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Das jüdische Blatt · 1914-06-19 · 25 (19.6.1914) · p. Seite 8

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
V (1914)
Issue
25 (19.6.1914)
Date
1914-06-19
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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8 Das jüdische Matt. Nr. 25 schen Sprachen sich eine Grenzmauer erhebt, nämlich die charakteristische Schrift. Es ist kein Grund, zu wünschen, daß die Juden, nach Asien zurückkehrend, die ganzen westeuropäischen Errungenschaften aufgeben und sich mit den orientalischen Nationen assimilieren. Wir haben inmitten der europäischen Kultur gearbeitet und werden uns von ihr nicht ausschalten lassen. In diesem Punkt kann die hebräische Sprache.lockernd wirken. Dem Hebräischen vermöchte nur der nationale Enthusiasmus der Juden zum Siege zu verhelfen. Felix Wertheimer. Rußland. Tschebirjakowa und kein Ende. Vor einem Gericht in Kiew fand am 6. Juni ein weiterer Ehrenbeleidigungsprozeß der Vera Tschebirjakowa, nämlich den gegen Brasul B r u s ch k o v s k y , der sie als die Urheberin des Mordes an dem Knaben I u st s ch i n s k y wiederholt öffentlich bezeichnet hat, statt. Der Gerichtssaal war von Zuschauern überfüllt. Der Angeklagte war krankheitshalber nicht erschienen; schriftlich bat er den Gerichtshof, die von ihm angegebenen Zeilgen einzuvernehmen, welche bestätigen müssen, daß die Klägerin den Mord an dem Knaben mit veranlaßt hat. Nach Verlesung der Anklage beschließt das Gericht, bloß drei Zeugen einzuvernehmen, ulld zwar F e n e n k o , K i r i t s ch e n k o und Jekatharina D i a k o w a. Als erster Zeuge wird W. M. Fenenko einvernommen. Derselbe erzählt eingehend die Geschichte der Ulltersuchungen, welche von Gerichts wegen veranlaßt worden sind. Der Zeuge wird sowohl voll der Klägerin selber als auch vom Vertreter des Angeklagten eindringlich ausgefragt. Auf eine der Fragen des Verteidigers erklärt der Zeuge, er habe genug Beweise zu der Ueberzeugung, daß die Tschebirjakowa an der Ermordung des Knaben Justschinsky Anteil genommen hat. Auf die Frage der Klägerin, seit wann der Zeuge diesen Verdacht gegen sie geschöpft hat, antwortet F e n e n k o: diese Ueberzeugung habe er gewonnen, seitdem es durch verschiedene Zeugen festgestellt worden ist, daß an dem Tage der Ermordung Justschinskys man den Knabe n bei ihr gesehen hat. Seitdem war das Kind nicht mehr sichtbar. Als zweiter Zeuge wird der gewesene Geheimpolizist K i r i t s ch e n k o eillvernommen. Derselbe berichtet über den Verkehr der Klägerin mit allerlei Diebsgesindel und über ihre erfolgreichen Bemühungen, die Untersuchung wegen des Knabenmordes auf falsche Fährten zu leiten. Zum Schlüsse wird Jekatharina D i a k o w a , eine Nachbarin der Klägerin, einvernommen. Dieselbe deponiert: Adel R a w i t s ch hat mir mitgeteilt, in Tschebirjakowas Wohnung hat sie den Leichnam des toten Kindes I u st s ch i n s k n verborgen in einem Divan gesehen. Nur bat sie mich, davon nicht weiter zu reden und niemanden davon etwas zu erzählen. Später hat ein Gespräch zwischen mir und der Tschebirjakowa stattgefunden und wir haben ganz offenherzig über den Mord des Knaben gesprochen. Ich habe der Tschebirjakowa eindringlich zugeredet, einzugestehen und die Tatsachen bekanntzugeben, worauf sie mir geantwortet hat, sie selber habe an der Ermordnung keinen Anteil genommen, und ihren eigenen Bruder anzuzeigen fürchte sie sich, er werde sie erschlagen. Sie sagte: Bei uns sind solche Sachen sehr streng. Daraufhin hat mich die T s ch e b i r j a k o w a bedroht, wenn ich reden würde. Die Zeugin wird darauf von der Tschebirjakowa befragt, ob es wahr ist, daß