Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1913-01-01 · 1 (Dez. 1913-Jan. 1914) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
1 (1913-1914)
Issue
1 (Dez. 1913-Jan. 1914)
Date
1913-01-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9072829-9102850-9111075--00010-9072838
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

seinen eigenen Anlagen gemäß bis zu den natürlichen Grenzen seines Typus zu entwickeln. Sie sind zur Erkenntnis gekommen, diaß dies in der Zerstreuung nicht möglich ist, da unter diesen Verhältnissen Vorurteil, Haß, Verachtung sie immer verfolgen und bedrücken und entweder ihre Entwicklung hemmen oder sie zu einer ethnischen Mimicry nötigen werden, die aus ihnen statt daseinsberechtigter Originale mittelmäßige oder schlechte Kopien fremder Modeile machen wird. Sie arbeiten deshalb planmäßig darauf hin, das jüdische Volk wieder zu einem normalen Volke zu machen, das auf eigener Scholle lebt und alle wirtschaftlichen, geistigen, sittlichen und politischen Funktionen eines gesitteten Volkes verrichtet. Dieses Ziel ist nicht sofort zu erreichen. Es liegt in einer näheren oder ferneren Zukunft. Es ist ein Ideal, ein Wunsch, eine Hoffnung, wie es der messianische Zionismus war und ist. Der neue Zionismus, den man den politischen nennt, unterscheidet sich aber vom alten, religiösen, messianischen darin, daß er aller Mystik entsagt, sich nicht länger mit dem Messianismus identifiziert, die Rückkehr nach Palästina nicht von einem AVunder erwartet, sondern sie durch eigene Anstrengung vorbereiten will Der neue Zionismus ist nur zum Teil aus innerem Drängen des Judentums selbst hervorgewachsen, aus der Begeisterung modern gebildeter Juden für ihre Geschichte und Martyrologie, aus dem erwachten Bewußtsein ihrer Rassentüchtigkeit, aus ihrem Ehrgeiz, den uralten Stamm in eine möglichst ferne Zukunft hinüberzuretten und den Großtaten der Ahnen neue Großtaten der Nachkommen anzureihen; zum andern Teil ist er die Wirkung zweier Anregungen, die von außen gekommen sind: erstens des Nationalitäterigedankens, der ein halbes Jahrhundert lang das europäische Denken und Fühlen beherrscht und die Weltpolitik bestimmt hat, zweitens des Antisemitismus, unter dem die Juden aller Länder mehr oder weniger zu leiden haben. Der Nationalitätengedanke hat alle Völker zu Selbstbewußtsein erzogen, sie gelehrt, ihre Besonderheiten als Werte zu empfinden, und ihnen den leidenschaftlichen Wunsch nach Unabhängigkeit eingegeben. Er konnte auch an den gebildeten Juden nicht spurlos abgleiten. Er hielt sie an^ sich auf sich slbst zu besinnen, sich wieder, was sie verlernt hatten, als besonderes Volk zu fühlen und für sich normale Volksgeschicke zu fordern. Erleichtert wurde ihnen diese nicht schmerzlose Arbeit der Wiederfindung ihrer Volksindividualität durch die Haltung der Völker, die sie als fremdes Element aus sich ausschieden und ohne Höflichkeit eder Schonung die wirklichen oder eingebildeten Gegensätze oder doch Unterschiede zwischen ihnen und den Juden hervorhoben. Der Nationalitätengedanke hat in seinen Ueberireibungen zu Ausartungen geführt. Er ist zu Chauvinismus abgeirrt, zu einfältigem Fremdenhaß versimpelt:, zu grotesker Selbstvergötteruiig verdummt. Vor diesen Selbstkarikaturen ist 'der jüdische Nationaliismus wohl sicher. Der jüdische Nationalist leidet nicht an Ueberhebung; er fühlt im Gegenteil, daß er sich unablässig anstrengen muß, um den Namen Jude zu einem Ehrennamen zu machen. Er erkennt bescheiden die guten Eigenschaften anderer Völker an und sucht sie sich emsig anzueignen, soweit sie mit seinen