Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- V (1914)
- Issue
- 21 (22.5.1914)
- Date
- 1914-05-22
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21. Das jüdische Matt. 11 mals keine Kritik zu. Zunächst sind dies Kuriosa aus dem Lager er heiligen Traditionseiferer, der zugeschworenen Hirschismus- Äpostel und geben den bekämpften Reformern wirklich Raum zur Hoffnung daß m weiteren 30 Jahren nach Hirsch von seinen Enkeln und Schülern Ewald und christliche Kommentatoren mehr studiert und applaudiert sein werden, als er selber und der von ihm vertretene Talmud. Warum durften gerade diese Kreise, die gewiß um nichts in der Welt des Morgens das „Memmern" und ö„fl 9 e n ^s Hohen Liedes in der Synagoge abgeschafft haben mochten, am Nachmittage oder zu Hause, wie sie denken, nach solch unjüdischen Quellen, warum halten sie es möglich, daß von den Tausenden jüdischer Weisen keiner einen solchen entdeckte, bis der damals 23 jährige Nichtjude Ewald damit in die Druckerschwärze ging, daß Rabbi Akiba einen solchen Brettl-Epos „den allerheiligsten" nannte — und warum haben sie so wenig innerlich-nationale Verehrung übrig für den weisestes, glückbringendsten ihrer Könige, für den durch Brauch und voluminöse Liturgie in der Synagoge gerade damit geheiligten Dichter selber, daß sie ihm Zutrauen, er habe eine solche wilde Busch-Episode und dazu in den sensuellsten Farben aufgetragen, gleich im ersten Worte, sein „großes Lied der Lieder" genannt? Warum sind sie nicht zufrieden damit, daß ein allegorisches Gedicht eben keinen dramatischen, oder sonst offensichtlichen Text und Leitfaden zu haben braucht. Es ist hier nicht Raum und Zeit, zu beweisen, daß exegetisch und stofflich auch der Ewaldsche voll der Entgleisungen und willkürlichen Wiedergabe ist. Mir aber bietet sich darin gar keine Schwierigkeit und zwar aus rein geschichtlichen Gründen. Der Weise und vorwiegend praktisch veranlagte Religions- und Friedensfürst Salomo wollte und mußte sich im Judentum durch neue Stützpunkte verewigen. So schuf er nbiHp als eine Philosophie, als eine praktische, lebensweise Ethik des Judentums, denn der Drang zur inneren Selbstbetrachtung ist so alt und angeboren als der denkende Mensch und die verschiedenen Anlagen, die Charaktere des menschlichen Herzens und das Er- und Umlernen am Mitmenschen ebenso. Als drittes Gestirn mit ewigen Bahnen am Salomonischen Geisteshimmel prangt uns nun im Hohen Liede die Liebe als ewiger Anziehungsgott der Geschlechter entgegen, ist doch die menschliche Verpflanzung oder Erschaffung die gottähnlichste Kraft im Menschen, und wie in jeder schönen Literatur das Liebes- und Brautverhältnis und das eheliche und ewige Freundschaftssiegel der Born und Trieb edelster Regungen und mächtigster Schöpfungen des menschlichen Geistes war, so wollte auch Salomo unsre mosaische Bundesunsre Vormachtstellung zu Gott hinüberlenken auf has Gebiet des Gefühles, der Begeisterung, der Liebe, die nicht fragt, warum oder wohin, die sich Gott Selbst als Bräutigam edelster und keuschester Potenz vorstellen darf und weil Salomo selbst bereits messianischer Epigone war, welcher nach den vorgeschichtlichen Kämpfen mit den Aegyptern, Midjaniten, Philistern, Kananitern, Aramitern usw. auch noch die ägyptische und andere Prinzessinnen heiratete, um schon in seiner Zeit das uralte Jakobs-Ideal vom Messias und „die Huldigung der Völker" zu bewerkstelligen, und daran Schiffbruch litt, was lag da näher, als daß er auch seiner Nation in poetischer Form den altewigen Hepp-Hepp-Ruf der Völker: „Wo ist dein Freund hingegangen, du schöne Frau" — „was ist er mehr als andere" einerseits und doch ihre Pflicht zum Ausharren, zur Liebe zu Gott und allen Menschen