Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- V (1914)
- Issue
- 20 (15.5.1914)
- Date
- 1914-05-15
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9052070-9097324-9053224--1165-9053230- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
6 Das Mische Blatt. Nr. 20 das gewisse orthodore Kreise gesagt sein lassen, die da in Paris einiger Minuten wegen Unfrieden und Haß säen. Nun, unser Redner löste auch ganz hübsch sog. Objektionen, die oft gemacht werden, indem man sagt, es fei früher leichter gewesen, den Schabbos zu halten. Man spricht von „Konkurrenz", nach Hirsch ein Wort des Segens und des Fluches, das s a b b a t l o s die Gemüter in Schweiß und Staub der Glücksbahn jagt, das das freundliche Auge, das heiterfreundlich jedem Mitwaller auf Erden zulächeln soll, zum bösen Neidesblicke trübt, das die Hand, die jedem Mitwaller nämlich liebreich, mit- und nachhelfend sich bieten soll, zur Faust der Gewalt oder zum listig verschlagenen Nackenstoße ballt, das den Menschenkreis von einer gottgesegneten Bruderfamilie zu einem ununterbrochenen Bruderkampfe entzweit. Nein, sagt Kommandant Lipmann, die heutige Generation besitzt nicht mehr die „Ideale" unserer Alten, keine Liebe, keinen Glauben! Der Rentier von heute profaniert den Schabbos, um seinem Vergnügen nachzugehen. Wenn der Arzt nn&y bbriD ist, so könnte er sich noch bezüglich des Kranken auf das qj-q ini beziehen, meint der Redner scherzhaft, wenn auch nicht alle Kranken gesund werden. Ob der öffentliche Beamte lieber auf den Staatsdienst verzichten soll, als am Schabbos zu arbeiten, diese Frage will er nicht diskutieren; zum mindesten solle der Betreffende dann außerhalb seines Dienstes den Schabbos halten. O, nein, ich denke doch, da gibt's für uns keine Frage, und auf jeden Fall hat man einfach dem Staatsdienst Valet zu sagen. Bei diesem Punkt hätte uns Herr Lipmann gerade feine Ansicht über den Schabbos beim Militär kundgeben müssen, nachdem er doch von jedem Metier sprach. Es ist ihm ja auch vielleicht bekannt, daß erst in jüngster Zeit ein französischer Soldat sich wiederholt weigerte, als Adventist am Schabbos Dienst zu leisten. Und wie stehts mit den adventistischen und jüdischen Offizieren? — Redner gibt zu, daß es für Kaufleute und Industrielle am schwersten sei „Schomer Schabbos" zu fein,' und gibt diesen den Rat, sich mit einem Nichtjuden zu assoziieren. Die Angestellten seien aber die Interessantesten für die „Aguda", dabei hat der Orateur wirklich den Nagel auf den Kopf getroffen, und meint, diese schabboshaltenden jungen Leute müssen eher noch wie Arme unterstützt werden. Ich meine wohl auch, erst soll man für schabboshaltende Chefs sorgen, die ihr Personal anständig bezahlen, und in erster Reihe religiöse Leute aufnehmen, — die Jugend kommt von selbst. Unsere Schomer-Schabbosvereine sind nichts in ihrer heutigen Gestalt. Durch die von Schabbos wird die Zukunft Israels präpariert, bedeutet Kommandant Lipman zum Schlüsse: .mssnnn D^ffn “)ff*G *0 .innsso raff 'tdi wim tsnn '-pd mm „Den neuen Himmel und die neue Erde bringet Gott wieder, sobald der Sabbatgeist seine Siege gefeiert und mit jedem Neumond und jedem Sabbat alle Menschheit kommt, mich anzubeten, spricht Gott." Ja, schön, interessant war der Vortrag, und Herr Lipmann verdient Dank und Anerkennung! Aber wird er auch, wie überhaupt diese Sorten Vorträge, nachhaltigen Einfluß und praktischen Wert auf unser hiesiges Milieu ausüben? — Der „„jüdische"" Sabbat war doch nicht ganz zu seinem Rechte gekommen und der Schabbos der Familie! Dieser „jüdis ch" jüdische Schabbos appeliert