Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- V (1914)
- Issue
- 22 (29.5.1914)
- Date
- 1914-05-29
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22. Das jüdische Statt. 11 und der Psalmworte: „Ich frohlocke, wenn man mir sagt, daß wir in das Haus des Herrn gehen." So schön, so, ergreifend war dieser alte Jude mit seiner tiefsinnigen Religiosität. Ich glaube, daß sein Gott seinen treuen Diener dafür belohnt. Im vergangenen Herbst sah ich ihn zum letztenmal. Die Synagoge wurde baulich renoviert. Und dieser alte, mit 70 Jahren noch mächtige Mensch trug, abgemüdet von seiner brotsuchenden Tagesarbeit, auf seinen schon hinfälligen Schultern mächtige Eimer Wasser zu seinem Gotteshause. Sein tiefsinniger Glaube lehrte ihn arbeiten zu Gottes Verherrlichung. Weil ich tief überzeugt bin, daß er es nicht für Geld getan. Und nun fragt mich vielleicht jemand, was der Nekrolog dieses alten Juden in den Spalten einer katholischen Zeitung sucht? Ich sage es. Ich werde es gerne sehen, wenn in jedem Juden, in jedem Christen soviel Glauben, soviel Redlichkeit, soviel Güte, soviel Gottes- und Menschenliebe leben würde. Schöner, besser, glücklicher wäre die Welt. Und wahrlich, ich sag's, es wäre nicht so viel Antiklerikalismus, nicht so viel Antisemitismus. Oder — für alle Fälle weniger. S z i g m a. Prozeß Leo Frank. Der zum Tode verurteilte Leo Frank hat, wie wir bereits berichteten, gegen das Todesurteil appelliert. Der berühmte Detektiv Burns hatte auch ein umfassendes Beweismaterial gejammelt, jedoch bei der gerichtlichen Vernehmung fielen die Zeugen wieder um. Infolgedessen wurde das Wiederaufnahmeverfahren abgelehnt. Doch wird auch diese Entscheidung im Instanzenwege wieder angefochten. Briefkasten. L. 200. In Petersthal befindet sich keine jüdische Wirtschaft. Beweise für den göttlichen Zlrsprnng der Hstora?) M. v. Z.! Wenn unser w. Herr Vorsitzender, wie üblich, einen Rückblick über das verflossene Jahr gegeben, so werden Sie wohl auch mir gestatten, als Einleitung zum Referate einen kurzen Rückblick auf den 23. Februar vorigen Jahres zu werfen, an dem wir uns gleichfalls hier versammelt hatten, und zum Gegenstand unserer Diskussion jene neue Lehre der „Richtlinien" machten. Wenn es noch eines Beweises benötigte, daß dieses Bekenntnis nicht den Anspruch machen dürfe, sich als ein Judentum auszugeben, so dürfte die Tatsache genügen, daß man heute bereits über diese „neue Thora" zur Tagesordnung übergeht und kaum mehr dem Namen nach von dieser neuen Lehre hört. Es scheint sich der talmudische Satz, wonach ein Trepho-Organismus nicht 12 Monate leben könne, zu bestätigen, wenn nach kaum einer Jahresfrist diese „Ausgeburt" religiöser Gleichgültigkeit und Modesucht bereits seine Lebensunfähigkeit zeigt, und jeden Unbefangenen erkennen läßt, daß dieselbe nicht auf rituellem Boden entstanden, und nicht berufen sei, das religiöse Leben zu fördern. Desto mehr werden wir davon überzeugt, daß es nur die Fahne der göttlichen Thora sei, um die das Judentum sich scharen dürfte, die allein als historische Grundlage unserer heiligen Religion für alle Zeiten gelten könne. Es gehört zwar der göttliche Ursprung und damit die ewige Verbindlichkeit der Thora zu den Grunddogmen des Judentums, über die eine Diskussion überflüssig sein sollte, in einer Zeit aber, da das Gift der Zweifelsucht immer mehr in weitere-Kreise dringt, da ist wohl der Grundsatz „wisse, was du dem Ungläubigen er- *) Dieser Vortrag wurde auf der 4. in Stuttgart abgehältenen Generalversammlung des Württemberger Landesverbands für die Interessen des gesetzestreuen Judentums 'gehalten. widern sollst" mehr als je zur Förderung des Tages geworden, wie sich auch die größten und gottbegeistertsten unserer jüdischen