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Das jüdische Blatt · 1914-07-10 · 28 (10.7.1914) · p. Seite 6

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
V (1914)
Issue
28 (10.7.1914)
Date
1914-07-10
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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6 Das jüdische Klatt. Nr. 28 Kolonistenfamilien gezählt, im Chersoner Bezirk 4087 Familien mit zusammen 35 000 Personen. Nach den gleichen offiziellen Angaben zu urteilen, bearbeiten die Juden den Boden nach den neuesten Methoden und stehen hinter den deutschen Kolonisten nicht zurück, die ihre landwirtschaftlichen Güter als Musterfarmen bezeichnen. Schwieriger hat sich die Lage der jüdischen Kolonisten in den westlichen Gouvernements und in Bessarabien gestaltet, wo sie selten eigenen Boden ankaufen können und wo die Pacht sich nicht lohnt. Dort geben sie sich mit Garten- und Weinbau ab. In Littau und Polen befindet sich nach dem statistischen Bericht des Kownoer Gouvernementskomitees die Gärtnerei ganz in jüdischen Händen. Im Grodnoer Gouvernement haben die Juden, als die ersten, den Anbau von Gurken eiugeführt. Auch in einem großen Teil des Minsker Gouvernements liegen die Juden dem Gartenbau ob, freilich auf gepachtetem Boden. Da aber die Regierung Pachtverträge mit Juden nicht anerkennt und nicht bestätigt, begnügen sich die Eigentümer des Bodens mit mündlichem Pachtvertrag. Daß die jüdischen Gärtner in Bessarabien Erfolge erzielen, hat die letzte, vor einigen Jahren in Petersburg organisierte landwirtschaftliche Ausstellung bewiesen, wo der „Jüdische Pavillon" die Aufmerksamkeit der Fachleute, ja, des russischen Ministeriums für Landwirtschaft auf sich gezogen hat. In Bessarabien befinden sich 62 Prozent aller Tabakplantagen in jüdischer Bearbeitung. Dort werden bei 3000 Arbeiter, darunter auch Frauen und Kinder, beschäftigt. Im ganzen bepflanzen die Juden in Bessarabien etwa 10 000 Desjatin Boden mit Tabak. Für viele wird die Mitteilung befremdlich klingen, daß es in Rußland etwa 163 000 Juden gibt, die ihren Lebensunterhalt allein aus der Bearbeitung des Bodens ziehen. Amerika. Ernesto Nathan, der Kommissar Italiens an der Weltausstellung von San Franziska und der katholische Boykott dieser Ausstellung. Der frühere Bürgermeister von Rom, Ernesto Nathan, ist bekanntlich von der italienischen Regierung zum Delegierten Italiens bei der Weltausstellung in San Franziska bestimmt und hat kürzlich eine erste Reise dorthin übernommen, um sich die Verhältnisse aus der Nähe anzusehen, eine Reise, von der er bereits auf dem Heimwege ist. Wir haben von der Boykottbewegung bereits berichtet, die die Katholiken in Nordamerika gegen die oben genannte Panamaausstellung ins Werk setzen aus dem einzigen Grunde, weil Ernesto Nathan der Delegierte der italienischen Nation bei der Weltausstellung sein wird. Es verlautet, daß auch der Papst diese Bewegung unterstützt. Er wird die Altertümer des Vatikan nicht auf die Ausstellung schicken, wie es bis jetzt bei fast allen Weltausstellungen geschehen ist. Ernesto Nathan hat bei Gelegenheit eines Interviews über diesen Boykott der Katholiken sich ungefähr folgendermaßen geäußert: Ich kann die Boykottresolution nicht begreifen. Soll ich annehmen, daß sie im Namen der 3 Millionen Katholiken der Vereinigten Staaten spricht? Ich kann dem entgegenhalten, daß, wo ich auch in Amerika erschienen bin, ich auch nicht eine Spur von Feindschaft von seiten der italienischen Katholiken bemerkt habe, auch in San Franziska