natürlichen Anlagen harmonisieren. Er weiß, welche furchtbaren Schäden Jahrhunderte der Sklaverei und Rechtlosigkeit in seinem ursprünglich stolzen und aufrechten Charakter angerichtet haben, und er sucht sie mit intensiver Selbsterziehung zu 3 heilen. Bewahrt der Nationalismus sich aber vor Verirrungen, so ist er eine natürliche Phase des Entwicklungsganges vom barbarisch selbstsüchtigen Individualismus zum freien Menschentum und Altruismus, eine Phase deren Berechtigung und Notwendigkeit nur leugnen kann, wer gar kein Verständnis für die Gesetze der organischen Evolution und gar keinen geschichtlichen Sinn hat. Der Antisemitismus hat gleichfalls viele gebildete Juden 'den Rückweg zu ihrem Volke finden gelehrt. Er hat die Wirkung einer scharfen Prüfung gehabt, welche die Schwachen nicht bestehen können, aus der aber die Starken stärker oder doch selbstbewußter hervorgehen. Es ist nicht richtig zu sagen, daß der Zionismus lediglich eine Trotzgebärde oder Verzweiflungstat gegen den Antisemitismus ist. Gewiß ist mancher gebildeter Jude nur durch den Antisemitismus zum Wiederanschluß an das Judentum gedrängt worden und' er würde wieder abfallen, wenn seine christlichen Landleute ihn freundlich aufnehmen würden. Aber bei den meisten Zionisten war der Antisemitismus nur eine Nötigung, über ihr Verhältnis zu den Völkern nachzudenken, und ihr Nachdenken hat sie zu Ergebnissen geführt, die ihr dauernder Geistes- und Gemütsbesitz bleiben würden, auch wenn der Antisemitismus gänzlich aus der Welt verschwände. Wohlverstanden: der bisher analysierte Zionismus ist derjenige der gebildeten und freien Juden, der jüdischen Elite. Die ungebildete, an alten Traditionen hängende Menge ist zionistisch ohne viel Nachdenken, aus Gefühl, aus Instinkt, aus Qual und Sehnsucht. Sie leidet zu hart unter der Not des Lebens, unter dem Haß der Völker, unter den gesetzlichen Beschränkungen und gesellschaftlichen Aechtungen. Sie fühlt, daß sie auf keine dauernde Besserung ihrer Lage zu hoffen hat, so lang sie als ohnmächtige Minderheit inmitten übelgesinnter Mehrheiten leben muß. Sie will ein Volk sein, sich in inniger Berührung mit der mütterlichen Erde verjüngen und Herrin ihres eigenen Schicksals werden. Diese zionistische Menge ist zum Teil nicht ganz frei von mystischen Tendenzen. Sie läßt in ihren Zionismus messianische Reminiszenzen hineinspielen und durchsetzt ihn mit religiösen Emotionen. Sie ist sich wohl über das Ziel, die nationale Wiedervereinigung, nicht aber über die Wege klar. Doch hat auch sie schon die Notwendigkeit eigener Anstrengungen begriffen und es besteht ein ungeheurer Unterschied zwischen ihrer aktiven Organisationsbereitschaft und Opferwilligkeit und der gebetseligen Passivität des rein religiösen Messianisten. Für die jüdische Volksschule. Von Dr. Ludwig Wassermann. Simon D i n g f e 1 d e r , den seine Schriften über die soziale Lage des israelitischen Lehrerstandes zum anerkannten Sachverständigen in jüdischen Schulfragen gemacht haben, hat im Verein mit dem bekannten Schulmann Dr. S. Adler bei J. Kauffmann in Frankfurt a. M. eine Broschüre erscheinen lassen, in welcher er die jüdische Volksschule in Süddeutschland einer eingehenden, sachgemäßen und gründlichen Behandlung unterzieht. Uns interessieren speziell die bayerischen Verhältnisse. Diese sind geregelt im Judenedikt von 1813. dessen § 33 noch heute das Grundgesetz für die jüdischen Volksschulen bildet. Hier heißt es: „Den Juden ist bewilligt, eigene Schulen zu errichten, wenn sie vorschriftsmäßig gebildete

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.