Gelehrten dieser Aufgabe nicht verschließen. Nicht zu prüfen, sondern unseren Glauben zu bestärken, Wankende zu stützen, sollen in folgendem, soweit im Rahmen eines Vortrags möglich, einige Punkte besprochen werden, die nach den Gesetzen der Logik den göttlichen Ursprung der Thora zu beweisen imstande sind. Wir wollen mit den ersten Kapiteln unserer heiligen Schrift beginnen, wo in schlichter und lebhafter Darstellung eine Schöpfungsgeschichte geboten wird, die sich erstaunlich unterscheidet von allen anderen Kosmogonien der alten Völker durch ihre' Natürlichkeit, wissenschaftliche Haltbarkeit und ihren religiös sittlichen Gehalt, so daß große Naturforscher älterer und jüngerer Zeit (z. B. der berühmte Astronom Faye, der Physiker Helmholtz, unter den neuesten Forschern Dr. I. Riem u. a.) ehrerbietig den biblischen Schöpfungsbericht als wissenschaftlich richtig und einwandfrei erklären. Nun ist es klar, daß Moses aus eigener Erfahrung niemals in den Besitz solch gründlicher geologischer und astronomischer Kenntnisse gelangt sein könne. Wie hätte er am Hofe Pharaos, in der Umgebung ägyptischer Weisen, deren Lebens¬ und Weltanschauung von polytheistischem Wahne durchdrungen war, zu einer auf reinstem Monotheismus fußenden Schöpfungsgeschichte der Genesis kommen können? Oder konnte er etwa als Hirte des midjanitischen Priesters Jethro Einblick in die den größten Forschern kaum zugänglichen Geheimnisse der Natur- Haben? Genügt nicht dieses Beispiel allein, den übernatürlichen Ursprung der Thora zu beweisen? Gehen wir einige Kapitel weiter, so bietet sich uns ein nicht minder interessantes Thema an der Völkertafel in n2 J-J52HD (10. Kap.) die sämtliche von Noah abstammenden Völker in ihrer verwandtschaftlichen Beziehung darstellt, und von modernen Forschern bis in die letzten Einzelheiten bestätigt wurde. So sagt ein Mann, der sich zum Spezialgebiete die Altertumsforschung im Verhältnis zur Bibel gewählt (Rev. Urquhart) von der biblischen Völkertabelle: „Sie stamme aus einer Zeit, da noch durch dichte Finsternis jene Wahrheiten dem unbewaffneten Auge verborgen waren, so daß sie nur inspiriert, d. h. nicht Menschen Werk, sondern Gottes Werk lein könne." Sind dies Beispiele aus der allgemeinen Schöpfungs- und Völkergeschichte, die den göttlichen Ursprung der Thora zu beweisen vermögen, so finden wir ferner in dem gesetzlichen Teile weitere Belege. So enthält das 3. Buch Mosis verschiedene auf den Landbau bzügliche Vorschriften wie z. B. das Orlahaesetz, wonach die Früchte eines neu gepflanzten Baumes in den ersten drei Jahren zur Verwendung verboten, und im 4. Jahre auszulösen sind, das Schemittohgefetz, das Feld im 7. Jahre brach liegen zu lassen, das Jowelgesetz, jedes verkaufte Feld im 50. Jahre an den ursprünglichen Besitzer zurückgehen zu lassen, das Kilajimverbot, verschiedene Gattungen untereinander zu pflanzen u. a. lauter Gesetze, die dem Volke Israel gegeben wurden 40 Jahre, bevor es auf den Boden Palästinas kam, 54 Jahre, bevor es ihn voll und ganz in Besitz nahm (denn 14 Jahre währte die Einnahme und Verteilung). Nun fragen wir uns: m. v. Z., ist es denkbar, daß ein Volk sich ein Gesetz über den Landbau schaffe, ohne Grund und Boden zu besitzen? Wird etwa ein Volk ohne Militär und Marine sich ein Heer- und Flottengesetz, ohne Handel sich ein Handelsgesetz schassen? Wenn gegenwärtig unter den Kulturvölkern ein Luftschifsahrtsgesetz beraten wird, so war dies doch erst möglich, nachdem die Erfindung des Luftschiffs und Aetoplans zur historischen Tatsache geworden! Nur durch die Annahme Gottes, als den Gesetzgeber, der wohl damit beim Volke die Hoffnung auf das verheißene Land stärken wollte, erklärt sich dieser bei keinem andern Volke anzutreffende Umstand.