Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- V (1914)
- Issue
- 21 (22.5.1914)
- Date
- 1914-05-22
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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12 Da» jüdische Ktatt Nr. 21 Und so fand ein so glänzendes Hochzeitsfest statt, als hätte Josef Schlesinger fünfzigtausend Gulden Mitgift bekommen, der halbe Ort war dazu geladen. IV. Da die Leute die Sache für ein Meschuggas (für eine Verrücktheit) hielten, so hatte sich vom ersten Tage an die Ansicht in den Gemütern festgesetzt: es könne nicht gut gehen, die Ehe würde nicht glücklich sein. Und es ereignete sich auch etwas, was gleich als schlimme Vorbedeutung angesehen wurde. Jäkel Müller, der so vielem im Leben stand gehalten, war diesem plötzlichen Glückswechsel nicht gewachsen. . . . Seine Regi die Frau des jungen Schlesinger! Die Schwiegertochter der stolzen, vornehmen Mutter! Der Frau, die jeder so hoch hielt, die jeder zuerst grüßte! Wodurch hatte er sich's verdient, daß der liebe Gott ihn, den armen Schammes, so erhöht hatte? Der Gedanke an die Verwandtschaft mit Frau Schlesinger war das Ueberwältigendere für ihn. Wie hatte er sich stets geduckt und gebückt vor ihr! In Demut zu jedem Feiertag Zucker, Kaffee, Mehl aus ihrer Hand als Geschenk in Empfang genommen. Nun saß er in dem schönen, schwarzen Anzug, den ihm der Schwiegersohn zu der Feier hatte machen lassen, der nebenbei auch für Regi die ganze Aussteuer besorgt hatte, neben Frau Schlesinger am oberen Ende des Tisches. Was sein Aeußeres betraf, so machte der alte Jäkel der schlesingerischen Familie keine Unehre. Sein großer Kops mit dem reichen, schneeweißen Haar und dem langen Barte hob sich wirkungsvoll von dem schwarzen Gewände ab; er sah wie ein Professor aus. Er saß an der Hochzeitstafel, wo das schwere Silber prangte, wo in reicher Fülle alle möglichen Speisen dufteten und gute Weine getrunken wurden, mit glänzenden, noch immer staunenden Augen und fing die neidischen Blicke auf, die ihm in solch' ausgiebigem Maße zuteil wurden, besonders von seiten der mit Töchtern gesegneten Eltern, die für ihr Leben gern seinen Platz eingenommen hätten. Dies alles war zuviel für Jäkel gewesen. Am Tage nach der Hochzeit fühlte er sich unwohl. Er mußte im Bette bleiben, und ein paar Tage später war er für immer ein stiller Mann. Die Hand, die seit so langen Jahren die drei mächtigen Hammerschläge getan hatte, ruhte für immer, und der Mund war verstummt, der das langaushallende „In Schu-e-e-l-l" durch die Straßen gerufen hatte. Bei den Leuten hieß es: Jäkel Müller hätte sich bei dem reichen Mahle den Magen veredorben. Aber so natürlich die Ursache war, die sie herausfanden, in ihren Augen blieb der Tod ein böses Omen. Aber auch die kräftige, stets gesunde Frau Schlesinger fing bald darnach zu kränkeln an. So sehr sie sich die ganze Zeit über zusammennahm, so sehr sie sich zwang, gegen Regi freundlich zu sein, ihr stolzes Herz konnte sich mit der Tatsache nicht aussöhnen. Und sie litt doppelt schwer, weil sie nach außen hin in ihrem Benehmen vollstes Einvernehmen mit der Wahl des Sohnes zeigte. Die Verlobungszeit, so kurz sie war, war schon qualvoll für sie gewesen, da sie ja dem ganzen ersten Ansturm der Leute hatte standhalten müssen. Wahre Martern bereitete ihr erst der Hochzeitstag. Und der Sohn, der ihr so nahe saß, ganz erfüllt und eingehüllt in seinem Glücke, hatte keine Ahnung, was im Herzen der Mutter vorging. Sowie Jäkel Müller heimlich gesteigerte Befriedigung aus all' dem Neid und der Mißgunst um ihn her sog, so hatte auch sie im Gegensätze dazu reichlich Gelegenheit, all' die spöttischen Blicke aufzufangen, all' die hämischen Bemerkungen über die „niedrige Verwandtschaft" zu hören, die zwar leise geflüstert, aber immer auf dem richtigen Platze gesprochen wurden, wo die Betreffenden wußten, daß dieselben von der Gastgeberin gehört werden mußten. Jeder Blick, jedes Wort traf wie ein Messerstich ihr Herz. Und so traten bald darnach ganz leichte Lähmungserscheinungen auf — die leichteste Form dieser Krankheit —, die aber ihr Gesicht bleich und leidend aussehen und ihre Bewegungen unbeholfen machten. Und die lieben Leute, die so gerne alles wissen wollen, besonders, wo es sich um einen wunden Herzenspunkt handelt, trafen aus dem veränderten Wesen der Frau diesmal die richtige Deutung. „Sie grämt sich, die Aermste," hieß es allgemein. „Sie grämt und schämt sich." Das verstand jedermann, und man bedauerte sie. Daß viele bewußt und unbewußt Mitspieler in diesen ihnen fremden Menschenschicksalen wurden und den Zündstoff im stillen zu häufen begannen, kam keinem zur Erkenntnis. Wenn Eisik Rosenberger eine gute Partie zusammenbrachte, war das erste, daß er Frau Schlesinger seinen Besuch abstattete und sich des langen und breiten über diesen Gegenstand ausließ. (Fortsetzung folgt.) Für den Inseratenteil ist die Redaktion nicht verantwortlich, inskesondere nicht stinstchtlich de» rituellen Charakter» der empfohlenen Waren. Soeben erschien: Die heilige Schrift Urtext mit deutscher Uebersetzung uon Philippson, Landau u. Kaempf. - Zwei Bände- Elegant in Leinen geb. M. 7.— Zw.’i Halbfranzbände M. 9.— Einzige vollständige hebräische Bi hei mit deutscher Uebersetzung. J. Kauffmann, Verlag Frankfurt a. .H. Schillerstrasse 19 Statt jeder besonderen Anzeige! Herr u. Frau Meier Wolf Herr u. Frau Heinr. Herz Straß Im rg Sclnvüb. Hall beehren sich, Freunde und Bekannte davon in Kenntnis zu setzen, daß die Hochzeit ihrer Kinder SILLA und LEOPOLD H X V II"v'£^ am 'PD H'H (26. Mai) in Straßburg, Pension Klein, V jj Kronenburgerstr. 14, stattfinden wird. . (J Ablösungstelegrnnimc für den Armenarzt in Jerusalem werden uns sehr freuen. Akte Schweizer Ansichten sowie alte Kupferstiche . kauft Max Lichingel'. König!, u. Nerzogl. Bayer. Hosbuchhändler, klnrbach.