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Das jüdische Blatt · 1914-07-03 · 27 (3.7.1914) · p. Seite 12

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
V (1914)
Issue
27 (3.7.1914)
Date
1914-07-03
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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12 Das jüdische Statt. Nr. 27 Vermischtes. Der Aeroplan „Israel". Wie der „Aurore" aus Jaffa berichtet wird, hat die seinerzeit gemeldete Sammlung der dortigen Juden für einen Aeroplan, der den Namen „Israel" führen soll, bereits bisher einen schönen Erfolg aufzuweisen. Die Sammlung ergab bisher 23 000 Franken, und da das Präliminare auf 30 000 Franken festgesetzt ist, so dürfte diese Summe bald erreicht sein. Die Jaffaer Juden wollen dann das Kriegsluftschiff „Israel" der ottomanischen Regierung, bzw. der Armee zum Geschenke machen. Die jüdische Bevölkerung Argentiniens. Die jüdische Bevölkerung Argentiniens ist von 6085 in 1895, jetzt auf etwa 100 000 jüdische Einwohner gestiegen, das macht etwa 1,25 Prozent auf die 8 Millionen zählende Bevölkerung Argentiniens. 40 000 davon sind in der Landwirtschaft tätig und leben auf dem Lande, etwa 40 000 leben in Buenos Ayres und 20- 25 000 leben in anderen Städten wie Rosario, Bahia usw. Die große Zahl der jüdischen Einwanderer liefert Rußland. Bei den letzten Wahlen wurden viele in jiddischem Jargon geschriebene Flugblätter verbreitet und mit jiddischen Aufrufen zur Wahl versehene Tafeln umhergetragen, ein Verfahren, das den Unwillen der bei den Wahlen geschlagenen Partei hervorrief, der in den bissigen Bemerkungen seinen Ausdruck fand, in Zukunft solle bei den nationalen Wahlen nur die nationale Sprache benutzt werden dürfen. In nächster Zeit wird die „Jca" als Nachfolger für den so früh Heimgegangenen Dr. Aschkenasi einen Rabbiner nach Buenos Ayres senden, der wieder aus dem Rabbinerseminar in Berlin kommt. Mutter und Kolm. Die Geschichte einer Ehe. — Von Caroline Deutsch-Weiß. „Poldel ist ja ganz still", gab Regi, mit kalter, etwas trotziger Stimme zurück. Wirklich war der Junge, durch die zornige Stimme seines Vaters eingeschüchtert, plötzlich verstummt. „Still ist er gewesen?!", rief Josef. „Ich habe sein Schreien schon vor dem Hause gehört. Und wer weiß, wie lange das schon gedauert hat? Du bist ganz ohne Erbarmen, Regi!" Da wiederholte sie, was sie seiner Mutter gesagt, aber diesmal in ärgerlichem Tone; die Heftigkeit ihres Mannes reizte sie. Es sei hier wärmer, und sie sei nicht verrückt, so viele Male die Treppe zu laufen. Dann hätte sie eines der Mädchen bei dem Kinde oben zur Aufsicht lassen sollen, meinte der sonst ruhige Josef, bei dem die Entrüstung immer höher stieg, da sie ihr Unrecht nicht einmal einsehen wollte. „Die Mädchen sind bei der Wäsche, und hier ists wärmer für das Kind." „Dann hätte die Arbeit liegen bleiben und in unserem Schlafzimmer besser geheizt werden sollen. Du hast gar kein Recht, derart über die Zimmer der Mutter zu verfügen. Das sind ihre Räume. Du bist aber schlecht, Regi, so schlecht, daß ichs gar nicht fassen kann! Und jetzt nimmst du augenblicklich das Kind auf und trägst es nach oben!" Auf diese Weise zu sprechen, war nicht die geeignete für seine Frau. Sobald sie sich von ihm verletzt glaubte und gar in Gegenwart seiner Mutter gedemütigt, ging ihr wildes, unbeherrschtes