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Das jüdische Blatt · 1914-07-31 · 31 (31.7.1914) · p. Seite 2

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
V (1914)
Issue
31 (31.7.1914)
Date
1914-07-31
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 Das jüdische Kiatt. Nr. 31 dem Untergang verfallen müßte. — Wenn der Prophet in bitterem Schmerz klagend ausruft: daß bei seinen Zeitgenossen Sabbat- und Festtage in Vergessenheit geraten sind (Echo C. II): ist dieser Vorwurf nicht auch in der Gegenwart gerechtfertigt? Wie schwer wird in unserer Zeit gegen die Sabbatfeier, diese Grundsäule des Judentums, ohne welche jüdisches Pflichtleben undenkbar ist, öffentlich gesündigt? — Wenn es weiter in den Klageliedern (C. I) heißt: „Die Wege, die nach Zion führen, trauern, sind verwaist", begegnen wir nicht auch heute in unserer Mitte dieser betrübenden Erscheinung, daß die Wege, die nach Zion, dem Gottes- Heiligtum in der Mitte jeder Gemeinde, der Synagoge, führen, verlassen und verödet sind, weil sich niemand zum gemeinsamen, täglichen Gottesdienste einfindet aus sträflichem Leichtsinn und religiöser Gleichgültigkeit? — Wenn im Namen Jerusalems wir ferner den Wehruf aus dem Munde des Propheten (C. I) vernehmen: Verödet sind meine Kinder, was unsere Weisen ergänzen mit den Worten: daß die Vernachlässigung des Jugendunterrichts die Verwüstung der heiligen Stadt herbeigeführt (Sabbat 119), findet dieser schwerwiegende Vorwurf nicht die vollste Anwendung auf das heutige Israel? Wird nicht einem sehr großen Teil unserer Jugend die geistige Nahrung des göttlichen Wortes entzogen, was sie dann um so sicherer dem religiösen Abfall in die Arme treibt? Wie wenige unserer heranreifenden Söhne und Töchter haben eine Ahnung vom Wesen und der erhabenen Bedeutung des Judentums und seiner die Grundlage aller Veredlung und Gesittung bildenden Offenbarungen?- Indem aber das Buch der Klagelieder so nachdrücklich auf den tiefgehenden religiösen und sittlichen Verfall hindeutet, durch welchen das göttliche Strafgericht über Zion und Jerusalem hereingebrochen, weist es auch zugleich hin auf die Bedingungen der Wiedererstehung und Erhebung. Wie die Anerkenntnis und Erfüllung der Lehre Gottes vor grauer Vorzeit die Blüte und den nationalen Wohlstand Israels im Lande der Verheißung b e - gründete; wie ferner die aufrichtige' Rückkehr zu dem auf Zion ruhenden Gottesworte, wie die hl. Propheten wiederholt verkündet, die Fortdauer und den Fortbestand des jüdischen Staates und des Heiligtums gesichert hätten: so ist es auch das treue Festhalten am Bunde Gottes und an den Idealen unserer großen Vergangenheit, der einzige Weg, der die Tage unseres vor Jahrtausenden erloschenen Glanzes erneuern und unsere Heiligtümer aus Schutt und Trümmern zu erheben vermöchte. Rabb. Schüler. Zur potitischen Lage. Auf die serbische Mordwaffe ist bald die österreichische Note gefolgt. Schon ist der Krieg zwischen Oesterreich und Serbien da. Und die Welt schwebt zwischen Bangen und Hoffen. Die Gefahr eines Weltbrands ist zu fürchterlich, als daß man nicht hoffen sollte, daß die Hochstehenden, die das Geschick Europas in Händen haben, davor zurückschrecken, die Völker Europas in diesen Abgrund zu stürzen. Noch ist die Hoffnung berechtigt, daß der Kaiser von Deutschland in seinem hohen Verantwortungsgefühl das Verderben, das über uns schwebt, von uns abwende. Wenn auch der gegenwärtige Augenblick sehr ernst ist, — die Augen der Welt sind auf ihn, den Friedenskaiser, gerichtet, daß er seinem bewährten Ruhm als Friedensfürst die Krone aufsetze. Viel, sehr viel hängt von dem Kaiser von Rußland