Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- 3 (März 1914)
- Date
- 1914-03-01
- Page
- Seite 26 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9102850-9111489--00035-9072863- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
2G Das Jüdische Echo Nr. 3 Ricarda Huch die in ihren Dichtungen die Einigung des italienischen Volkes mit schöpferischer Gestaltungskraft nachempfunden hat, bekundet ihr Verständnis für die nationale Wiedergeburt der Juden mit folgenden Worten: „Ich halte den Zionismus für eine der großartigsten Bewegungen unserer Zeit. Kaum ein geschichtliches Ereignis würde so überwältigend für die Macht des Blutes und des Gedankens zeugen, wie die Gründung eines Gemeinwesens von Juden auf ihren altheimischen, ihnen heiligen Stätten, und es ist anzunehmen, daß alle Nationen, die sich nur allzu gern bequemer Verachtung hingaben, solange sie die Juden als Eindringlinge betrachteten, bereit sein werden, das wiedergeborene, selbständige Volk zu bewundern, dem alle europäischen Kulturen so viel verdanken. Nur aus den Reihen der besitzenden oder in politischer Sicherheit lebenden Juden war von vornherein Widerspruch zu erwarten, die, um nicht selbstsüchtig und kleinlich zu erscheinen, weil sie einen großgedachten Plan bekämpfen, denselben lächerlich und verhaßt zu machen suchen. Entspränge die Idee des Zionismus einem nur poetischen oder schwärmerischen, der Wirklichkeit aber fremden Drange, so wäre freilich der Widerspruch berechtigt; aber, wie poetisch und erhaben der Gedanke auch seinein Wesen nach ist, hat ihn doch handgreifliche Not hervorgebracht. Die Geschichte der Juden weist viele Züge auf, die der der Frauen ähnlich ist! Auch Frauen, denen es zufällig gut geht, leugnen das Dasein der Frauenfrage und damit das offenkundige Dasein zahlloser notleidender Frauen. Es gibt eben geborene und gewordene Sklaven, die einem opfermutigen Kampfe vorziehen, sich persönlich durch Anschluß an die Herrschenden zu sichern, sei es auch auf Kosten der Ehre und Würde. Da der Zionismus keinerlei Zwang ausübt und zunächst mir den Ärmsten unter den Juden, die von ihrem Stiefvaterlande durch Zwang oder Not, unmittelbar oder mittelbar ausgestoßen werden, eine sichere dauernde Heimat bereiten will, fehlt den Anklagen jeder Boden, und es ist zu hoffen, daß ihr trüber Ursprung überall zu deutlich erkannt werde, um das Vordringen einer vom Drange der Umstände hervorgerufenen und aus den Tiefen der menschlichen Seele strömenden Bewegung zu hemmen." Wilhelm Weiland Mitbegründer der „Süddeutschen Monatshefte", weiß als Kenner sprachlicher Güter unser Eintreten für die hebräische Sprache folgendermaßen zu würdigen: _ „Der Gebrauch einer einheitlichen Sprache, wie sie die Zionisten in Palästina anstreben, ist eine volkswirtschaftliche Notwendigkeit für eine Volksgemeinschaft, die erst aus Trümmern zusammenwachsen soll. Und dabei scheint mir, soweit ich mir als Christ ein Urteil erlauben darf, der reinste Idealismus im Spiel zu sein, dessen Motive zum mindesten überall Anerkennung finden sollten. Die Forderung der Zionisten, daß das neu erstehende Gemeinwesen in der historischen Sprache seiner Ahnen und Blutsgemeinschaft auch seine lebendige Sprache besitze, ist durchaus verständlich. Die Zionisten haben recht, wenn sie in der Verbreitung des Hebräischen den Lebensnerv ihrer Bewegung sehen: denn die Sprache ist noch mehr als ein