sie dem Brasul erzählt hat, daß sie bei ihr in der Wohnung die Füße des Leichnams aus einem verdächtigen Sack herausragen gesehen hat. Die Zeugin wird aufgerufen und ruft: „Ja, ich habe selber den Sack mit dem Leichnam des Knaben gesehen, ich habe die Füße gesehen. Wozu Verstecken spielen? Jetzt darf doch wohl schon die Wahrheit erzählt werden! Bis nun habt Ihr mir gedroht, daß es mich das Leben kosten würde, wenn ich rede." Auf die weiteren Fragen der Tschebirjakowa, des Eerichtsvorfitzenden und des Verteidigers antwortet Zeugin mit voller Sicherheit, daß der Mord in der Wohnung der Tschebirjakowa stattgefunden, daß sie, die Tschebirjakowa, es ihr selber bestätigt hat, mit dem Hinzufügen, die Ermordung habe stattgesunden, um einen Prögrom hervorzurufen. Nach Beendigung ihrer Zeugenaussage sängt die Zeugin zu weinen an und ruft: „Man darf doch endlich die Wahrheit erzählen und vor dem Gerichte alles sagen." Nach einer kurzen Rede des Verteidigers, bei welcher die Klägerin eine Ohnmacht simuliert, zieht sich der Gerichtshof zurück. Nach einer halben Stunde erscheint der Gerichtshof wieder im Gerichtssaal und verkündet das Urteil: Brasul Bruschkovsky wird von der Anklage freigesprochen. Galtztett. Krakau. Durch die in letzterer Zeit in unserem Lande sich verbreitende antisemitische Hetzbewegung wird deb Aufenthalt der Juden in den Dörfern Galiziens erschwert und unsicher. Die christlichen Landbewohner, die immer nur Feldarbeiter waren, beginnen sich in jedem Dorfe eigne Geschäfte mit allerhand Artikel einzurichten, und unter der Devise „Swoj <lo s\v(*go , „Jedermann das Seine", werden die Käufer den Juden entzogen, so daß in der letzten Zeit viele hundert jüdische Familien den Wanderstab ergreifen mußten, da ihnen der Aufenthalt aus den: Lande nicht mehr möglich ist. Hie und da schreitet der Pöbel so weit aus, daß er zu Tätlichkeiten greift, um sich der jüdischen Familien zu entledigen. Einen solch traurigen Fall erlebten wir am Sonnabend vor Schewuos. — In dem Dorfe P i k u l i c e nächst Przemyl, wurde eine jüdische Familie aus 6 Personen in gräßlicher Weise hingemordet und ein Betrag von ca. 300 Kronen (!) geraubt. Der im genannten Dorfe wohnende 48jährige Markus F u ß, jüdischer Metzgermeister, lieferte den nächst dem Dorfe stationierten Artilleristen Fleisch. Zwei Artilleristen, die in der Meinung waren, daß Fuß tags zuvor beim Aerar für geliefertes Fleisch einige Tausend Kronen erhielt, drangen nachts in Zivilkleidung in die Wohnung des Fuß ein, mordeten im Schlafe Fuß, dessen Frau Gitel, 44 Jahre alt, deren Kinder Aron, 18 Jahre, Baruch, 12 Jahre, Isaak 8 Jahre, wie auch eine Verwandte, Frl. Regina Frenckel, 14 Jahre, die zufällig zu Besuch auf die Feiertage gekommen war, in haarsträubender Weise. Drei kleine Kinder im Alter von 10, 5 und 4 Jahren, wurden gerettet, da sie sich unter dem Bette aus Furcht versteckten. Morgens als der Mord entdeckt wurde, ist es mit Hilfe von Polizeihunden gelungen, die Täter zu eruieren. Die Hunde liefen von dem Tatorte erst zu einem Teiche, wo die Mörder sich gewaschen hatten und ihre Monturen wieder angelegt hatten, dann zur Artilleriekaserne, wo sämtliche, nachts ausgebliebenen Soldaten einem strengen Verhör unterzogen wurden. Darauf legten die Täter ein Geständnis ab. Die Mörder werden von dem Militärgericht abgeurteilt werden. Wie man später erfuhr, hat Fuß in Wirklichkeit das Geld beim Aerar nicht erhoben, und es wurden 6 Personen wegen ca. 300 Kronen umgebracht. — Diese traurige Botschaft langte zu uns am Schewuosfeste. Es wurde veranlaßt, daß in mehreren Synagogen für die eine „Haskuroh" gesagt wurde. Ben Levi.

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