Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- 1 (Dez. 1913-Jan. 1914)
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 1 „Den Zionismus habe ich einmal ein endloses Ideal genannt. Und ich glaube wirklich, daß er auch nach der Erlangung unseres Landes Palästina nicht aufhören wird, ein Ideal zu sein. Denn im Zionismus, wie ich ihn verstehe, ist nicht nur das Streben nach einer rechtlich gesicherten Scholle für unser armes Volk enthalten, sondern auch das Streben nach sittlicher und geistiger Vollendung." Äus Theodor Herzls „Reisesegen", seiner letzten Kundgebung, geschrieben im März 1904. Der Zionismus. Von Max Nordau. I. Messianismus und Zionismus. — Reformjudentutn. — Reformern Umweg zum Christentum. Der Zionismus ist ein neues Wort für eine sehr alte Sache, soweit er bloß die Sehnsucht des jüdischen Volkes nach Zion ausdrückt. Seit der Zerstörung des zweiten Tempels durch Titus, seit der Zerstreuung des jüdischen Volkes in alle Länder hat dieses Volk nicht aufgehört, die Rückkehr in das verlorene Land der Väter heiß zu ersehnen und auf sie fest zu hoffen. Diese Zionssehnsucht und Zionshofinung der Juden war der konkrete, ich möchte sagen der geographische Anblick ihres Messias-Glaubens, der seinerseits einen wesentlichen Bestandteil ihrer Religion ausmachte. Messianismus und Zionismus waren tatsächlich fast zwei Jahrtausende lang identische Begriffe, und ohne Spitzfindigkeit und Deutelei wird es nicht leicht sein, die Gebete um das Erscheinen des verheißenen Messias und die um die nicht minder verheißene Rückkehr in die geschichtliche Heimat in der jüdischen Liturgie auseinanderzuhalten. Diese Gebete waren bis vor wenigen Menschenaltern buchstäblich gemeint, wie sie es von den schlicht gläubigen Juden noch heute sind. Die Juden wußten es nicht anders, als daß sie ein Volk seien, das zur Strafe für eigene Schuld sein angestammtes Land verloren hat, das als Fremdling in fremden Ländern zu leben verurteilt ist und dessen schwere Leiden erst aufhören werden, wenn es wieder auf dem geweihtem Boden des heiligen Landes versammelt sein1 wirdl Erst als gegen die Mitte des 18. Jahrhunderts die Aufklärung, als deren erster Herold der Populärphilosoph Moses Mendelssohn bekannt ist, in das Judentum einzudringen begann, wurde dies anders. Der Glaube wurde lauer, die Gebildeten, soweit sie nicht ganz abfielen^ begannen die Lehren ihrer Religion rationalistisch aufzufassen, für sie war die Zerstreuung des jüdischen Volkes eine endgültige und unabänderliche Tatsache, sie entleerten den Messias- und Zionsbegriff jedes konkreten Inhaltes und legten sich eine sonderbare Lehre zurecht, nach welcher das den Juden verheißene Zion nur in einem geistigen Sinne zu verstehen sei, als die Aufrichtung des jüdischen Monotheismus für die ganze Welt, als einstiger Triumph der jüdischen Ethik über die minder hohen und edlen Sittenlehren der anderen Völker. Die Mendelssohnsche Aufklärung entwickelte sich folgerichtig in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur „Reform", die bewußt mit dem Zionismus im jüdischen Glauben brach. Für den Reformjuden hat das Wort Zion ebensowenig einen Sinn als das Wort Zerstreuung. Er fühlt sich in keiner Diaspora. Er leugnet, daß es ein jüdisches Volk gibt und daß er dessen Mitglied ist. Er will nur dem Volke angehören, in dessen Mitte er lebt. Für ihn ist das Judentum ein rein religiöser Begriff, der mit Nationalität nicht das geringste gemein hat. Sein Geburtsland ist ihm sein Vaterland und em anderes will er nicht kennen. Der Gedanke einer Rückkehr nach Palästina empört ihn oder reizt ihn zum Lachen. Er hält ihm den bekannten albernen Witz entgegen: „Wenn das jüdische Reich in Palästina wieder aufgerichtet werden sollte, so würde ich verlangen, sein Botschafter in Paris zu sein." Den denkenden Juden ist es auf die Dauer nicht entgangen, daß das Reformjudentum eine Halbheit ist, die wie jede Halbheit den Keim des Unterganges* in sich trägt, da sie einer logischen Kritik nicht einen Augenblick lang widersteht. Wen soll das Reformjudentum befriedigen? Den gläubigen Juden? Er stößt es mit dem tiefsten Abscheu von sich. Den ungläubigen? Er verabscheut es als eine Heuchelei und Phrasendrescherei. Den Juden, der wirklich mit seiner Volksvergangenheit brechen und in seiner christlichen Umgebung aufgehen will? Diesem Juden genügt das Reformjudenitum nicht, er geht einen Schritt weiter, den Schritt, der zum Taufbecken führt. Noch weniger genügt es dem Juden, der das Judentum vor dem Untergange bewahren, es als ethnische Individualität erhalten möchte. Denn ihm ist der ausdrückliche Verzicht auf alle nationale Hoffnung gleichbedeutend mit der Selbstverurteilung zum vielleicht langsamen, aber sicheren Tode des jüdischen Volkes. Das Reformjudentum ohne Zionismus, das heißt ohne den Wunsch und die Hoffnung einer Wiedervereinigung des jüdischen Volkes, hat keine Zukunft. Es kann höchstens als ein etwas krummer Weg betrachtet werden, der ins Christentum hinüberführt. Wer an dieses Ziel gelangen will, der findet heute geradere und kürzere Wege dazu. IL Die neuen Juden. — Die Entstehungsgründe des politischen Zionismus. — Der Nationalitätengedanke — Ist der Nationaljude Chauvinist? — Der Antisemitismus. — Der instinktive Gefühlszionismus. Und so ist den Geschlechtern, die unter dem Einfluß der Mendelssohnschen Schönrednerei und Aufklärung, der Reform und Assimilation standen, im letzten Fünftel des 19. Jahrhuhdertes ein neues Geschlecht gefolgt, das zur Zionsfrage eine andere als die traditionelle Stellung zu gewinnen sucht. Diese neuen Juden zucken die Achsel bei dem seit hundert Jahren in Schwang gekommenen Rabbiner- und Literatengeschwätz von einer „Mission des Judentums", die darin bestehen soll, daß die Juden ewig unter den Völkern in der Zerstreuung leben müssen, um ihnen Lehrer und Vorbilder der Sittlichkeit zu sein und sie allmählich zu reinem Rationalismus, zur allgemeinen Menschenverbrüderung und zu einem idealen Kosmopolitismus zu erziehen. Sie erklären diesen Missionsdünkel im eine Anmaßung oder für eine Torheit. Sie verlangen bescheidener und realistischer für das jüdische Volk nur das Recht, zu leben und sich