Mittel, um der Segnungen und Vorteile einer Volks-Organisation teilhaftig zu werden; aus ihr spricht die Seele eines Volkes, und wo der Stolz aui eine große, noch immer im höchsten Sinne wirksame alte Literatur hinzukommt, mag die Hofinung als schöner Ansporn dienen, daß die Neubelebung einer historischen Sprache, auf dem Grunde einer neuen Volksgemeinschaft, auch neue Kulturwerte zeitigen werüe. Die historisch erwiesene Begabung der Juden bürgt daiür, daß es sich nicht um eine leere Hoffnung handelt. Von der Bildung der von den Zionisten erstrebten neuen Gemeinschaft in Palästina, welche die verschiedenartigsten Gruppen in sich schließt, darf man annehmen, daß eine Menge unverbrauchter Kräfte frei werden. Die europäische Kultur wird durch diese Bewegung nichts verlieren; sie kann im Gegenteil nur gewinnen, wenn eme neue Stimme unter den Völkern vernehmbar wird. Und warum sollten die Zionisten, in denen eine große Hoffnung lebt, nicht das tun, was so viele moderne Völker getan haben? Denn historisch betrachtet, schließt sich die Bewegung den Bestrebungen anderer moderner Bluts- und Volksgemeinschaften an, im Rahmen geschlossener Staaten ihr Dasein zu ordnen und das eigene Wesen zu steigern." Freiherr Emanuel von Bodmann einer der feinsinnigsten deutschen Dichter, dessen geistige Eigenart ein inniges Verwachsensein mit seiner süddeutschen Heimat verrät, schreibt uns: „Mir scheint, daß die gegen die Zionisten von andersdenkenden Juden abgegebene Erklärung jeden befremden muß, der die Ziele des Zionismus, auch im weiteren Sinn genommen, zu würdigen weiß. Ob und inwieweit Zionisten zur Schroffheit der Erklärung ihrer jüdischen Mitbrüder selber beigetragen haben, entzieht sich meiner Beobachtung. Mir scheint aber der Inseratenteil von Zeitungen, die von außerhalb Stehenden gelesen werden, nicht als der rechte Platz, solche häusliche Kämpfe auszufechten. Inhaltlich basiert die Erklärung auf einem Irrtum: christliche Deutsche und deutsche Juden trennt nicht nur der Glaube. Hier hat der Wille zur Assimilation eine Selbsttäuschung begangen. Nur durch Blutsvermischung beider Elemente könnte die Blutsannäherung stattfinden, die aber meines Erachtens für beide Teile wegen der zu schroffen Rassenverschiedenheit keineswegs wünschenswert wäre. Daß Juden vom nationalen Standpunkt aus gute Deutsche sein können, ist dagegen selbstverständlich. Ich erblicke im Zionismus eine ebenso edle und mannhafte, als instinktklare Bewegung selbstehrlicher und rassestolzer Juden, die ihre Art und Kultur erhalten und fortgebildet wissen wollen; als ein Wille und Versuch, zu einer Stammheimat zu kommen, die sie vom Gefühl der Heimatlosigkeit befreien soll. Ich kann mir denken, daß dies Ziel für einen Teil der Judenschaft verwirklicht werden wird, und daß dann auch der andere Teil, der sich anderen Völkern angepaßt hat, durch beständige Fühlung mit den Stammesbrüdern in der neuen alten Heimat in der Idee vom Gefühl der Heimatlosigkeit befreit sein wird, was einen Frohsinn in allen Juden, mögen sie sein, wer sie wollen, erzeugen kann. Eine Volksheimat auf altem Boden zu wissen, die Möglichkeit, sich zu einer Nation zu entfalten, wäre doch wohl ein Gefühl der Sicherheit, das nicht gering einzuschätzen ist. Umso mehr scheint mir, müßte die zionistische Bewegung von allen Juden der Erde gewürdigt ■werden, so weit sie auch von ihrem Ziel noch entfernt sein mag."