Naturell mit ihr durch. „Nein," sagte sie und sah ihn mit funkelnden Augen an, „nein und zehnmal nein! Wir weichen nicht, ich nicht und das Kind nicht! Wir lassen uns nicht immer zurückdrängen! Mein Kind ist auch krank. Ein großer Mensch kann sich eher helfen. Warum ist s i e nicht nach oben gegangen, wenn ihr das Geschrei zuviel war?" In dem Hinweis auf seine Mutter, indem sie zugleich aus sie hindeutete, lag soviel Gehässigkeit und Geringschätzung, daß Josef das Blut zu Kopfe stieg. Er konnte vor Empörung nicht sprechen; es würgte ihm was in der Kehle. Ob sie nicht wußte, daß die Mutter jetzt keine Treppen steigen konnte?! . Er hob die Hand, als wollte er sie schlagen. Dann ließ er dieselbe sinken und trat rasch auf das Sofa zu, um Poldel selber in das Schlafzimmer nach oben zu tragen. Nahm er ihn ungeschickt auf oder hatte der Kleine Furcht vor dem Vater? Er fing bitterlich zu weinen an. Regi aber, bis zur Besinnungslosigkeit gereizt, warf sich mit einem gellenden Schrei auf das Kind, um es ihrem Manne zu entreißen. Es mochte vielleicht auch etwas wie Furchtgefühl mit dabei sein, er werde seinen Zorn an dem Kleinen auslassen, oder unbeholfen, wie er in dieser Sache war, ihn fallen lassen. Der Sieg blieb unentschieden. Denn die Folge dieser wilden Szene war, daß Poldel, den schon das laute, zornige Sprechen aufgeregt und geängstigt hatte, plötzlich steif und starr, mit verzerrten Zügen in den Armen seines Vaters lag. Der Arzt wurde geholt, und er hatte sich mit zwei Kranken zu beschäftigen; denn auch Frau Schlesinger hatte zu Bett gebracht werden müssen. Der schwerer Erkrankte war der arme kleine Poldel und die Folgen die allerschlimmsten für ihn.... Der kleine Krampfanfall war zwar gehoben worden, in der Nacht stellten sich noch schwerere, furchtbarere ein, und als der junge Tag heraufstieg, entschwand die unschuldige Kindesseele auf den Schwingen der anbrechenden Morgenröte. X. Wenn ein Orkan vorübergerast und plötzliche Stille darnach eingetreten ist, übersieht man erst in dieser Ruhe das Bild der Zerstörung. . . . Denn während die Gewalten tobten, war das Herz von Schrecken und Entsetzen erfüllt, von jenem Schrecken, der mit erhabenen Schauern untermischt ist, und der dadurch entsteht, daß der Mensch so unsagbar klein und die Natur so allgewaltig groß erscheint. . . . Dann aber erhebt er das Haupt, streckt den Arm und beginnt auf dem verwüsteten Boden, aus den Trümmern neue Stätten sich zu gründen, schönere, reichere, blühendere! .... Und jetzt ist er der Sieger über die blindwütige Natur. Anders, wenn die Leidenschaften der Menschen in wildem Kampfe gegeneinander spielen. . . . Die erhabenen Empfindungen sind ausgeschlossen; nur das Brutale und Häßliche wirkt, und trostloser sind die Gedanken, hoffnungsloser das Bewußtsein, wenn man zur Erkenntnis kommt, was man im Selbstwüten an Glück und Seelenfrieden für immer vernichtet hat. Alhniich waren die Gefühle, die die Herzen der zwei jungen Leute erfüllten Nun war die Ruhe cingetreten; es war aber die Ruhe eines leergcbrannten Hauses. Mann und Frau wichen sich wie Todfeinde aus: keinen Blick für, kein Wort zu einander. Jeder, der Regis Natur kannte, hate geglaubt, sie würde vor Schmerz toben und rasen. Nichts von alledem geschah. Sie war plötzlich sehr still geworden. »

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