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Das jüdische Blatt · 1914-05-29 · 22 (29.5.1914) · p. Seite 4

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
V (1914)
Issue
22 (29.5.1914)
Date
1914-05-29
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 Das jüdische KLatt. Nr. 22 Aus aller Wett Deutschland. Berlin. Im Anschluß an die Mitgliederversammlung der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums in Frankfurt a. M. werden in Frankfurt mehrere Ausstellungen veranstaltet. Die bekannte Verlagsfirma I. Kauffmann bietet den Teilnehmern der Versammlung eine Ausstellung ihres bedeutenden Verlages und der sämtlichen Werke, welche von der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums herausgegeben worden sind, während eine kunstgewerbliche Firma eine Ausstellung jüdischer Kultusgegenstände veranstaltet. Die Frankfurter Numismatische Gesellschaft plant eine Ausstellung jüdischer Münzen und Medaillen, welche in drei Abteilungen in lückenloser Weise die in der Bibel und im Talmud erwähnten Münzen, die Münzen von der Makkabäerzeit bis zum Aufstande des Barkochba und endlich Denkmünzen enthalten soll, welche auf Frankfurter jüdische Persönlichkeiten oder auf die Frankfurter Juden betreffende Ereignisse geprägt worden sind. — Zu der Versammlung ist bereits eine große Beteiligung von auswärts gemeldet. Berlin. Jüdischer Kulturfonds „Kedem". Zur Förderung der hebräischen Sprache und Kultur in Palästina ist von den Zionisten der Jüdische Kulturfonds Kedem ins Leben gerufen worden, für den Herr M. F e l d ft e i n in Warschau 40 000 Fr. gestiftet hat und für den auch sonstige größere Beiträge eingegangen sind. Nachdem der Fonds nunmehr die nötigen technischen Vorbereitungen getroffen und die behördliche Legalisation erlangt hat, ist er jetzt an die Verwirklichung seines umfassenden Programms herangetreten. Zunächst wendet er sich den besonders dringenden Aufgaben zu, in erster Reihe der Herausgabe von Lehrbüchern für die hebräischen Schulen sowie der Schaffung von Bibliotheken in Palästina. Ferner begründet der „Kedem" ein wissenschaftlich es Organ für die hebräische Sprachforschung. Rußland. Das System der Judenverfolgung wird immer unverschämter betrieben. Wie im Mittelalter sollen die Juden vom Besitz von Grund und Boden ausgeschlossen werden. Um dies zu erreichen, ist bekanntlich der neue Gesetzentwurf vorgelegt worden, der verhüten soll, daß Juden führende Stellen in Aktiengesellschaften haben. Die Konzession von Aktiengesellschaften soll erschwert und verweigert werden, jedesmal wo die Befürchtung entsteht, daß dadurch Juden unter der Form der Aktiengesellschaft irgend welchen Besitz an Boden, Haus und Wald erwerben. Daß durch solche Maßregeln der schikanösen Willkür Tür und Tor geöffnet sind und daß dadurch das Kapital, das zur Ausbeutung des Naturreichtums nötig ist, kopfscheu gemacht wird, ist klar. Der Unwille darüber an den Börsen ist groß. Auch hat der kürzlich abgehaltene Kongreß für Handel und Industrie, darunter ausgesprochene Judenfresser, ganz energisch gegen diesen den russischen Handel gefährdenden Gesetzentwurf der Regierung protestiert. Der Kongreß sieht bereits ein, daß eine Beschwerde bei dem Ministerium erfolglos ist, und hat beschlossen, sich unmittelbar an die höchste Stelle zu wenden. Ob dieser Schritt erfolgreicher sein wird? Alle Maßregeln, die die Juden treffen, werden von der höchsten Stelle gebilligt: der Ausschluß der Juden aus dem Heere, das Gesetz gegen die Schechita, die