Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- V (1914)
- Issue
- 23 (5.6.1914)
- Date
- 1914-06-05
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23 Da» jüdische Matt. 5 großen, einfach angelegten Garten, in dem sich die Schwestern erholen sollen. Von dem kleinen Türmchen auf dem Dach, das gleichzeitig als Liegehalle für Rekonvaleszentinnen gedacht ist, genießt man eine herrliche Aussicht auf das Maintal, den Ostpark, die umliegenden Höhen und die Gebirgszüge des Taunus und des Odenwaldes. Alles ist darauf eingerichtet, daß die Schwester in ihrem Heim von den großen Anstrengungen des Berufs nicht nur körperliche, sondern auch geistige Erholung findet. Der Verband orthodoxer Rabbiner Deutschlands versendet folgende Einladung: Frankfurt a. Al.. 27. Mai 1914. Sehr geehrter Herr Rabbiner! Durch das bayerische Zentralkassenprojekt und ähnliche Bestrebungen in Hessen ist die Frage einer zentralen finanziellen Organisation zu einer höchst aktuellen, die Interessen der gesamten deutschen Orthodoxie berührenden Angelegenheit geworden. Wir halten es für eine Pflicht unseres Verbandes, zu dieser Frage Stellung zu nehmen und gestatten uns daher, Sie zu einer Generalversammlung auf Donnerstag, den 11. Juni d. I., vomittags 9 Uhr, nach Frankfurt a. M., Synagoge Friedberger Anlage, ergebenst einzuladen. Tagesordnung: Die Frage einer zentralen finanziellen Organisation. Referent: Rabbiner Dr. Bondi-Mainz. Rußland. Der Beilisprozeß in der Duma. Bei der Beratung des Budgets des Justizministeriums besprach der liberale Dumaabgeordnete Maklakow auch den Beilisprozeß, über den er unter anderem sagte: „Nicht von dem Prozeß selber will ich sprechen. Ich spreche vielmehr über das Justizministerium und dessen Beziehungen zum Prozeß. Man sagt uns, der Beilisprozeß ist ein Lob des Justizministeriums. Warum? Alle seien von den Juden gekauft gewesen, nur das Gericht nicht. Niemand konnte der Kraft des jüdischen Geldes Widerstand leisten. Nur das Gericht konnte man nicht bestechen. (Zwischenruf des echten Russen Markow II: Sehr richtig.) Der Dumaabgeordnete Markow 11 bestätigt soeben was ich sage. Aber wie beleidigend und naiv ist em derartiges Lob. Ist es denn keine Schande, was geschehen ist. Bald nach dem Prozeß haben alle diejenigen, die irgendwie an der Anklage beteiligt waren, Belobungen bekommen. Ich weiß wohl, viele werden mir erwidern: Sie haben ihre Ueberzeugung nicht für die Belobungen verkauft. (Markow: Das Urteil haben ja die Geschworenen gesprochen.) Aber klug ist jenes Gesetz, das der Bestechung zeiht nicht nur denjenigen, der sein Gewissen gegen Geld verkauft, sondern auch den, der eine Belobung annimmt für die Erfüllung seiner Pflicht. (Beifall links.) Beides ist gleich schändlich. Darum hat man es in der früheren guten Zeit für ausgeschlossen gehalten, daß Gerichtsbeamte irgend welche Belobung für ihre gerichtliche Tätigkeit annehmen. In den letzten Jahren hat man zwar begonnen, Belobungen anzunehmen, aber nur für die allgemeine Tätigkeit, nach einer gewissen Dienstzeit. Für die Rechtssprechung in einem einzelnen Prozeß hat bis jetzt niemand Belobungen angenommen. Und wenn man jetzt Belobungen verleiht, gerade denjenigen Richtern, die den Prozeß in der Richtung geführt haben, die das Justizministerium ihnen angewiesen hat, heißt das nicht, daß das Justizministerium die Richter wie gewöhnliche gut disziplinierte Polizeibeamte betrachtet, die Belobungen für gute Aufführung erhalten. Dagegen die Urheber des Mords sind bis jetzt nicht beschafft, und man tut nichts, sie der Bestrafung zuzuführen. Warum hat man jede weitere Untersuchung des Mordfalls eingestellt? Nur