Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- V (1914)
- Issue
- 31 (31.7.1914)
- Date
- 1914-07-31
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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"Reich und Ausland: Lellungsprelsltlte. Lsyern: Leitungsnummer S4S. Geschäftsstelle: —— M. DuMont Echauberq, Strastburp i. Elf. -—- Vertretullg für Bayern und Württemberg: L'taT Eichinger, Königl. Hofbuchbändler, Ansbach (Bayern). Zu beziehen: Durch die Geschäftsstelle; außerdem in Stratzburg durch die Elsässistbe Aktiengesellschaft vorm. A. Ammei. In Basel durch I. Nordmann. Socim'traße 36. In Zürich durch 21. Schneider, Badenerstraße 123. Bezugsbedingungen: Pro Quartal per Post 75 Pfg. (exkl. Zustellungsgebühre«), per Streifband M. 1.25. In Frankreich unter Streifband 2.50 Fr. da« Vierteljahr, 10 Fr. das Jahr. In der Schweiz per Post 4 Fr. das Jahr ohne Bestellgeld, unter Streifband 10 Fr. da« Jahr. I« Oesterreich per Post 4 Kr., per Streifband 9 Kr. daS Jahr. I« England 2 Schilling, Amerika 50 Cents per Vierteljahr. -In>Lrate nach Tarif.- Abonnements nimmt jede DoltanNalt entgegen. V. Jahrgang Ttratzburg, 3t. Juli 1914, 8. Uv 5674. Or. 31 Inhalt. Leitartikel: Zum 9. Av. — Zur politischen Lage. — Zur Lage in Bayern. — Der freireligiöse — richtiger religionslose — Moralunterricht an bayerischen Schulen verboten. — Aus aller Welt. — Korrespondenzen. — Wochenkalender. — Gebetszeiten. — Familiennachrichten. — Rätsel-Ecke. — Briefkasten. — Vermischtes. — Bücherbesprechung. — Sprechsaal. — Mutter und Sohn. — Inserate. Zum i). Av. Unter den Gedenkzeiten, die uns alljährlich den Verlust unserer einstigen Größe, unserer staatlichen Selbständigkeit ins Gedächtnis rufen, ist es der fünfte Monat des jüd. Jahres, der die wehmütigsten Erinnerungen erweckt. Ueber die Zeit, die dieser Monat einleitet, hat von jeher der unheilvollste Sturm über Israel gewaltet. Niemals hat die strafende Hand Gottes so schwer auf seinem Volke gelastet als am 9. dieses Monats, diesem Tage des Wolkendüsters und der Finsternis, an welchem der Schmuck und die Zierde Israels von des Himmels Höhe in die tiefste Erdentiese geschleudert wurde, an welchem dreimal die Blüte und die Herrlichkeit Judas in den Staub gesunken und die Nationaltrauer daher ihren Höhepunkt erreicht. — An diesem Tage ließ der babylonische Machthaber die Gottesstadt zerstören, Iden Tempel einäschern und das jüdische Volk, das seine staatliche Existenz verloren, in schmachvolle Gefangenschaft führen. Und nachdem sich die Stadt und das Gottesheiligtum wieder zu neuem Glanz erhoben und vielseitiges, religiöses Leben im hl. Lande entwickelt hatte, war es wieder am 9. des fünften Monats, daß der rauhe Römer über die Tempelmauer stürmte, die Brandfackel ins Allerheiligste schleuderte und das Heiligtum in Schutt und Asche verwandelte. Nach allen Richtungen wurde der Rest Israels zersprengt, bis sich im Laufe der Zeiten eine gastliche Aufnahme auf der spanischen Halbinsel eröffnete. Eine neue glanzvolle Periode schien für unser Volk gekommen; die Lehre Gottes fand doA wieder die weitgehendste Pflege, Künste und Wissenschaften fanden die vornehmsten Vertreter in jüdischen Kreisen und Söhne des jüdischen Stammes wurden zu hohen Staatsämtern berufen. Und wieder war es am Gedächtnistage von Jerusalems Sturz und Verödung, am 2. August 1492, wo dem Volke Gottes durch wütenden Glaubenshaß der Boden unter den Füßen entzogen wurde. Hunderttausende mußten blutenden Herzens von dem liebgewordenen heimatlichen Boden scheiden und zum Wander- und Bettelstab greisen. Gehaßt und geächtet, von Not und Elend verfolgt, wurden die Flüchtigen, vom Sturmwind namenlosen Unglücks umhergetrieben, nach allen Enden des Erdkreises verschlagen. — In Klageliedern und Trauergesängen ziehen an diesem Tage trauriger Erinnerung gar viele tränenreiche Bilder an unserm Innern vorüber, auf deren Hintergrund wir immer wieder und wieder im Geiste die düstere Glut, die lodernden Flammen sehen, die das Tempelheiligtum in Schutt und Trümmer geworfen, gleichsam als deutlichster Hinweis, daß alle die namenlosen Leiden, die Israel auf seiner langen Exilswanderung heimgesucht, aus dem Zusammenbruch des göttlichen Heiligtums erfassen, dieser Tronstätte der göttlichen Herrlichkeit, dieses Glanzpunktes unserer Vergangenheit, dessen das gotterkorene Volk unwürdig geworden war durch Mißkennung seiner großen Bestimmung, durch ein gottentfremdetes Leben, durch Sünde und Abfall: daher klagt der heilige Prophet, der so bittere Tränen auf den rauchenden Trümmern Jerusalems geweint und das große Martyrium seines Volkes im Laufe der Zeiten vorausgeschaut: „Darum ist unser Herz krank und unser Auge umdüstert ob des Z i o n s b e r g s, der verödet ist," ob der erhabenen Stätte auf der Höhe des Moria, wo der Strahl des göttlichen Wohlgefallens nun erloschen ist, der von dort aus so weithin über uns geleuchtet. Nicht dem staatlichen Zusammenbruch, nicht dem Verluste politischer Selbständigkeit und materieller Güter gilt die jüdische Nationaltrauer, sondern vornehmlich der Zerstörung des göttlichen leuchtung für Israel und die Allmenschheit — und den betrü- Gesetzesheiligtums, dieses Quellpunktes aller Religionen, aller Erbenden Anlässen, die den hl. Gottestempel in Trümmer warfen. Denn der Wurm der Gottlosigkeit hatte an den Pfosten dieses Heiligtums genagt, in welchem Gottes Gesetz als das Allerheiligste unter Cherubimfittigen ruhte, zu welchem das Leben und Streben des Volkes in äußersten Gegensatz geraten war. Im Lichte dieser Betrachtung hat die Trauerfeier des 9. Aw auch in unserer Zeit vollste, ungeschmälerte Berechtigung. Denn die Ursachen, die die Verwüstung unseres Heiligtums herbei geführt, bestehen heute noch in ungeschwächtem Maße und so oft der Jahrestag der Tempelzerstörung wiederkehrt, müssen wir eingestehen, daß die Anlässe noch nicht beseitigt und daß der hl. Tempel, wenn er wieder erstanden wäre, wie damals wieder