Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- V (1914)
- Issue
- 27 (3.7.1914)
- Date
- 1914-07-03
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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8 Das jüdische Klatt Nr. 27 das Ministerium um Erweiterung der jüdischen Abteilung auf dem Friedhof Montparnasse ein. Das Gesuch wurde gebilligt. Aber im selben Jahre machte die Kammer allen Gesuchen und Streitfragen ein Ende, indem sie einen Gesetzentwurf annahm, das aus dem folgenden einzigen Paragraphen bestand: „Der Artikel 15 des Dekrets vom 23 Prairial des Jahres XII ist ausdrücklich aufgehoben." Danach waren die Bekenner einer jeden Religion immer noch berechtigt, auf eigene Kosten sich einen Beerdigungsplatz mit Genehmigung der Behörde anzulegen. Das Konsistorium machte aber davon keinen Gebrauch, es tat gar nichts. Die Friedhöfe von Paris waren feit dem 14. Nov. 1881, dem Tage wo das obenerwähnte Gesetz Gesetzeskraft erlangte, Simultanfriedhöfe geworden. Seitdem gibt es aus diesen Friedhöfen keine Unterschiede oder Scheidungen nach Konfessionen mehr. Der Pariser Gemeinderat hatte aber wohl nicht das Recht, die bestehenden Scheideräume, die bis jetzt zwischen den einzelnen Abteilungen der konfessionellen Friedhöfe bestanden, zu entfernen, denn die Gesetze von 1881 und 1884 hatten keine rückwirkende Kraft. Diejenigen Verstorbenen, Mitglieder von „La Terre Promise", die vor 1881 zur Bestattung kamen, haben wohl ein begründetes Recht darauf erworben, auf einem besonders abgeteilten jüdischen Friedhof begraben zu sein. Die guten frommen Juden, wie Jthamar, Prosper Cohen, Crehange, Bolwiler, Arm. Dorville, Merzbach, Lehmann, Docteur Klein u. a. m., sagt der Verfasser, hätten niemals eingewilligt, auf einem Simultanfriedhof begraben zu werden; um dies zu vermeiden, wären sie bereit gewesen, ihr ganzes Vermögen zu opfern. Der Verein „La Terre Promise" hätte daher gegen das Niederreihen der Scheidewände und das Auffüllen der Gräber Einspruch erheben sollen. Geschehen ist nichts. - Welche Abwehrmittel gibt es nun gegen eine solche mißliche Lage? Es gibt nur eine Abwehr, sagt der Verfasser mit Recht, nämlich derErw erb eines eigen enjüdischenFrie dh o f s. Das ganze ist nichts wie eine Geldfrage. An die Herren Rabbiner Levy, Dreyfus, Weihkopf richtet der Verfasser daher die Bitte, das große Werk in die Hand zu nehmen und für deren Verwirklichung ihren moralischen Einfluß in die Wagschale zu werfen. Für ein solches Verdienst wie die Schaffung eines eigenen jüdischen Friedhofs wird Mitwelt und Nachwelt Segen spenden. Bis dahin aber wird Paris die einzige Groß-Gemeinde auf der Welt fein, die keinen eigenen jüdischen Friedhof hat. Umsomehr drängt sich das Verdienst der Pariser russischjüdischen Gemeinde der Aufmerksamkeit auf. Für sich hat diese die Frage bereits gelöst. Sie hat kurzerhand einen eigenen Friedhof für sich erworben. Deutschland. Der Tod der jüdischen Elementarschule in Bayern. Die jüdische Elementarschule wird fortan von einer Schulsache zu einer Kultussache. Das ist in kurzen Worten die Kennzeichnung der Sachlage. Nun wäre das an und für sich eben so schlimm nicht, es wäre die Konfessionsschule kat exochen. Es ist müßig, zu sagen, daß wir vor mehr als drei Jahren einzelne Herren Lehrer auf die Möglichkeit dieser Eventualität aufmerksam machten; das Wort verhallte ungehört, denn man sah auch darin den Ausfluß der — Revisionsgegnerschaft. Allein bei aller Anerkennung des Wohlwollens der hohen