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Das jüdische Blatt · 1914-05-29 · 22 (29.5.1914) · p. Seite 3

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
V (1914)
Issue
22 (29.5.1914)
Date
1914-05-29
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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S?r. 22. Da« Mische Klatt. 3 Antisemitischer Tierschutz. Wir berichteten in voriger Nummer, daß auf dem Tierschutztag in Stuttgart Direktor Klein zur Veranschaulichung des Schächtaktes die Lenneper Filmbilder oorführte, und daß ein Teil der Versammlung gegen diese Vorführung auftrat, weil diese Bilder für die Bewertung des Schächtaktes nicht maßgebend sind. Man muß bei dieser Gelegenheit wieder in die Erinnerung zurückrufen, wie diese Bilder überhaupt zustande gekommen sind. Die Tierschützler ließen, wie bereits berichtet, in Lennep (Rheinprovinz) das Tier in die Schlachthofhalle führen, ohne jede Vorrichtung zu Boden werfen und von einem Metzgergesellen den Schächtschnitt vornehmen und zwar vor einem geladenen Publikum. Die Tierschützler haben auch den Vorgang durch einen Photographen aufnehmen lassen, um die so dargestellte gefälschte Schächthandlung agitatorisch zu verwerten. Das Vorgehen der Tierschützler war also die inszenierte Tierquälerei, die geradezu provokatorischen Charakter trug. Sie scheuten sich nicht, den Schächtakt durch die Zeichen der Tierquälerei absichtlich zu entstellen, um dann das Publikum, dem sie den Akt im Film vorführen würden, gruselig zu machen. Das ist doch bereits ein von blindem Menschen-, d. h. Judenhaß eingegebenes Verfahren, bei welchem die Rücksicht auf das Tier vollständig ausgeschaltet erscheint. Damit haben diese Herren Tierschützler ihr wahres antisemitisches Gesicht gezeigt. Ihr Judenhaß, den sie unter der Maske des Tierschutzes betreiben, ist ihnen schon so zum Fug und Recht geworden, daß sie zu einer Fälschung greifen, um ihm Vorschub zu leisten. Nicht einmal die Entschuldigung der Unwissenheit kann diesen offenkundigen antisemitischen Tierschützlern zuteil werden. Denn der Zentralverein Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hat sie nach dem Lenneper Vorgang bereits gewarnt, daß er sie gerichtlich verfolgen würde, wenn sie die durch derartige verurteilenswerte Machenschaften gewonnenen Photographien in der Oeffentlichkeit verwerten würden. Sie ließen sich nicht warnen, sie suchten vielmehr in Stuttgart bei den Tierfreunden einen billigen Effekt damit zu erzielen. Allerdings fand ihr Gebaren Widerspruch. Doch hätte allein vom Gesichtspunkte der guten Sitten ein solches gemeingefährliches Gebaren schon in dieser Versammlung der Tierfreunde eine viel energerische Zurückweisung und Zurechtweisung erfahren sollen. Die Versammlung also hätte in aller Deutlichkeit erklären müssen, daß sie den Tierschutz nicht zur Maske für Menschenhaß, für Judenhaß gebrauchen lassen will. Es ist nicht geschehen. Um so kräftiger müssen wir hervorheben, daß die mit so verwerflichen Mitteln geführte Agitation gegen das Schächten im Grunde nichts anderes ist, wie eine antisemitische Hetze. Aas Angola-Projekt. Das Schweiz. Territorial. Landeskomitee der I. T. O. schreibt uns über das Angola-Projekt: Das Londoner Zentralbureau der Jüdischen Territorialistischen Organisation (I. T. O.) beruft im September dieses Jahres nach Budapest eine allweltliche Territorialistische Konferenz ein. Unter den Fragen, welche diese Konferenz beschäftigen, steht an erster Stelle das Angola-Projekt. Angesichts der außerordentlichen Wichtigkeit dieses Projektes für alle Klassen und Schichten unseres Volkes ist es unabweisbare Pflicht eines jeden selbstbewußten Juden, dieser Angelegenheit nicht nur die größte Aufmerksamkeit