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Das jüdische Blatt · 1914-05-22 · 21 (22.5.1914) · p. Seite 7

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
V (1914)
Issue
21 (22.5.1914)
Date
1914-05-22
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 21 Das Mische glatt. 7 Zu entgehen, einen großen Teil der gestohlenen Gegenstände der Rawitsch zur Aufbewahrung gegeben. Nach Justinskys Mord hat Adele Rawitsch der Diakonowa, einer anderen Nachbarin, erzählt, daß sie Justinskys Leiche in der Wohnung der Tfchebriakowa in einen Teppich eingehüllt gesehen habe. Damals hat die Tschebriakowa ganz „offen" mit der Rawitsch über den Mord gesprochen. Eine so gefährliche Zeugin mußte man abschieben. Die Tschebriakowa hat daher die Rawitsch zunächst zu Verwandten in das Gouvernement Minsk geschickt und hat ihr bald darauf 200 Rubel geschenkt, damit sie nach Amerika abreise. Nach Amerika ist nun Krassowski der Rawitsch nach. Er hat sie aufgefunden und sie hat ihm alles erzählt. Ihre eidlichen Zeugenaussagen sind durch die amerikanische Gerichtsbehörde bestätigt. Außer diesem Zeugnis der Rawitsch, die Justinskys Leiche in der Behausung der Tschebriakowa gesehen hat, besitzt Krassowski noch den Brief der Tschebriakowa an die Rawitsch. Dieser Brief beleuchtet die ganze Affäre. Die Höhle, in der man Justinskys Leiche fand mit den „Ritual"-Spuren, war eine Inszenierung der Tschebriakowa und ihrer verbrecherischen Genossen Sinkajewski, Rudsinski und Labichew. Die Richter Iwanow und Fenenko haben über Tfchebriakowas Rolle in Justinskys Mord jetzt frei und offen vor Gericht zu sprechen begonnen, sagt Burzew, weil die Kunde von Rawitschs Zeugnis bereits eingetroffen ist und weil sie wissen, daß aus Grund dieses Zeugnisses die Rolle der Tschebriakowa heute oder morgen bekannt werden wird. Die Geschichte des „Ritualmord"- Prozesses ist noch nicht abgeschlossen. Ich besitze eine ganze Reihe Dokumente, die ich bald veröffentlichen werde. Einstweilen weist er auf zwei solcher Dokumente hin, auf einen Brief Fenenkos an Samislowski und auf einen Brief Samislowskis. Fenenko wird nicht leugnen wollen, daß sein Brief an Samislowski aus dem Jahre 1911 folgende Sätze enthielt: „Da ich Sie als einen ehrlichen Politiker kenne, halte ich es für meine Pflicht, Ihnen zu sagen, daß im ganzen Beilisprozeß keine Beweise für einen Ritualmord vorhanden sind. Wenn man in dieser Richtung einen Prozeß führen wird, wird man gewiß verspielen. Darum sorgen Sie mit allen Kräften dafür, daß der Prozeß aufgegeben wird." Fenenko wird diesen Brief um so weniger ableugnen, als man diesen in den offiziellen Kreisen wohl kennt. Samislowski seinerseits hat in seinem Brief geschrieben: „Obgleich nach Fenenkos Ansicht im Beilisprozeß keine Spuren eines Ritualmordes vorhanden sind, aber, in Anbetracht dessen, daß gegen die Juden alle Mittel recht sind und daß bei den bevorstehenden Dumawahlen der Ritualmordprozeß ein ausgezeichnetes Agitationsmittel ist —" Ich breche, sagt Burzew, mit Absicht hier ab. Ich werde seinerzeit den ganzen Brief vollständig veröffentlichen mit dem Namen des hohen Beamten, an den er gerichtet ist. Und derselbe Samislowski hat als Anwalt vor Gericht erklärt, daß er tief überzeugt ist vom rituellen Charakter des Mordes und von Beilis' Schuld. Einst, erzählt Burzew, entdeckte Witte eine Verschwörerdruckerei in Petersburg. Kaum entdeckt, war die Druckerei verschwunden. Die Polizei wollte sie gar nicht mehr finden. Aber die Organisation der Schwarzen Hundert ist nicht verschwunden, die so mächtig ist, daß der inszenierte Ritualmordprozeß, an den die Richter nicht glaubten, auf einmal in Kuliabkows und feiner Genossen Hände fielen. Sie nahmen einen Mann fest, den das Gericht für unschuldig erklärt hat, haben die eigentlichen Mörder entweichen lassen und haben die klarsten und deutlichsten Beweise gegen diese nicht sehen wollen. Aber