Vertreibung der Juden aus ihren alten Wohnsitzen. Die Inszenatoren des Beilisprozesses wurden von der höchsten Stelle belobigt und belohnt und mit hohen Orden ausgezeichnet, der Chef der Schwarzen Hundert vom Czaren mit einem hohen Orden ausgezeichnet, Purischkewitsch ist eine der angesehensten Persönlichkeiten bei Hofe. Sein Wort hat daher auch in den Ministerien Wert und Wirkung. In einer Dumarede hat dieser Purischkewitsch die Gouverneure Rußlands in drei Klassen eingeteilt in gute, befriedigende und nicht befriedigende. Schlecht sind die, die noch einen Rest von Menschlichkeit in der Judenverfolgung sich bewahrt haben, gut diejenigen, die erbarmungslos gegen die Juden darauflosgehen. Mit dieser Rede hat sich Purischkewitsch nicht begnügt, er überreichte dem Minister sein Verzeichnis mit den Zensuren. Schlecht sind darin die milden, die werden geradezu als „Liberal" verschrien. Gut sind dagegen der Kostrower Gouverneur, Stremouchow ein ausgezeichneter Gouverneur, weil er den Juden nicht gestattet, in den Handel mit Waldholz überzugreifen. Stremouchow hat überhaupt gewaltige Verdienste, ist doch auf ihn die Anregung zurückzuführen, die Juden aus den Aktiengesellschaften zu verdrängen. Glänzend als Gouverneur ist nach dem Zettel des Purischkewitsch auch der Jekaterinoslawer Gouverneur, Kolobow, hat er doch an allen Feierlichkeiten zu Ehren des ermordeten Justinsky teilgenommen, verfolgt er ja die Juden „unerbittlich, ist er doch nicht nur ein rechter, sondern ein offener Antisemit, wie es sich für jeden Gouverneur, besonders von Südrußland, empfiehlt". So verteilt der Machthaber Purischkewitsch seine Zensuren. Gar nicht schlecht ist der Odenburger Gouverneur, Suchomlinow; „er hat auch nicht ein Gesuch der Juden bewilligt". Der Puldawer Gouverneur dagegen hat einen kleinen Fehler: er hat einen deutschen Namen. Dafür hat er aber große Vorzüge: Streng gegen alle Juden, wohnt er allen antisemitischen Versammlungen bei. Besonderes Lob wird dem Chersoneser Gouverneur Grewenitz gespendet: „In seinem Bezirk sind ja die Massenaustreibungen von Juden vorgekommen." So sieht die Regierungsatmosphäre aus. In gewissen Volksteilen aber scheint sich doch eine Umkehr zum Besseren anzubahnen. Der Gesetzentwurf über die Aktiengesellschaften hat die Bourgeoisie aus dem Gleichgewicht gebracht und ihren Gleichmut aufgerüttelt. Das gemeine Volk dagegen wird systematisch auf die Juden gehetzt und in seiner Mitte wird eine Brutstätte für Mordgedanken bereitet. So hat in Michalin eine Dienstmagd, wie man annimmt, einen aufsehenerregenden Mord an einem Kinde ihrer Herrschaft ausgeübt. Sie schleppte ihr Opfer in den Keller. Als sie sah, daß sie den Knaben nicht erwürgen konnte, brachte sie ihm mit einem spitzen Messer eine Anzahl Stiche bei in den Kopf, die Schläfen, die Nase, bis er erlag. Die Beerdigung fand nach stattgehabter Untersuchung unter allgemeiner Teilnahme in Warschau statt. Vor dem Kriegsgericht in Sitomir hatten sich 21 jüdische junge Männer wegen der Zugehörigkeit zu der Partei der Zionisten und Territorialisten zu verantworten. 14 wurden vom Kreisgericht zu 20 und 5 zu 13 Tagen Arrest verurteilt. Ein minderjähriger Mitangeklagter wurde unter Polizeiaufsicht gestellt. Ueu-Geiechenland. Die Lage der Juden in Saloniki. Die Lage der Juden in Saloniki ist am besten durch die fortgesetzten Reibungen zwischen Juden und Griechen in dieser Stadt gekennzeichnet. Vor einigen Tagen ereignete es sich wieder,

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