Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- V (1914)
- Issue
- 30 (24.7.1914)
- Date
- 1914-07-24
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 30. Das füdtfchr Klatt 5 als Titel einer solchen sei angeführt „Der Progrom gegen das polnische Volk". Der niedere Klerus predigt den Boykott von der Kanzel herab und belegt den privaten und geschäftlichen Verkehr mit Juden mit schweren Kirchenstrafen. Kein Wunder, daß es dann dazu gekommen ist, daß jüdische Kaufleute in erheblicher Anzahl mit einem Schlage ruiniert wurden, daß christliche Angestellte ihren Dienst bei Juden kündigen, Hebammen sich weigern, jüdische Wöchnerinnen zu besuchen, daß Heilmittel boykottiert werden, mit denen Juden handeln, und Kranken, die sich zunächst von einem jüdischen Arzt behandeln ließen, später die ärztliche Hilfe eines christlich-polnischen Arztes versagt wird. In den Schulen vergiftet man die Gemüter der Jugend, und dies geschieht nicht nur in kleinen Orten, sondern in den Hauptstädten, in Lemberg und Krakau; Lehrerinnen haben z. B. den Kindern während der Unterrichtsstunde erzählt, daß die Juden zur Bereitung des Osterbrotes Christenblut verwenden, und sie aufgefordert, bei Juden nichts zu kaufen und auch von ihren Eltern das Gleiche zu verlangen. Diese Zustände, die der Barbarei in Rußland nahe kommen, bergen große Gefahren in sich. Welche Rückwirkungen zunächst auf das wirtschaftliche Leben die verschiedenen oben angeführten Faktoren ausüben, zeigt u. a. die Tatsache, daß nach österreichischen Angaben gegen Schluß des Jahres 1913 bei den jüdischen Genossenschaften ca. 90 Millionen Kronen zurückgezogen wurden, und daß von 800 jüdischen Genossenschaften ein sehr erheblicher Teil einging und eine große Anzahl der verbliebenen auch nur vegetiert. Im verflossenen Jahre ist auch infolge der trostlosen Verhältnisse die Auswanderung eine gesteigerte gewesen. Die Auswanderung nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika — der Gradmesser für die Höhe der allgemeinen wie der jüdischen Auswanderung — war im Fiskal- und im Kalenderjahr 1913 so hoch wie seit einer Reihe von Jahren nicht. Der neue Entwurf des österreichischen Auswanderungsgesetzes — zwei frühere aus den Jahren 1901 und 1908 gelangten nicht zur Verabschiedung — sieht eine Erschwerung der Auswanderung vor, was mit den Machenschaften der Agenturen der Canadian P. R.-Gesellschaft zusammenhängt. Eine solche Erschwerung würde auch die Juden hart treffen, denn die Auswanderung ist der letzte und einzige Rettungsweg für viele aus dem hoffnungslosen Elend. Frankreich. Die hetze gegen die jüdischen Ausländer in Paris. Die Vereinigung der kleinen Geschäftsleute des 4. Arrondissement von Paris nimmt ihre Hetze gegen die eingewanderte jüdische Bevölkerung wieder auf, die dieses Viertel dicht besetzt hat. Es sind in der letzten Zeit von der Pariser Judenheit Versuche begonnen worden, den Mißständen, die die Uebervölkerung dieser Gegend von Paris mit ausländischen Juden herbeiführen, dadurch abzuhelfen, daß in einem Vorort, etwa Vincennes, eine Kolonie von Arbeiterhäusern angelegt wird. Etwas wird jedenfalls in dieser Richtung geschehen müssen, denn die antisemitischen Treibereien verfolgen das Ziel, das Arrondissement von Juden zu säubern, und zur Erreichung dieses Zweckes scheint ihnen kein Mittel zu verwerflich. Diese Kreise treten in ihrem Monatsblatt „Le Reveil Commercial" ihre von Haß eingegebenen Beschuldigungen breit, und, anstatt menschliches Mitgefühl mit diesen Opfern russischer Verfolgung zu empfinden, rufen sie bereits die Macht der Gesetzgebung an, um die Einwanderung einzuschränken und den hohen von der Republik verkündeten Idealen der Freiheit und Gerechtigkeit zum Trotz, Ausnahmemaßregeln gegen diese „unerwünschten Fremden", „les