darum, weil man keinen Schritt machen kann, ohne auf die Tschebriakowa zu stoßen. Diese anzurühren, wagt das Gericht nicht. (Lebhafter Beifall links.) Nachdem der Ankläger im Beilisprozeß das Justizministerium auf seine Art verteidigt hat, tritt ihm Kerinski entgegen. Heute weiß man aber ganz genau, wer Justinskys Mörder sind. Fenewlo und Iwanow haben es ausdrücklich gesagt im letzten Prozeß zwischen Tschebriokowa und Triponow. Warum werden die Schuldigen nicht dem Gericht übergeben? Der Gehilfe des Justizministers Wierowki erwidert: Beilis ist freigesprochen, aber das Gericht hat die in der Anklage festgestellte Tatsache, daß der Mord in Saizews Ziegelei stattgefunden hat, bestätigt. Also können alle zufrieden sein, sagt der Gehilfe des Justizministers. Die Aufregung will sich aber nicht legen. Man beschuldigt das Justizministerium, daß es die wahren Schuldigen nicht verfolgt, aber neue Tatsachen sind bis jetzt nicht gefunden worden. Konferenz jüdischer Emigrationsgesellfchaften. Am 16. Mai sind in St. Petersburg die Vorsteher mehrerer Emigrationsgesellschaften zu einer Konferenz zusammengetreten. Verhandlungsgegenstand war die in Hamburg am 5. Juni bevorstehende Zusammenkunft der in Rußland tätigen Emigrationsvereine mit den Vertretern der deutschen Schiffahrtsgesellschaften Hamburg-Amerika-Linie und Norddeutscher Lloyd in Sachen der jüdischen Auswanderungsverhältnisse. Präsident W. Mandel berichtete über den Gang der vom „Verein für die Regelung der jüdischen Emigration" eingeleiteten Verhandlungen mit den Vertretern der deutschen Schiffahrtslinien einerseits und den jüdischen Emigrationsvereinen andererseits. Wie aus der Korrespondenz erhellt, legen die deutschen Schiffahrtsgesellschaften die Bereitwilligkeit an den Tag, den gerechten Wünscherl der jüdischen Emigrantenvereine entgegenzukommen und etwaige Reformvorschläge, die Verhältnisse in den Kontrollstationen, Häfen und bei der Ueberfahrt betreffend, gemeinschaftlich mit den Vertretern der jüdischen Emigrationsvereine durchzuberaten. Andererseits haben auf eine Anfrage hin seitens des „Vereines für die Regelung der jüdischen Emigration" folgende jüdische Vereine ihre Bereitwilligkeit erklärt, an den Beratungen in Hamburg teilzunehmen: Minsker Hilfsverein für jüdische Emigranten, jüdische Emigrationsgesellschaft (Kieff), Warschauer Jnformationsbureau, Kieffer Abteilung des „Vereins für die Regelung der jüdischen Emigration", Lodzer Jnformationsbureau. In der Konferenz wurden detaillierte Berichte über die Lage in den Kontrollstationen an der russisch-deutschen Grenze verlesen und die entsprechenden Wünsche formuliert, die in Hamburg vorzubringen wären. Nach längeren Debatten und nach Wahl einer Kommission wurde folgende Resolution einstimmig angenommen: „Die St. Petersburger Konferenz jüdischer Emigrationsvereine mit Anteilnahme namhafter, in der Oeffentlichkeit tätiger Persönlichkeiten begrüßt die vom „Verein für die Regelung der jüdischen Emigration" ergriffene Initiative, eine Zusammenkunft in Sachen der jüdischen Auswanderungsverhältnisse mit den deutschen Schifffahrtsgesellschaften zuwege zu bringen und fordert alle an der jüdischen Emigration Interesse nehmenden Kreise auf, diese Initiative zum Wohl der jüdischen Emigranten zu unterstützen." Die geplante jüdische E m i g r a t i o n s> b a n k in Rußland geht ihrer Vollendung entgegen. Die Herren Jakob Schiff, Leopold v. R o t s ch i l d und Leo B r o d s k y , die Förderer dieser Bank, werden für große Zeichnungen wirken. In Warschau hat einer der Gründer, Herr L w o w i t s ch , dieser Tage allein über 100 000 Rubel gezeichnet erhalten.