ab, ob er kaltes Blut bewahren und keinen unüberlegten Befehl herausgibt, der für die Welt verhängnisvoll werden könnte. Die Ueberzeugüng von der Gerechtigkeit Gottes gestatte: uns nicht, anzunehmen, daß Könige und Kaiser, die über den Bestand einer Welt entscheiden dürfen, über die vollständige Freiheit ihres Willens verfügen. Me Wasserkanäle sind die Herzen der Könige in der Hand Gottes, sagt der König Salomo, wohin er will, lenkt Gott sie. Wasserkaräle können die Fluren befeuchten und befruchten und dem Austausch der Völker reichen Segen bringen; aber wenn sich ihre Schleusen zur Unzeit öffnen, können die Wasser in verheerender Ueberschwemmung sich über gesegnete Gefilde stürzen und «alle Werke der Kultur vernichten. So sind die Herzen der Kaiser in der Hand Gottes, wohin er will, leitet er sie. Väter und Mütter, große gesittete Völker, mögen beten, daß Gott, in dessen Hand i)ie Herzen der Könige sind, diese zum Frieden hinlenke. Zur Lage in Kapern. Wir entnehmen!>er Deutsch-israelischen Zeitung in Regensburg (Herausgeber Herr Distriktsrabbiner Dr. S. Meyer in Regensburg) wortgetreu, auch nach unterstrichenen Stellen und Bemerkungen, folgenden Bericht: 38. Sitzung der Kammer der Reichsräle am 17. Juli 1914. Reichsrat Erzbischof von Bamberg Dr. Ritter v. H a u ck: Hohe Herren! Ich bin von einigen Deputationen der orthodoxen Judenschaft gebeten worden, bezüglich der Revision des Judenedikls auch ihre Ansicht hier kundzugeben. Ich weiß nicht, ob der Herr Staatsminister für Kirchen- und Schulangelegenheiten noch auf dem Standpunkte stellt, den er im Ausschüsse vertreten hat, daß ein Entwurf zu einem neuen Judenedikt vorgelegt werden soll. Es sind nämlich in der Judenheit so viele verschiedene Richtungen, daß die große Zahl der orthodoxen Juden es mit Bedauern sehen würde, wenn eine Revision des Judenedikts zustande käme. Diese Kreise haben nicht mir einmal mündlich, sondern auch schriftlich und durch Deputationen mich gebeten, ihre Ansichten und Gedanken hier kundzugeten, vor allem, daß durchaus keine Einigkeit zwischen den verschiedenen Richtungen innerhalb der Judenheit zu erwarten' ist; denn die Gegensätze sind viel zu groß, und wenn eine Revision des Judenedikts in der Weife, wie es geplant sei, stattfinden wird, so würde dieselbe nur zum Schaden der Orthodoxen dienen. Sie bedeutet eine Begünstigung der Neologen und bringt in die jüdische Konfession eine vollständige Zerrüttung. Namentlich haben die Orthodoxen außerordentlich große Bedenken gegen die geplante Zenlralkasse. Diese soll ja dazu dienen, die minderleistungsfähigen Gemeinden in der Judenheit zu unterstützen und ihnen die Mittel an die Hand geben zur Befriedigung ihrer Kultusbedürfnisse. Nun meinen gerade verschiedene orthodoxe Rabbiner, es würde den Neologen ein ganz gewaltiges Mittel in die Hand gegeben, um ihre Ansichten durchzusetzen und das orthodoxe Judentum immer mehr zurückzudrängerr; denn es muß für diese Zentralkasse auch eine Verwaltung gervählt und ein Beirat aufgestellt werden. Dieser Hat es dann in der Hand, über die einzelnen Kultusbedürfnisse zu entscheiden, die Mittel zu gewähren oder sie zu verweigern, und insoserne würden sie dann einen großen Einfluß auf das Bekenntnis überhaupt üben und bei dem Ueberwiegen der großen städtischen Gemeinden würde dann das orthodoxe Judentum Schaden haben und immer mehr zurückgedrängt werden. Ebenso bestehen Bedenken auf dieser Seite gegen die Auslnltsmöglichkeit. Es soll nämlich dem «einzelnen, der nicht mehr mit der Richtung einer bestehenden Gemeinde' übereinstimmt, die Möglichkeit ge--

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