir würden dem Vater gleichen, dessen Kind hungert und dem ein sozialdemokratischer Heilapostel die Zukunft in rosigsten Farben malt und schöne Theorien —- statt Brot bietet. Wir wollen Brot für unser Volk, Arbeit und Entwicklungsmöglichkeit und die kann nur einer erreichen: der ausgeprägte w i 11 e n s s t a r k e Nationalismus. Und dann kommen die Anderen, die Ängstlichen, die fürchten, man könne uns die Errungenschaften der Emanzipation rauben, weil der Zionismus, wie sie sagen, nicht vaterländisch, ja unpatriotisch sei. Wäre es so, ja müßten wir dann nicht lieber auf die Emanzipation verzichten, als auf die Existenz des jüdischen Volkes?! Aber es ist gar nicht so. Der Zionismus widerspricht gar nicht dem Patriotismus. Man kann ein sehr treuer nationaler Jude und ein überzeugter Zionist sein und gleichzeitig dabei ein aufrechter starker deutscher Patriot. Denn was ist Patriotismus? Deutscher Patriotismus ist nicht Kulturbewußtsein, denn deutsches Kulturbewußtsein haben auch der Schweizer und Steiermärker. Deutscher Patriotismus ist nicht Heimatbewußtsein, denn Heimatbewußtsein wurzelt in der engeren Gegend (Heimweh des Gebirglers, des Sohns der Heide usw.). Patriotismus ist die Liebe zum Staat und zu seinen Bewohnern; er ist die treueste Pflichterfüllung gegen den Staat, in dem man lebt, aber e i n e P f 1 i c h t e r f ü 11 u n g , die h e r - ausgebore n aus der Liebe zum Staat und nicht aus dem Zwang, den der Staat allen Bürgern in vielen Dingen auferlegen muß. Das Recht, die eigene Nationalität zu wahren und zu betonen hat mit Patriotismus nicht das Geringste zu tun. Das ist oft ausgesprochen worden, nicht zuletzt von des Kaisers Majestät, der in Posen gesagt hat: „Das Königreich Preußen setzt sich aus vielen Stämmen zusammen, die stolz sind auf ihre frühere Geschichte und Eigenart, das hindert sie nicht gute Preußen zu sein." Und ähnlich sprach Kaiser Wilhelm II. zu einer niederländischen Deputation holländischer Staatsbürger deutscher Nation, die er bat, dem holländischen Staat sowohl, als auch ihren deutschen Standesgenossen Treue zu bewahren. Auch wir Zionisten fühlen uns als treue deutsche Staatsbürger, wir sind aber auch unserem jüdischen Volkstum treu ergeben. Nur die ängstlichen Juden haben uns verdächtigt, nie deutsche Männer. Im Gegenteil, der verstorbene Großherzog von Baden empfing nach dem Mannheimer Delegiertentag etliche Führer des Zionismus und lange und eingehend unterhielt sich der dem Zionismus so wohlwollend gesinnte Monarch über alle möglichen Probleme, aber es fiel ihm — der viele Einwände machte — gar nicht ein, überhaupt daran zu denken, daß Zionismus und Pariotismus Gegensätze sein könnten. Im Gegenteil: er entließ die Delegation mit dem Wunsche, „daß die deutschen Juden sich recht bald und in recht großer Anzahl dieser wundervollen Bewegung anschließen mögen!" Kann man so getrosten Herzens alle patriotischen Bedenklichkeiten beseitigen, so darf man sogar behaupten, daß gerade der Zionismus zum besseren Staatsbürger disponiere. Es ist klar, daß der, der seinem Volk Treue hält, auch zum treuen Staatsbürger bessere Eignungen in sich trägt, als der, bei dem die Treue zum Volk von Nützlichkeitserwägungen abhängt. Auch der Einwand, daß wir politische Interessen außerhalb Deutschlands haben, ist hinfällig, denn nirgends gibt es Nationen, deren nationale Grenzen sich mit denen des Staates decken. Gerade unsere außerdeutschen Ziele bieten keinen Konfliktsstoff zwischen Zionismus und Deutschland. Im Gegenteil, die Berichte der deutschen Konsularvertreter rühmen die Nützlichkeit unserer Tätigkeit für die wirtschaftliche Expansion Deutschlands, (s. Nr. 1 des „J. E.", S. 7.) Der Zionismus hat für Deutschland viel mehr noch geleistet. Tausende deutscher Juden sind durch den Zionismus bessere Patrioten geworden. Der Zionismus hat ihren historischen Sinn geschärft und sie haben Respekt bekommen vor dem historisch Gewordenen. Respekt vor den religiösen und politischen Gütern anderer; sie sahen, wohin die öde Gleichmacherei führt, und sie erkannten, daß das Wohl des Staates in der Harmonie der schaffenden Stände ruht. Aus dieser Erkenntnis wuchs ein weiteres Verständnis für die Gedanken kolonialer Expansion und die modernen Machtmittel, deren der Staat in Heer und Flotte bedarf. So sind es wahrlich nicht die schlechtesten Patrioten, die der Zionismus schuf. Der Zionismus hat sich durchgesetzt und Großes schon geleistet. Dereinst am Ziele werden wir derer gedenken, die, als die See hochging, in das kleine Boot einstiegen. Wohl starb schon mancher, aber der Zionismus ist stets der Gleiche ge-

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