Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- V (1914)
- Issue
- 24 (12.6.1914)
- Date
- 1914-06-12
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24. Das jüdische Klatt 5 Juden einen Unterschied hat machen wollen. Im übrigen ist durch die Anforderung dreijähriger Abgabenentrichtung Vorsorge dafür getroffen, daß lediglich fluktuierende Elemente keinen Einfluß auf die Zusammensetzung der Repräsentantenversammlung gewinnen, andererseits fehlt es an einem innern Grunde, Personen, welche seit Jahren an die Synagogengemeinde Abgaben zahlen, die Rechte aus der Mitgliedschaft bezüglich der Wahlen vorzuenthalten, sofern sie im übrigen den Erfordernissen der Wahlberechtigung genügen." Eine Z e n t r a l st e l l e für die Beantwortung der häufigen Fragen von Ausländern über den Erwerb und Verlust der Staatsangehörigkeit hat der „Reichsverein Deutscher Juden" geschaffen. Herr Rechtsanwalt Dr. Kolle n s ch e r - Posen, Schloßstr. 3, hat es übernommen, alle Anfragen, die sich auf Naturalisation usw. beziehen, zu beantworten. Der Proporz! Bei der Bedeutung, die insbesondere von revisionsfreundlicher Seite dem Proporz für die Wahlen in der Kultusgemeinde beigelegt wird, ist eine Notiz über den Proporz im allgemeinen von Interesse, die in der „Bayerischen Staatszeitung", Kgl. B. Staatsanzeiger Nr. 127 v. 3. Juni 1914 erschienen ist und auf keinen geringem als Prof. Dr. Th. Ziegler zurückgreift. Das Proportionalwahlverfahren. Bei der jüngsten Gemeindemahl in Straßburg wurde eine Probe auf den Proporz gemacht; sie ist so ausgefallen, daß Universitätsprofessor Dr. Theobald Ziegler sagt: „Diese Probe ist, politisch und moralisch betrachtet, ganz nur zu seinen Ungunsten ausgefallen. Nie ist noch dieses Unglückswahlverfahren kläglicher ad absurdum geführt und in seiner alle Freiheit der Wähler aufhebenden Wirkung offenkundiger geworden als hier." („Schwäb. Merkur" Nr. 239 vom 26. Mai 1914.) Die Ausführungen des Universitätsprofessors gingen von dem Straßburger Spezialfall aus und richteten sich prinzipiell gegen den Proporz in jeder Form. Als Dr. Ziegler angegriffen wurde, stellte er das ausdrücklich fest („Schwäb. Merkur" Nr. 247 vom 30. Mai). Er habe den Straßburger Schulfall benutzt, „um dem deutschen Volke zuzurufen, es solle sich gegen den Proporz zur Wehr setzen und sich nicht auch noch dieses Netz" über seinen Kopf werfen lassen. Dr. Ziegler bemerkt, er schreibe und spreche nicht erst jetzt zum erstenmal „gegen den Proporz in jeder Form", weil der schöne Gedanke der „Politisierung des Volkes", seiner Erziehung zu staatsbürgerlicher Bildung durch den Proporz verzerrt wird. Ob die Proporzenthusiasten im jüdischen Kreise noch einmal erst gewissenhaft prüfen werden? Leipzig. Die zionistische Vereinigung für Deutschland, die ihren 14. Parteitag für den 14. und 15. Juni in den Krystallpalast nach Leipzig einberufen hat, veröffentlicht soeben in ihrem Organ, der „Jüdischen Rundschau", das Programm dieser Tagung, die über die Stellungnahme der deutschen Zionisten zu den Beschlüssen des letzten zionistischen Weltkongresses beraten wird, der bekanntlich im Herbst vorigen Jahres in Wien stattgefunden hat. Einen Hauptpunkt der Tagung werden sodann die Beziehungen des deutschen Zionismus zu Palästina bilden. Die Hauptreferate werden von den Herren Leo M o tz k i n-Berlin und Dr. Theodor Z l o c i st i-Berlin erstattet. Dr. Zlocisti. wird im besonderen über eine neue Kolonisationsgesellschaft „Achusa" referieren, die den in Europa und Amerika lebenden Juden die Möglichkeit geben soll, von ihrem Wohnort aus mit einem Teil ihres Einkommens sich an der Landerwerbung in Palästina zu beteiligen, und das erworbene Land kolonisieren