Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- V (1914)
- Issue
- 26 (26.6.1914)
- Date
- 1914-06-26
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6 Das jüdische Kiatt. Nr. 26 anderen, als christlichen Verwaltung, unannehmbar sei? Steht sie ferner noch auf dem Standpunkt, daß Schechitah und Ritualdad als konstituierendes Element der Kultusgemeinde Geltung behalten müssen? Lin antisemitisches Geschichtswerk. Die „Kleine Presse" schreibt: Die „Deutsche Geschichte" von Einhardt — ein Deckname für R.-A. Claß-Mainz, den Vorsitzenden des Alldeutschen Verbandes — steht bekanntlich seit vielen Jahren auf der Empfehlungsliste der antisemitischen Blätter. Ihr Lob wird jetzt wieder in allen Tonarten gesungen, nachdem jüngst die 5. Auflage (41.—50. Tausend) erschienen ist. In den überschäumenden Becher der Freude über den buchhändlerischen Erfolg dieses „nationalen" Geschichtswerkes fiel nur ein Wermutstropfen, als bei der diesjährigen Beratung des Kultusetats im preußischen Abgeordnetenhause der Zentrumsabgeordnete Wildermann ein Verbot des Werkes für die Schulbibliotheken forderte — natürlich nicht wegen seiner antisemitischen, sondern wegen seiner antirömischen Tendenz. In der neuesten Auflage ist an den Werturteilen und an der Tendenz kaum etwas geändert. Wiederum findet sich darin die ebenso gehässige wie beweislose Behauptung: „Die Sozialdemokratie wäre ganz gewiß ohne ihre jüdischen Führer, ohne die Zusammenhänge mit dem Judentum und seinen Geldmitteln nie so schnell groß geworden." Als kürzlich Herr von Puttkamer im Herrenhause eine ähnliche Behauptung aufstellte, hat ihm die „National- Zeitung" mit Recht erwidert, daß die Zahl der jüdischen Mitglieder der Sozialdemokratie im Gegenteil äußerst gering sei. Das sei eigentlich überraschend, denn die Zurücksetzung, die den Juden fast überall zuteil werde, sollte vielmehr die Erwartung wecken, daß sie ein großes Kontingent zur Sozialdemokratie stellen würden. Warum dies nicht der Fall ist, setzte das Blatt dann näher auseinander: „Heute stehen sie (die Juden) allein schon durch ihre rege und bedeutende Beteiligung an Industrie und Handel in einem unüberbrückbaren Gegensatz zum Sozialismus, der der erklärte Feind des selbständigen kaufmännischen und industriellen Schaffens ist. Das ist ein weiterer Grund, weshalb die Juden trotz aller Zurücksetzung sich niemals in überwiegender Zahl der Sozialdemokratie angeschlossen haben, und weshalb sie stets eine starke Stütze der bestehenden Staatsordnung gebildet haben." In diesem „Geschichtswerke" des Herrn Claß —der schon einmal nationalliberaler Reichstagskandidat gewesen ist — finden sich auch sonst alle antisemitischen Ladenhüter fein säuberlich zusammengestellt. Die Juden scharren alle Reichtümer der Welt zusammen, sie sind ein Volk von Wucherern, die nur ein Ziel kennen, den deutschen Landmann und Geschäftsmann auszuplündern: der zersetzende jüdische Geistim öffentlichen Leben vergiftet die deutsche Volksseele usw. Kein Wunder, daß die konservative Presse das Lob dieses „nationalen" Geschichtswerkes in allen Tonarten preist. Dagegen ist diesen Pauschalanklagen gegen die Juden erst kürzlich Rudolf Paulsen — wenn wir nicht irren, ein Sohn des den Juden bekanntlich nichts weniger als freundlich gesinnt gewesenen verstorbenen berühmten Popularphilosophen Friedrich Paulsen — im Hamburger „Allg. Beob." (Nr. 16) mit trefflichen Argumenten entgegengetreten: „Wenn wirklich wahr ist, daß die Juden die Welt beherrschen, dann sollten wir uns schämen. Denn das