die Macht der Wahrheit und des Lebens ist stärker als diese Maskeraden. Die nach Amerika verschickte Rawitsch hat zu reden begonnen und die Wahrheit ist auf dem Marsche. Die Iudenfrage in der Gesellschaft und im Parlament. Während die Judenfrage seit etlichen Jahren in allen Regierungsmaßnahmen mitspielte und nie von der Tagesordnung herabkam, wurde sie von der Gesellschaft und der Duma nie zum Gegenstand der Tagesordnung erhoben. Das hat sich in der letzten Zeit stark geändert. Die Regierung hat einen Beschluß angenommen, die Juden von den Aktiengesellschaften auszuschließen. Aber sie ist gezwungen, sich deswegen vor den mächtigen Kreisen der Bank- und Handelswelt zu verteidigen. Man will ihr nicht mehr alle Gewaltstreiche durchgehen lassen und erhebt einen so energischen Protest gegen diese neue Rechtsbeschränkung, daß es der Regierung etwas unheimlich um ihren Beschluß wird. Der 8. Kongreß für Handel und Industrie, der diese Woche in Petersburg tagte, hat sich sehr scharf gegen den Ausschluß der Juden aus den Aktiengesellschaften ausgesprochen. Ueberhaupt haben noch nie wie in diesem Jahre die liberale Presse und die liberalen Abgeordneten so energisch Partei für die Juden ergriffen. Diese Kreise haben alle Bedenken überwunden und haben begonnen, die Judenfrage anzuschneiden. Noch nie wurde von den Liberalen während der Budgetdebatte so viel über die Judenfrage gesprochen wie dies Jahr. Der bessere Teil der russischen Gesellschaft hat eingesehen, daß die jüdische Rechtlosigkeit schließlich unerträglich geworden ist, und nun ist die Judenfrage ein Thema geworden, von dem man spricht nicht nur in der Presse, nicht nur in der Duma, sondern auch in der Gesellschaft. Unter den Dumaabgeordneten trat besonders N e - k r a n o w hervor, der schilderte die Bedrückung der Juden und schloß mit folgenden Worten: „Mein Schlußwort richte ich an die Juden, an das leidende jüdische Volk. Während Eures jahrhundertelangen Aufenthaltes in Rußland habt Ihr, jüdische Mitbürger, viel Kummer, Unbill und Qualen erlitten, und die letzten Jahre Eures Lebens, als das russische Volk aufzuatmen und zu hoffen begann, haben Euch Kränkungen zugefügt, wie sie das russische Judentum noch nie erlitten hat. Es wird aber der Tag kommen — e r i st nahe, vielleicht näher, als diese Leute (auf die Extremrechten zeigend), die auf einem Vulkan tanzen und das, was vor ihnen vorgeht, nicht sehen, glauben —, früher, als Ihr glaubt, wird der Tag Heranbrechen, an dem das russische Volk diesen Sumpf, in den es geraten i ft, beseitigen u n d Euch im brüderlichen Bunde mit alle n Völkern und Stämmen volle Freiheit u n b alle Rechte gewähren wird." Vorläufig werden daher die kräftigsten Worte wirkungslos verhallen. Und der jüdische Abgeordnete Friedmann schloß kurz vordem Abschluß der Budgetdebatte seine Rede mit folgenden Worten: Im Augenblick der verantwortungsvollen Abstimmung können die jüdischen Abgeordneten das Streben der Regierung nicht vergessen, die jüdische Bevölkerung in Finsternis und Rechtlosigkeit niederzuhalten. Unter dem Schutze und mit Zustimmung der Regierung wird mittelalterlicher fanatischer Haß in die Schulen getragen und werden in ungesetzlicher Weise immer mehr vor den Juden die Pforten der Lehranstalten verschlossen. In dem letzten Jahre gar hat die Regierung zum erstenmal in der Kulturgeschichte der Menschheit ihr Siegel auf die schändliche Legende gedrückt, die nicht nur das Recht, sondern die Menschenwürde des jüdischen Volkes und seiner Religion beschmutzt, seiner Religion, die durch die Staatsgrundgesetze verbürgt ist. Die jüdischen Abgeordneten geben sich klar darüber Rechenschaft, daß, obgleich von jeher die Juden die Stiefkinder der Regierung waren, jetzt unter dem Einfluß der wilden Schwarzen Hundert die Regierungsbehörden, die sich offen mit letzteren soli-

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