zu lassen, bis sie es als kulturfähig gemachtes Eigentum zur Selbstbewirtschaftung übernehmen können. Den Bericht des Geschäftsführenden Ausschusses erstattet der Vorsitzende Rechtsanwalt Dr. Artur H a n t k e-Berlin. Frankreich. Pariser Brief. Freitag Abend! Paris-Ost und Paris-West hat den Sabbat in den Synagogen bereits empfangen und schon schickt man sich an, das Gotteshaus zu verlassen. Im vierten Arrondissement aber, am „Jüdischen Plätzel", wie man den ganzen Bereich jener engen Straßen nennt, der an eine der distinguiertesten Frauen des 17. Jahrhunderts erinnert, der Marquise von Sdvignd, da wo vor vielen Dezennien noch eine französische, vornehme Bourgoisie wohnte, heute aber unsere orientalischen und russischen Brüder zu Tausenden zusammengepfercht sind, dort begrüßt man den Sabbat erst, wenn es schon bald dämmert und ein fieberhaftes Treiben zeigte sich vor Eingang des letzten Schabbos. „Alles rennet, rettet, flüchtet" heute nach der Rue Pavde, Mütter auf dem Arme ein Kind, an der Hand das andere, anmutig herausgeputzte junge Mädchen, eines jüdischen Typus nicht entbehrend, Männer mit Bärten, die seit Kurzem oder Langem ihre Heimat verließen, um in dem gelobten Paris ihr Heil zu suchen, das große Proletariat, erkenntlich an den farbigen Kragen und Mützen. Die Straße ist dicht besät mit Menschen, ein Aufgebot von Schutzleuten! Was ist los! Die große, neuerbaute, schmucke Synagoge steht im Zeichen ihrer Einweihung. Aber das würde manchen unserer östlichen Brüder, dem wohl Gottesdienst nur noch eine Reminiszenz ist, kalt lassen. Ein anderer Umstand ists, der die Massen herbeiführt. Der größte Kantor Europas, der weltbekannte Chafon G. S i r o t a aus Warschau (früher Wilna) von der größten existierenden „Schul", wurde eigens zu dem Feste engagiert. Man muß schon in Galizien, im Orient und in Rußland gewesen sein, um die Volksseele unserer dortigen Brüder zu verstehen, um zu wissen und zu begreifen, was das heißt, einen guten Chafon zu hören, selbst bei dem, welcher wie schon gesagt mit dem Alten gebrochen und sich in einen von westeuropäischer Kultur übertünchten Mantel hüllte. Ich konstatierte mit Bedauern — es waren leider nicht alle Gottsucher, die sich unten und auf den beiden Galerien drängten Sirota tat sein Bestes und brillierte. Der Knabenchor dagegen erwies sich als nicht besonders gut diszipliniert und der Wohl laut und die Reinheit der Wiedergabe ließen sowohl am Schabbos als auch am Sonntag, beim profanen Einweihungsakt viel zu wünschen übrig. Ich glaube, die so häufig benutzte Stimmgabel seitens des Chafons und Dirigenten — am Schabbos (sie.) — hat wohl ruhen wollen und ihren Dienst versagt. Eine Glanznummer Sirotas, allerersten Güte, war sein DP^rnn DX und Und als die machtvolle, weittragende Stimme Sirotas in dem "1V2T‘^ und -j^ "j-j — variatio delectat — in dramatischer Akzentuierung, in scheinbarer häufiger Anlehnung an Opern, aber auch bei echt jüdischem Chasonus tiefes Weh, Klage und Freude hervorzauberte, da hatte er alle Anwesenden iti seinen Bann gezogen, und was ich befürchtete, — das Volk konnte sich nicht mehr halten und ein stürmischer Applaus setzte ein, der aber gleich durch das allerwärts ertönende „schah, schah" auftönte. Ich vermisse jedoch bei Sirota die gewissenhafte Art des Singens auf der Basis reinster Technik, wodurch so manche duftige und zarte Feinheit links liegen blieb. Diese Beobachtung machte ich besonders am Sonntag Nachmittag bei der eigentlichen Einweihung und abends beim Bankett. Uebrigens ist, wie ich bemerken will, Sirota, obwohl zum ersten Male in Paris, hier doch kein Unbekannter. Auf den großen Boulevards hören wir ihn schon lange im Pathdphon in