wäre nicht nur Dummheit, sondern Rasselosigkeit. Da schlage jeder Deutsche an seine Brust und sage: mau culpa, mea maxima culpa! Denn wie sollten sie uns beherrschen, wenn wir uns nicht beherrschen ließen. Ist aber ihre Herrschaft wirklich, dann gilt es, den Befreiungskrieg anfangen, aber von innen heraus und nicht mit dem Wahlspruch: Haut die Juden! Was wäre schließlich ein Volk wert, das an einem Prozent Juden zugrunde geht!" Aus der Agudas Isroel-Bewegung. In Düsseldorf wurde auf Anregung des Zahnarztes Ehrmann-Werden eine Ortsgruppe gegründet, der 59 Mitglieder beitraten. In Halberstadt hielt Kuck aus Jaffa einen hebräischen Vortrag, in dem er eine Reihe von Gedanken seines Vaters, des Jaffaer Oberrabbiners, entwickelte. In A n t w e r p e n hat sich die Zahl der Mitglieder der Jugendgruppe seit der Gründung verdoppelt und ist jetzt auf 100 gestiegen. In L o n d o n beginnt jetzt eine intensivere Arbeit für die Aguda. Der bekannte Volksredner Bromberg aus Antwerpen wird dorthin kommen und in Versammlungen Reden halten. In G a l i z i e n fanden mehrere Propaganda- und Gründungsversammlungen statt, so in Starosol, Tarnopol, Janow, Stanislau, Glinianz, und in der Bukowina in Storozynetz. Frankreich. Attentat auf den Baron Henri von Rothschild. Zu Ehren des früheren Direktors vom Theater Odeon gab es vorgestern Abend in der Oper große Gala-Vorstellung. Der Baron ließ sich schon vor Wochen dazu einen Platz für 5000 Frs. reservieren. Nachts um 2 Uhr war er im Begriffe, in Begleitung seines Freundes Dr. Zadok Kahn den heimatlichen Penaten zuzufteuern. Unterwegs fing es zu regnen an und während Dr. Z. Kahn gerade ein Taxiauto deshalb rufen wollte, gab ein Milch-Butter-Käse-Händler auf Baron Rothschild fünf Revolverschüsse ab, von denen ihn einer an der Hüfte erreichte. Der Baron wehrte sich mit seinem Stocke, während der Missetäter verhaftet wurde und in seinem Hasse und in seiner Wut noch das Bedauern aussprach, den Baron nicht tödlich getroffen zu haben. Dieser wurde im Wagen in seine nahe Wohnung, 33, rue du Faubourg St. Honore, gebracht, wo durch eine leichte Operation die Kugel extrahiert wurde. Das Attentat geschah aus Rache und war schon seit Jahren von dem Milchhändler geplant. Bekanntlich rief Baron Henri von Rothschild vor Jahren eine Gesellschaft ins Leben, welche überall in Paris Lokale unterhält und der ärmeren Bevölkerung Naturmilch zum Selbstkostenpreis abgibt. So oft der betreffende Milchhändler nun ein Geschäft in einer beliebigen Straße eröffnete, sah er alsbald seinen Konkurrenten von jener Gesellschaft in der Nähe mit einer Filiale, so daß er wiederholt umzog, ohne etwas erreicht zu haben. So sah er sich allmählich vollständig ruiniert und schwur Rache, die in ihm direkt zur fixen Idee reifte. Wiederholt beschäftigte die Polizei und das Gericht beide Parteien und vor 3 Jahren schon schrieb der betreffende Milchhändler seinem schlimmsten Feinde einen Brief, in dem er ihm mitteille, ihn anläßlich des Leichenbegängnisses des Barons Gustav v. R. am Friedhof zu töten. In großmütiger Weise empfing der Verwundete gestern noch die Tochter des Attentäters, welche verzweifelt ihr Bedauern ausdrückte. Wie die meisten Mitglieder seiner Familie war Baron Henri schon oft Gegenstand der Bedrohung und Anrempelung. Bis jetzt ereignete sich aber nie etwasauf öffentlicher Straße. Uebrigens existiert sogar eine Statistik über die Angriffe gegen die Rothschilds. Hiernach wurde Baron Albert v. R. am 27. April 1894 in Wien von einem Bettler ins Gesicht