nicht an den Verstand, den Geist, er spricht zum Gemüt, zum Herzen. Begeisterung! — sie entfacht die Flamme und hält das Feuer, daß es nicht erlischt; j-H ist das Kriterium, das wir leider so wenig finden. Eines kann ich aber auch nicht verstehen. Wie kann man in einer „Agudas Jsroel"-Verfammlung, in welcher man doch sicher ganz unter „sich" ist (scheint hier nicht!) und einen lieben langen Abend über unser Heiligstes, den Schabbos, spricht, hebräische Verse zitiert ^“1 dasitzen. Nur „bescheidendiglich" ragt da und dort ein Käppchen hervor, und gestern Abend war es ein reines Schauspiel, als auf dem Podium Bedecken und Entblößen des Hauptes miteinander in unterhaltender Weise abwechselten. — Testimonium paupertatis! Hoffentlich gibt's endlich mal da eine Änderung all majorem Dei gloriam! Felix Wertheimer. Rußland. Die Judenbedrückung in Rußland überbietet sich immer mehr. Das Gespenst des Schechitaverbots ist an die Wand gemalt. Jetzt beginnt der Ausschluß der Juden aus der Armee greifbare Formen anzunehmen. In ihrer letzten Geheimsitzung beschloß die Reichsduma mit einer Mehrheit, zu der auch die Oktobristen gehören: „Erwägend, daß trotz mehrmals geäußerter Wünsche der Duma betreffend die Abänderung des Gesetzes über die militärische Dienstleistung der Juden diese Frage noch immer im Stadium der Vorbereitung steht, erklärt die Dumma eine schleunige Einbringung einer bezüglichen Gesetzesvorlage für notwendig." Das bedeutet, daß die Duma eine Gesetzesvorlage verlangt, durch welche entweder ein Soldatenstand zweiter Klasse für die Juden geschaffen werden soll oder durch welche die Juden unter Auflage einer besonderen Steuer vom Heere ausgeschlossen werden sollen. Die Lage der Juden ist in ein solches Stadium gelangt, das Schlimmeres kaum mehr zu befürchten ist. Bei Beratung des Budgets in der Duma schilderte der jüdische Abgeordnete Dr. Romasch die schreckliche verzweifelte Lage der Juden und sagte, daß die Regierung mit den Schwarzen Hundert Hand in Hand gehe. Seit der Revolution sucht die Regieruneg das Volk zu überzeugen, daß die Juden schuld an allem Unglück seien, um dessen Zorn über seine schlechte Lage auf die Juden abzulenken. Damit endete die Budgetdebatte. Bei der Abstimmung erklärte der jüdische Abgeordnete Friedmann, d i e Juden könnten nicht für das Budget stimm e n, weil die Regierung die Juden verfolgt und ihren Wohlstand vernichtet. Während man in Kiew 516 Familien vertreibt, die angeblich nach Aufhebung dreier dortigen Gymnasien keine Wohnberechtigung mehr haben, während man über ganze Bezirke den verstärkten Schutz ausspricht, damit die Juden das Recht verlieren, wegen ungesetzlicher Vertreibung beim Senat zu appellieren, beschäftigt man sich in den Ministerien mit der Regelung jüdischer Schulverhältnisse. Ueber die in den jüdischen Schulen einzuführenden Reformen gibt der „Petersburger Kurier" die Beschlüsse wieder, die von den Referenten verschiedener Ministerien in gemeinsamer Sitzung gefaßt worden sind. Diese Beschlüsse erklären es für wünschenswert, daß besondere jüdische Mittelschulen gegründet werden und zwar solche, die weder in religiöser noch in nationaler Hinsicht eine Gefahr bilden. Nichtjuden sollen in diesen Schulen keine Aufnahme finden. Die Unterrichtssprache soll russisch sein. Sie können eröffnet werden auch in Städten außerhalb des Rayons mit einer Bevölkerungszahl von wenigstens -100 000 Einwohner. Die Jeschiwaus sollen unverändert gelassen werden, der Lernbetrieb darf auf jiddisch stattfinden. Diese Schulen, sagen ie Beschlüsse, können zu keinen Mißverständnissen Anlaß