Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- V (1914)
- Issue
- 24 (12.6.1914)
- Date
- 1914-06-12
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8 Das jüdische Klatt Nr. 24 aushalten, eine halbe Stunde, bevor der Vater gekommen war, sein Kind auszulösen, war der Knabe gestorben. Wenn der Druck des drohenden Gesetzes schon so furchtbar wirkt auf die Einwanderer, die die Träneninsel glücklich hindurchgekommen sind, wie streng wird man erst verfahren gegen diejenigen, die erst landen. Wie streng, ist zu gelind ausgedrückt, man muß sagen: wie barbarisch. Barbarischer wird auch in dem dunklen Rußland nicht verfahren, als in diesen Fällen in dem freien Amerika. In Rußland kommen allerhand Unmenschlichkeiten vor, aber daß man ein Kind seinen Eltern entreißt, wie hier die herzlosen Einwanderungsbeamten, das gehört sogar in Rußland zu den Seltenheiten. Eine jüdische Einwandererbank in Nerv-Jork. Die jüdische Kolonialbank in London hat den Beschluß gefaßt, in New-Pork eine Einwandererbank zu gründen. Ihr Zweck wird hauptsächlich darin bestehen, dafür zu sorgen, daß die kleinen Summen, welche von den in Amerika Eingewanderten an deren Familien in Rußland gehen, mit möglichst geringen Kosten und möglichst großer Sicherheit an ihre Adresse gelangen. Die „Jca" hat in Rußland eine Anzahl kleiner Banken zugunsten der wirtschaftlichen Festigung der dortigen Juden errichtet, diesen will sich die neue Bank anschließen und sie ergänzen. Ein anderer Zweck der neuen Bank wird die Versorgung der Auswanderer mit Schiffskarten sein, um den schädlichen Schiffsagenten möglichst das Handwerk zu legen. Um diese Gründung vorzubereiten, ist Dr. K a tz e n e l s o h n , Mitglied des Zionistischen Aktionskomitees und Präsident der Zionistischen Kolonialbank, in Begleitung des Direktors der Bank, Dr. Th. Hirsch, dieser Tage in New-Pork eingetroffen und hat in einem Interview mit einem Vertreter des „American Hebrew" sich ausführlich über das Projekt ausgesprochen und die Lage der Juden in Rußland als eine so verzweifelte geschildert, daß als der einzige Ausweg aus diesem Elend die Massenauswanderung nach Amerika übrig bleibt. Es ist jedenfalls bezeichnend, daß ein zionistischer Führer Amerika als das Land der Rettung betrachtet. Im Laufe der Unterredung sagte Dr. Katzenelsohn: „Die Emigration ist gegenwärtig die einzige Möglichkeit, um wenigstens einen Teil der russischen Juden aus der schrecklichen Lebenslage zu befreien. Die Juden machen bewußt oder unbewußt von diesem Hilfsmittel umfangreichen Gebrauch. Allein die Auswanderung ist mit solchen Gefahren verbunden, daß dadurch viele abgehalten wurden, ihrem Ziele nachzugehen. Leider sind wir trotz aller Publikationen noch nicht vollständig informiert über alle ihre Emigrationsgesetze, und es fehlen uns noch genaue Informationen über ihren Arbeitsmarkt. Sehr viele Einwanderer begeben sich in Gegenden, wo man sie gar nicht braucht und wo sie gar keine Vorbedingungen für ihre wirtschaftliche Existenz finden. So gehen beispielsweise Schneider nach Gegenden, wo man nur Schuster braucht, und umgekehrt. Die Einwanderer bekommen daher in vielen Fällen keine Arbeit und verfallen in Armut und Siechtum. Ich habe unterwegs die Auswandererhallen in Bremen, Hamburg und anderen Hafenstädten, welche die jüdischen Auswanderer passieren, besucht, und ich habe auch die Absicht, mit der Hebrew Scheltering and Immigrant Aid Society (Gesellschaft zur Beherbergung und Unterstützung der Einwanderer) und mit den anderen amerikanischen Komitees und Vereinen mich in