Staatsregierung, die sicher die allerbesten Uebergangsbestimmungen schaffen wird, liegt die Sache so. Ist die Schule Kultussache, dann ist die Unterhaltung primär Kultussache. Und selbst wenn eine Zentralkasse geschaffen wäre, so könnte dieselbe die aus Errichtung einer Elementarschule erwachsenden Lasten füglich nur notleidende Gemeinden erleichtern. Sicher aber müßte der Zentralkasse das Recht eingeräumt werden, vor Errichtung der Schule gehört zu werden. Das wäre eine einfache Forderung der Billigkeit. Eine ökonomisch arbeitende Zentralkasse könnte daher angesichts der entstehenden Lasten (Gehaltszulagen, Alters- und Reliktenoersorgung) kleineren Gemeinden die Errichtung einer Elementarschule gar nicht gestatten. Große Gemeinden errichten Elementarschulen überhaupt nicht; verbleiben die Mittelgemeinden. Es ist männiglich bekannt, daß auch in diesen die Elementarschulen selten sind. An Neuerrichtungen werden diese angesichts dieser Sachlage überhaupt nicht mehr denken, bei Personenwechsel die bestehenden Schulen nicht auflösen. Und so wird nach zwei Menschenaltern die jüdische Elementarschule in Bayern aufgehört haben. Wir möchten nur die Frage aufwerfen, ob nicht die Sachlage geändert werden könnte, wenn die jüdischen Gemeinden auf das Präsentationsrecht verzichten würden. Die für das religiöse Moment vorliegenden Bedenken könnten vielleicht auf einem andern Wege beseitigt werden. Es könnte auch eine Form gefunden werden, wie der Elementarunterricht von den anderen Funktionen getrennt würde, wodurch dann die Regierung sicher auch die Möglichkeit der Versetzung von Lehrern erhielt. Es bedarf sehr ernster Erwägung; vielleicht beschäftigt sich die am 5. Juli zusammentretende Rabbinerkonferenz mit dieser hochaktuellen Frage. Aus der Agudas-Jfroel-Bewegung. Eine Ortsgruppe von 50 Mitgliedern wurde gegründet in Hersfeld, in Antwerpen wählte die Ortsgruppe ihren definitiven Vorstand, in K r a k a u konstituierte sich eine Jugendgruppe, ebenso ist in G l i n i a n g , in S t r o s s o w, in Gorlice und in Sanok eine solche vorbereitet. Aus Bayern. Von ernster Seite wird uns gerne zugegeben, daß wir viele Schmähungen und persönliche Angriffe unbeantwortet ließen; es wäre ja mit Erwiderungen auf Angriffe der Sache auch nicht gedient. Obwohl wir genau wissen, mit welchen Mitteln man. operiert, wie man kein Mittel scheut, wie man durch Anwendung solcher Mittel sicher den einen oder anderen auch gewonnen hat, es war uns von vornherein klar, daß der Kampf einer Minorität stets noch solchen Eventualitäten ausgesetzt war. Jüdisch ist so etwas nicht, und daß, wie es jüngst von hervorragender neologer Seite gesagt wurde, die Orthodoxie angesichts solchen Kämpfens nicht einmal ein von Schamröte begleitetes Wort der Entrüstung hat, wird kommenden Generationen zu denken geben. Ebenso wird es zu denken geben, daß orthodoxe Korporationen auch außerhalb Bayerns den — Mut nicht mehr haben, das, was sie über Zentralkasse wirklich denken, zu erklären. Äls in Preußen die Gefahr einer Zentralkasse akut war, ach, da war alles auf dem Plan. Jetzt schweigt man. Um Macht und Geld kämpft man, und die Dummen, welche als „vernarrte Theoretiker" durch die Welt gehen, boykottiert man — Soit. Dann aber sagt man, man dürfe innere Zwistigkeiten der Orthodoxie nicht an die Oefsentlichkeit bringen. Oder man faßt feierliche Resolutionen, man dürfe nicht mit der Neologie Zusammenarbeiten, und nachher lacht man die Resolventen weidlich aus. Alles im Namen der Orthodoxie.