andrerseits bis ans Ende der Tage einschärfen wollte? „Die Söhne meiner Mutter grollten mir, sie bestellten mich 'zur Hüterin der Weinberge, meinen Weinberg habe ich nicht gehütet". Sa sagt die Hirtin, der Genius Israels gleich zu Anfang. — Nicht von Gewalt und Krieg erwartet er das Heil einer Nation und Religion, „Wecket die Liebe nicht, bis sie begehrt!", wird die Menschheit dreimal beschworen. Nicht das Aufdrängen, sondern Erwecken der Selbstbegehr obsiegt im einzelnen, wie im nationalen, im Liebesleben, wie im religiösen. Und selbst am Ende der Zeiten, am Tage des Gerichts, spricht der Genius Israels, die Hirtin, zu Gott ihrem Geliebten: „Jeder sollte aus dem Weinberge 1000 Silberlinge bringen. „Mein Weinberg liegt vor mir. Die Tausend „(nicht Silberlinge, daher auch induktiv; der Erstgeborene, das „Fürstliche) sind dein Salomo (-Gott) und 2OO den Hütern seiner „Frucht", den Tochterreligionen, dem Mohammedanismus, dem Christentum, das sich seine Ostern und Liebesidee gewiß auch von salomonischen und jüdischen Idealen holte. Was lag Salomo für eine derartig gedachte Allegorie, einem Trilogium Israels, Gott und der Nationen näher als das Bild einer Hirtin und der herrlichen Farben seines Agrikulturstaates mit einem Brautzuge und Tanze, wozu der Gedanke vergleichsweise zur sinaitischen Gesetzgebung schon von seinem Vater Ausdruck erhielt (Ps. 68: „Voran ziehen Sänger, dahinter Saitenspieler, darunter paukenschlagende Mägdlein".). Salomo Halevi dichtet daraus den TJH “«P, alle Midraschim und Geistesfürsten füllen unsre Liturgie, alle Religionen entnehmen unserem Hohen Liede den ewigen Liebes- und Bräutigams-Gedanken für Gott und nun kommen die frommen Schädelfüllungen unsrer heutigen Geisteshelden und führen uns zu Ewald mit seiner vergewaltigten Hirtin und überlassen die Allegorie den schmelzenden Jünglingen und Jungfrauen a<l libitimi! Das ist natürlich viel leichter, als sie selber geben, denn während für uns bis jetzt nur ein Liebhaber im Hohen Liede, nämlich der einzige Gott Israels existierte, kommen natürlich für den christlichen Theologen Ewald zwei, der Hirte und der König, in Betracht! Sapienti sat! — Und das müssen die Frommen und die Agudah zum Feste unsrer Befreiung dozieren? — Wer lacht da? Ich wirklich nicht. — Benjamin Wechsler, Frankfurt a. M. Mutter und Soli». Die Geschichte einer Ehe. — Von Caroline Deutsch-Weiß. Josef verzehrte sich vor Ungeduld, Unruhe, Sehnsucht, vor all den schmerzlichen Empfindungen, die ihn erfüllten. Und so hatte er eine nochmalige'Aussprache, bei welcher die Mutter endlich seinem Drängen und Bitten nachgab. „Nur aus Liebe zu dir", waren die Worte. „Du wirst eine gute Tochter an ihr haben", tröstete der Sohn. „Sie kommt aus ärmlichen Verhältnissen und wird sparsam und bescheiden sein. Und dich wird sie Hochhalten, Mutter, weil du in Frieden eingewilligt hast". „Wenn du dich nur nicht irrst", versetzte Frau Schlesinger, „besonders was die Bescheidenheit betrifft. Grade Mädchen, die nur Enge und Not gekannt, haben meist kein Maß und keine Berechnung, wenn sie plötzlich aus dem Vollen schöpfen können. Bring' du ein junges Füllen, das nur Stallfutter gekannt hat, auf eine saftig grüne Wiese. Was es nicht voll heißer Gier auffrißt, zerstampft es in unbewußtem wilden Uebermut mit den Hufen. Doch ich ^hab' eingewilligt und bei mir bleibt: ja, ja und nein, nein!" Und so wurde die Verlobung veröffentlicht, was das ganze Städtchen in Aufruhr brachte. Und schon ein paar Wochen später wurde die Hochzeit gefeiert. „Es soll nicht heißen, daß ich mich meiner Wahl schäme, und wir's deshalb im stillen abmachen wollen," sagte Josef zu seiner Mutter. Sie verstand in ihrem stolzen Sinne und gab ihm recht.