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Das jüdische Blatt · 1914-05-29 · 22 (29.5.1914) · p. Seite 10

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
V (1914)
Issue
22 (29.5.1914)
Date
1914-05-29
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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10 Nr. 22 Da» jüdische Klatt. Wücheröesprechung. Lebenswellen von Maria Helden. Selbstverlag. Nürnberg. 1.50 Ai. Eine unserer Schwestern hat ihre Berufenheit gerade noch rechtzeitig entdeckt und den Pegasus bestiegen. Mit etwa 100 Gedichten tritt sie an die Öffentlichkeit, bzw. vor den kleinen Kreis ihrer Bekannten, die stolz auf Pseudonym und Einband, der Dichterin bereits den Lorbeer zugesprochen. Leider zu Unrecht. Das Büchlein kann nicht ernst genommen werden, es ist selbst für eine Anfängerin zu schwach. Dazu kommt die gemalt persönliche Note, die in einem sehr schlechten Motto der Verfasserin die Märtyrerkrone des verkannten Genies aufsetzen will; — aber umsonst. Man legt die „Dichtung" gerne aus der Hand. —r „Gideon, der Arz t." Roman von Joh. Hoeffner. 2. Aufl. Wismar. Hinstorffsche Verlagshandlung. Rezept: Man nehme einen Juden, der ausnahmsweise gut und edel ist, setze ihn in Gegensatz zu seinen Glaubensgenossen, die alle schlecht und gemein sind und ein furchtbar anzuhörendes Mauscheln sprechen. Dem braven Juden gibt man als Feinde und Gegner adelige und gemeine Antisemiten, die schon auf der Schulbank mit ihm anbinden. Auch ziehe man etwelche Dinge, die man selber nicht versteht, die man aber irgendwo aufgeschnappt hat, aus dem Ritual der Juden, aus ihren Gebeten und Gebräuchen herbei, verwirrt und konfundiert alles zu einem unsinnigen Gemengsel, dann zieht man es durch den Dr— und serviert es als Judentum. Den „edlen" Juden läßt man auf Juden und Judentum schimpfen, dagegen vom Nazarener und von Nazareth schwärmen. Auch garniert man das alles, mit mehr oder weniger Geschehen und einer Liebesgeschichte. Dann ist der „moderne Roman" fertig und man serviert ihn antisemitischen Christen und hofft, daß auch mit ihrem Glauben und ihrer Glaubensgenossenschast zerfallene Juden, die von ihrer Religion so wenig wissen, daß sie den Autor noch als Rabbi ansehen, ihn kaufen und bezahlen. Dr. M. K. in M. Wermischles. Bg Rothschild-Anekdote. Von der alten Frau von Rothschild, der Stammutter der Freiherren v. Rothschild in Frankfurt a. M., erzählt die „Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens" (Union, Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart) folgende hübsche Geschichte: Die alte Dame besaß viel Witz und Geisteskraft; beide blieben ihr bis an ihr Lebensende getreu und verließen sie auch an dem Totenbette nicht. Sie erreichte ein Alter von 98 Jahren. Als sie in ihrer letzten Krankheit den Arzt rufen ließ, fand dieser, daß bei der Greisin das Lebensflämmchen im Verlöschen und jede Hilfe ausgeschlossen sei. Aber die geistesstarke Frau wollte noch nicht sterben und bat den Arzt auf das eindringlichste, ihr noch irgend etwas zu verschreiben. „Lieber Doktor," rief sie, „versuchen Sie's doch wenigstens, ob Sie nicht noch etwas für mich tun können!" „Madame," erwiderte der Arzt, „was soll ich für Sie tun? Ich kann Sie doch unmöglich wieder jung machen!" Da glitt ein Lächeln über das Gesicht der Sterbenden. „Aber, lieber Doktor," rief sie, „ich will ja auch gar nicht wieder jung werden! Im Gegenteil, ich wünsche nur, daß Sie mich noch älter werden ließen!" Dies war ihr letzter Witz. Wenige Stunden darauf schlief sie schmerzlos ein. Der jüdische Lastträger von Stuhlweißenburg. Vorige Woche starb hier Esriel S ch l e s i n g e r,H ein armer Lastträger, der sein ganzes Leben lang ungekannt und ungenannt Wohltaten übte. Er teilte seinen schwer erarbeiteten Lohn mit den noch Aermeren