zu schenken, sondern auch in dieser oder jener Form zu ihr eine bestimmte Stellung zu nehmen. Wir wollen hier die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte des Angola-Projektes kurz rekapitulieren. Am 20. Juni 1912 wurde durch die portugiesische Kammer, ein halbes Jahr später durch den portugiesischen Senat, ein Gesetzentwurf betreffend Kolonisation von Juden in Angola genehmigt. Bald nachdem wurde von der I. T. O. eine Forschungsexpedition nach Angola abgesandt, welche vom bekannten Tropenforscher Prof. Gregory und vom Direktor des Lister-Jnstitutes, Prof. Martin, geleitet wurde. Die Ergebnisse ihrer Reisen sind in einem ausführlichen Berichte niedergelegt und können folgendermaßen resümiert werden 1. Die für jüdische Kolonisation geeigneten Landstriche in Angola befinden sich auf der den mittleren Teil dieser Kolonie ausfüllenden Hochebene, die unter dem Namen Benguella bekannt ist. 2. Das Benguella-Plateau zeichnet sich durch sein außerordentlich gesundes Klima aus. Die in einigen anderen Teilen von Angola vorkommenden tropischen Krankheiten, wie Malaria und die Schlafkrankheit, sind hier unbekannt. 3. Diese Hochebene weist weite Strecken gut bewässerten und fruchtbaren Bodens auf und ist sehr dünn bevölkert, wobei auch die vorhandene Bevölkerung nicht seßhaft ist und einer jüdischen Besiedelung in keiner Weise hinderlich sein würde. 4. Die dieses Plateau bereits durchschneidende Eisenbahn eröffnet die günstigsten Aussichten für die ökonomische Erschließung dieses Gebietes. 5. Eine individuelle Kolonisation dieses Landes ist unter den gegebenen Umständen nicht möglich; eine kolonisatorische Aktion kann nur dann auf Erfolg rechnen, wenn sie von einer kräftigen Organisation geleitet wird, welche über namhafte Kapitalien verfügt und auf diese Weise in der Lage ist, wenigstens im Laufe der ersten Jahre eine fachgemäße und großzügige Kolonisationstätigkeit zu entfalten. Im besonderen empfahl Prof. Gregory der Londoner I. T. O.- Zentrale, von der portugiesischen Regierung eine Konzession für einen geräumigen Landstrich in der Größe von zirka 15 000 Quadratkilometern unter gewissen Bedingungen zu erwirken (Zollfreiheit für Baumaterialieneinfuhr, unbegrenzte Ausfuhrfreiheit bei niedrigem Zolltarif und ohne Differentialzölle zugunsten Portugals ufw.). Bis nun gelang es dem Londoner Zentralbureau der I. T. O nicht, eine solche Konzession von Portugal zu erlangen, obwohl eine große Anzahl hervorragender Politiker und Staatsmänner Portugals die Vorschläge von Prof. Gregory als durchaus annehmbar und realisierbar betrachten. Es wird aber darauf hingewiesen, daß man bei Erteilung einer solchen Konzession das Vorhandensein bedeutender Kapitalien bei der zu konzessionierenden Organisation voraussetzen muß, während der I. T. O. gegenwärtig solche Kapitalien anscheinend nicht zur Verfügung stehen. Man ersieht nun daraus, daß die weitere Entwicklung des Angola- Projektes wesentlich von der Teilnahme jüdischen Kapitals abhängig ist. Das Schweiz. Territorial. Landeskomitee spricht dann noch den Wunsch aus, daß überall, wo jüdische Organisationen bestehen, eine einläßliche und ernste Untersuchung des Angola-Projektes stattfindet und daß die dabei zum Ausdruck gebrachten Meinungsäußerungen in der Tagespresse erörtert, oder aber dem Londoner Zentralbureau der I. T. O. übermittelt werden. (Bei aller Anerkennung für die Bemühungen der „Jto" um Beschaffung eines freien Landes zur Aufnahme großer jüdischer Kolonien müssen wir gestehen, daß das Schreiben den Eindruck verstärkt, der längst bestand, daß das Angola-Projekt aufgegeben ist oder wird. Der ganze Artikel klingt wie eine Verabschiedung. Red.)

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