Verbindung zu setzen, um die brennenden Fragen der jüdischen Emigration einer günstigen Lösung entgegenzuführen. In meiner Gesellschaft befindet sich Herr Theodor Hirsch, Direktor der jüdischen Kolonialbank in London, und ich hoffe, in Besprechungen mit hiesigen jüdischn Führern auch zur Lösung einer anderen, sehr wichtigen Frage finanzieller Natur zu gelangen. Es handelt sich nämlich um die Frage des Geldverkehrs zwischen den jüdischen Emigranten aus Rußland und ihren Familien. Das Geld, welches der* russische Jude aus Amerika an seine Familie absendet, ist, ebenso wie er, verschiedenen verhängnisvollen Zwischenfällen unterworfen. Das Geld kommt sehr oft gar nicht an; denn die Adresse ist zuweilen verschrieben. Oder, selbst wenn sie genau angegeben ist, verlangen die russischen Postämter eine Identifizierung der Adressaten; das sind zumeist Schikanen, durch welche die Partei gezwungen wird, einen Teil des Geldes an die korrupten Beamten abzutreten. Manchmal wird das Geld überhaupt an unrichtige Personen ausgefolgt. Um dem zu steuern, habe ich die Absicht, hier eine Bank zu gründen, die durch ein Netz von Filialen und Vertretern in Rußland für das richtige Einlangen von Geldsendungen an ihren Bestimmungsort sorgen würde. Gleichzeitig habe ich auch die Absicht, mit maßgebenden Personen Fühlung zu nehmen, um die Eignung der hiesigen Verhältnisse für die Errichtung einer Filiale der jüdischen Kolonialbank zu prüfen." Auf die russischen Verhältnisse selbst zurückkommend, erklärte Katzenelsohn wörtlich: „Die furchtbaren Leiden, die unser Volk während der zweitausend Jahre des Exils zu ertragen hatte, sind nichts im Vergleiche mit den Verfolgungen und Drangsalierungen, welchen die Juden jetzt in Rußland ausgesetzt sind. Der Antisemitismus der Regierung und der Gesellschaft machen den Juden das Leben unerträglich, und da Amerika der einzige Weltteil ist, wo die Juden in Massen ihr Unterkommen finden können, müßten die amerikanischen Juden sich bemühen, daß jetzt mehr denn je die Hindernisse, die sich der Einwanderung entgegenstellen, beseitigt werden." Straßburg. Der verdienstvolle Präsident des ist. Krankenhauses, Herr Moise H i r s ch, hat sein Amt niedergelegt und an seiner Stelle wurde Herr Aron Weil, Mitglied des Konsistoriums, zum Präsidenten gewählt. Herr Hirsch, dessen vorgeschrittenes Alter, wie er sagte, ihm nicht mehr gestattete, den Anforderungen seines bisherigen Amtes zu entsprechen, verbleibt weiter im Verwaltungsrat als Mitglied. In der Tat sind die Aufgaben eines Präsidenten eines Krankenhauses keine geringen, und Herr Hirsch hat dieselben unter großen Opfern von Zeit und Mühe mustergiltig erfüllt. Daß das ist. Krankenhaus heute vollständig auf der Höhe steht, ist nicht zum mindesten das Verdienst von Herrn Hirsch. Straßburg. Der Israelitischen Gewerbeschule sind dieser Tage aus dem „fernen Westen" wieder verschiedene Zuwendungen zugegangen, die so recht Zeugnis davon oblegen, welcher Wertschätzung sich die Anstalt bei 'unseren Landsleuten jenseits des „großen Wassers" erfreut. Aus Montevideo in Uruguay übersandte Herr Jonas Braun, ein Jngweilerer, ca. 150 M. Herr Jos. Guthmann aus Wittersheim veranstaltete in Buenos -Ayres zugunsten der „Ecole de travail" eine Sammlung, die den schönen Erfolg von über 500 Ji brache, und Herr Joseph Lazarus aus'Ingweiler, der sympathische Präsident der israelitischen Gemeinde in Cincinnati, der dieser Tage seine alte Heimat aufsuchte, überbrachte die hübsche Summe von über 1000 M. Es ist ein rührendes Beispiel der Anhänglichkeit an das Ge-