Jerusalems, sorgte für Witwen und Bedürftige. Der Verblichene tat noch mehr als Mar Ukba, denn dieser hatte ein Vermögen zu verteilen, der Verstorbene hingegen hatte in seiner grenzenlosen Armut ein Vermögen verteilt. Sämtliche Lokalblätter widmeten ihm anerkennende Nekrologe, der des klerikalen „Fejerenegyei Naplo" — welches ansonsten auf Juden und Judentum nicht gut zu sprechen ist — verdient die weiteste Verbreitung. Derselbe lautet nach Oesterr. Wochenschr. deutsch: Verus Jfraelila. Seit meiner Kindheit kenne ich ihn. Mit einer gewissen Furcht, mit gemischter Bewunderung sah ich auf ihn, wenn er längs der Gasse ging, bebte unter ihm die Erde. Ich erinnere mich, sein Anblick beschäftigte sehr meine junge Phantasie — der Gegner Davids, der gepanzerte, behelmte Lanzenträger, der Philister Goliath muhte so ausgesehen haben. Aber später wurde es mir bewußt, habe ich es erfahren, daß dieser unser „große" Mensch, den weder Spott noch Unehrerbietigkeit, nur unsere unvergleichlich ausdrucksvolle, unsere köstliche Sprache den „Anderthalb-Iuden" -') benannte, der gute Josef Schlesinger nur mit seinem Körper Philister war. Seine Seele, die war rechtschaffen, solcherart, wie die des Apostels Nathanael gewesen sein mag, von dem der Heiland sagte: „Sieh', einen wahren Israeliten, in dem kein Falsch ist." Wann er kam, woher er kam? — Von unserer jetzt lebenden Generation weiß es vielleicht niemand. Wir, die jetzt lebenden Bewohner dieser Stadt, haben ihn vielleicht allesamt dort angetroffen in dem „Raizenstadtteil" in der Palotaer-Gasse. Immer dachte ich, und auch jetzt glaube ich es, daß er darum dort wohnte, damit er der Synagoge nahe fei, welche er als gläubiger, orthodoxer Jude zur Anbetung des großen Gottes so treu aufsuchte. An den Wochentagen seines Lebens ging er die Gasser» der Stadt zum Bahnhof hinunter, vom Bahnhof herauf. Hinunter ging er mit seinem kolossalen Schubkarren, zumeist leer; zurück mit einer solchen Last, daß die mächtig eisenbeschlagene Konstruktion ächzte, knirschte und zuckte. Auf seinem Riesenkopf trug er einen Hut wie sonst niemand, auf seinen Füßen solche Stiesel, daß für einen gewöhnlichen Sterblichen fürs Leben lang getrost eine Lederhose ausgereicht hätte. Er eilte nie, er zürnte nie. Ich glaube, er hatte nie Feinde. Er hat niemanden betrogen, er hat niemanden beleidigt. Auch ihn kränkte niemand, auch mit Worten nicht. Er war der leibhaftige Typus des arbeitsamen, redlichen Menschen. Alle die, welche ihn als Kinder anstaunten, neben ihm aufwuchsen, ihm begegneten, grüßte er zutraulich. Und als unter seinem Schnurrbart hervor das stereotype „Gut'n Tag" erklang, erschütterte ein mächtig tiefer Baß die Luft. Und doch war das ganze nur ein Geflüster. Weil ich ihn laut, mit Emotion nie sprechen hörte. Hiezu bedurfte es bei ihm niemals. Seinem bescheidenen Worte gab sein Körperbau, seine Individualität, feine Rechtschaffenheit Nachdruck. In meiner Kindheit ging die Kunde, daß er, im Falle seines Ablebens, feine Gebeine zu wissenschaftlichen Zwecken irgendeinem Museum verkaufte. Nie glaubte ich es. Und später hörte ich, daß auch er selbst gegen diese Voraussetzung sich verwahrte. Es war feine volle Überzeugung, daß Gott seinen mächtigen Körperbau, seine säuligen Gebeine nur zur Benützung für dieses Erdenleben ihm anvertraute, daß er nach dem Tode ihm diese zurückgebe und nicht irgend einem Museum. Er war eine tiefreligiöse Natur. Samstag, wenn er in den Tempel ging, war fein Antlitz die wahrhaftige Illustration der Psalmworte: „Glücklich, die in deinem Hause wohnen, mein Gott und Herr", H Geb. 1841 im Jvengener Komitat, Glied der Familie Leimdörfer, der, auch der Hamburger Rabbiner Dr. Leimdörfer angehört. ") (masfelzsidö) infolge feiner riesenhaften Gestalt.

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