Inddsirables", wie sie sie nennen, zu verlangen. Diese Bestrebungen gegen die „Inddsirables" haben bereits in der Kammer ein Echo in einem Anträge des Pariser Abgeordneten Pugliesi Conti gefunden, der verlangte, man solle die ausländischen Arbeiter mit einer besonderen Steuer belegen. Der Antrag ist zwar gefallen, aber der Ministerpräsident Diviani hat zugesagt, nach genauer Untersuchung mit positiven Vorschlägen zur Bekämpfung hervorzutreten. Es ist jedenfalls schon wegen des giftigen Stils von Interesse, den Artikel des Leeretaire general der ,,Pederation cketz Unions des Commergant.s Industriels et Patentes de Paris“, der zugleich der Herausgeber von dessen monatlichen Organ ist, des „Reveil Commercial" kennen zu lernen. Der Artikel lautet: Mitten im Herzen von Paris, zwei Schritte vom „Hotel de Ville", befindet sich die Gegend der schmutzigen Fremden. Es gibt da ganze Straßen, die von unzähligen Spelunken umsäumt sind, in denen, in ekelhaste alte Kleiderfetzen gehüllt, ein absonderliches und unsauberes Volk wimmelt, Rumänen, Armenier, Araber, Türken, Russen, Polen, Chinesen usw. Dies alles stampft im Dreck, kauderwelscht alle möglichen Idiome, lebt, ich weiß nicht wovon, und bildet den gefährlichsten Herd für widerliche und ansteckende Krankheiten. In allen diesen Straßen sind die Polizeivorschriften toter Buchstabe. Ueberall stellt sich ein eingefressener Schmutz triumphierend zur Schau. Ueberall beherbergen Zimmer ohne Lust Dutzende von Menschen, wo höchstens zwei wohnen sollten, überall Lebensbedingungen, die ein Hohn auf die Gesetze der Hygiene sind. Hier hält der Tod die reichste Ernte in Paris. Die Epidemien erlangen hier eine ungewöhnliche Heftigkeit, denn die ansteckenden Krankeiten finden hier den günstigsten Boden. Es sind ihrer mehr wie 10 000 Personen im Quartier St. Gervais. Dank der Furcht und dem Ekel, den sie verbreitet haben, sind die ursprünglichen Bewohner dieser friedlichen Straßen vertrieben worden. Die Menschenüberschwemmung ist so groß, daß die Inschriften über den Kramen hebräisch oder russisch sind. Noch mehr! Auf dem Polizeibureau der Rue Vieille du Temple mußte man die Aufschriften an den Wänden und Mauern, wie sie in allen Polizeibureaus üblich sind, auf russisch und hebräisch übersetzen. Es ist doch höchst bedauerlich, daß ein armer französischer Arbeiter, der reinlich und fleißig ist, aus seiner Wohnung vertrieben wird, weil er 3 oder 4 Kinder hat, während man den Eigentümern gestattet, Hunderte von Leuten dieser Sorte aufzunehmen. Sollen wir ohnmächtig der Fremdenüberschwemmung zusehen, die über unser Arrondissement ohne Unterlaß hereinbricht? Wird unser Alarmruf endlich gehört werden? Wird man endlich höheren Orts uns von allen diesen lästigen Ausländern befreien, von denen immer einer schmutziger ist wie der andere, und die in die sowieso ungesunden Häuser dauernde Keime ansteckender Krankheiten verschleppen? Wir glauben, daß wir ein Recht darauf haben, verteidigt zu werden, daß die Polizeipräfektur die Pflicht hat, das Gesetz vom Juli 1912 anzuwenden, das den Aufenthalt der Fremden in Frankreich regelt und der Seinepräfektur, den Hauseigentümern aufzuerlegen, sich den Gesundheitspolizeilichen Vorschriften zu fügen. Der Artikel ist gezeichnet A. Varagne, dem Generalsekretär der Union des Commergants du IVe Arrondissement. Hand in Hand mit ihm geht als Abgeordneter und Mitglied des Pariser Gemeinderats Henri Galli. „Ich habe mich stets mit dieser äußerst wichtigen Frage beschäftigt", sagt dieser in einem Artikel der späteren Nummer des gleichen Blattes, „Ich bearbeite jetzt den Polizeipräfekten, damit er die Gesetze über den Aufenthalt der Fremden streng handhabe. Es ist nicht mehr allein das 4. Arrondissement, das durch die „Iinldsirables" eingenommen ist,