nicht. Ueberall ist man mir mit der großen Freundlichkeit entgegengekommen. Man ist offenbar überezugt, daß meine Handlungen falsch gedeutet werden. Man will mich als Feind der katholischen Religion hinstellen, aber kein Mensch kann mehr Ehrfurcht vor der Religion haben als ich, fei es nun die katholische, die protestantische, die jüdische oder die mohammedanische. Dagegen bin ich ein erklärter Feind solcher politischen Parteien, die die Religion als Werkzeug oder als Waffe gegen ihre Gegner benutzen. Gegen solche Parteien habe ich immer gekämpft und werde ich immer kämpfen. Mein Kampf gilt nur einer Partei, die gegen Italien gerichtet ist, indem sie die weltliche Herrschaft des Papstes wiederherstellen will, nicht aber dem katholischen Glauben. Die Anhänger dieser Bestrebung verwechseln in ihrem ungeklärten Denken Religion mit Politik, sie wollen die mittelalterlichen Zustände in Italien wiederherstellen, dagegen kämpfe ich mit allen Kräften. Der frühere Bürgermeister von Rom, Ernesto Nathan, hat dann noch hinzugefügt, daß er in San Franziska alle Vorbereitungen für die Beteiligung Italiens an der Weltausstellung von San Franziska getroffen habe und daß er Ende des Jahres nach Amerika zurückkommen werde, um dann als Kommissar Italiens während der ganzen Dauer der Weltausstellung in San Franziska zu verbleiben. Palästina. Die jüdischen Königsgräber in der Davidsstadt. Auf Kosten des Barons Rothschild hat im Laufe des letzten Winters und in das Frühjahr hinein Kapitän Raymond Weil! Grabungen in Jerusalem vorgenommen, deren hauptsächlichster Zweck war, die altjüdischen Königsgräber aufzufinden. Bekanntlich wurde David begraben in dem ältesten Stadtteil Jerusalems, den er von den Jebusitern angekauft hatte und der Davidsstadt genannt wurde, und auch seine Nachfolger fanden dort ihre letzte Ruhestätte. Nach den topographischen Angaben Neh. c. 3 befanden sich diese Gräber innerhalb der damaligen Ummauerung, in geringer Entfernung von dem südlichen Tore. Herr Weill glaubt die Überreste derselben, allerdings greulich verwüstet, aufgefunden zu haben. Ein Tunnel ist in einer Tiefe von 7 bis 8 Metern in den Fels gegraben, in den man durch einen senkrechten Schacht hinunter gelangt. Am Ende einer 16 Meter langen Galerie finden sich tiefe Einschnitte in den Fels. Irgendwelche Überreste konnten nicht gefunden werden. Die ganze Anlage zeigt aber, daß hier eine Gräberstätte ist, und in dieser Ausführung kann es nur für königliche Gräber bestimmt gewesen sein. Außerdem hat Herr Weill noch sehr wichtige Ergebnisse erlangt für die genauere Bestimmung der Festungsmauern Jerusalems, sowie ihrer Kanalisation. Die einzige Inschrift, die er bei seinen Grabungen fand, datiert kurz vor der Zerstörung, und besagt in griechischer Sprache, daß „Theodotos, Synagogenvorsteher und Priester, Sohn und Enkel von Synagogenvorstehern, eine Synagoge gebaut hat für das Studium der Thora und das Lehren ihrer Gebote, sowie ein Unterkunftshaus nebst einer Badeanstalt zum Gebrauch der aus der Fremde Hergereisten." Es wäre zu wünschen, daß die Forschungen in Jerusalem noch weiter fortgesetzt werden könnten. Korrespondenzen. Strahburg. Einen großen Auflauf gab es am Samstag abend in der neuen Sy n a g o ge am Kleberstaden. Zwanzig jüdische Familien aus Galizien, russischer Nationalität, sind von dort ausgewiesen worden. Nach Rußland wollten sie nicht zurück, wo ihnen wohl auch nur eine neue Ausweisung geblüht hätte, und so zogen Männer,

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