Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- V (1914)
- Issue
- 18 (1.5.1914)
- Date
- 1914-05-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9052070-9097324-9053207--1148-9053213- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
6 Da» jüdische KLatt. Nr. 18 Zahl der Immobilien der Stadt in polnischen christlichen Händen 64 Prozent, in jüdischen Händen 35 Prozent. 2. Mit Rücksicht daraus, daß die Erhaltung dieser materiellen Grundlagen des polnischen Charakters Krakaus eine so große Bedeutung besitzt, nicht minder als die Erhaltung des Grundes und Bodens in polnischen Händen im preußischen Okkupationsgebiet, fordert die Versammlung die polnische Gesellschaft im allgemeinen, im besonderen aber von Galizien, hiermit auf, daß über denjenigen christlichen Polen, welcher sich polnischer Immobilien in Krakau zugunsten fremder Hände leichtsinniger Weise begibt, die öffentliche Meinung geschaffen werde, daß er ein Schädling der nationalen Sache ist und nicht minder als der „Bodenhändler" im Großherzogtum Posen einen gesellschaftlichen Boykott verdient. Die Versammlung wendet sich in einem heißen Aufruf an die Polenchristen, selbst diejenigen jenseits der Grenze sowie auch an die Stadtverwaltung, an die finanziellen Institute, welche Kapitalien zur Anlage als Hypothekendarlehen auf Immobilien in Krakau besitzen, daß sie dieses polnische Kapital in erster Linie als Hypothekendarlehen auf polnisch-christlichen Besitz in Krakau verwenden sollen, daß sie beim Erwerb von Immobilien in dieser Stadt möglichst auch nationale Gründe und Rücksichten in Betracht ziehen, aus wessen Händen sie die betreffenden Besitztümer erwerben. 3. Die Versammlung drückt die Ueberzeugung aus, daß es die Pflicht eines jeden Polen ist, ausschließlich bei polnisch-christlichen Unternehmungen Gegenstände polnischer Herkunft zu kaufen, bei sämtlichen Leistungen gegen Vergütung ausschließlich polnischchristliche Quellen zu benützen, auf jedem Gebiet des Lebens nur eigene, d. h. Polenchristen zu stützen, in allen Fällen außer jenen, wo die Ausführung sich trotz des besten Willens als unmöglich erweist. Das ist also die genaue Uebertragung des Judenboykotts aus Russisch-Polen nach Galizien. Daß dies eine neue Gefährdung der schon genug bedrohten jüdischen Existenzen in Galizien ist, ist klar. Ob diese gewalttätige Unterdrückung des fleißigen, intelligenten jüdischen Bevölkerungsteils dem Lande zum Vorteil gereicht, ist mehr als zweifelhaft. Italien. Antisemitismus der italienischen Regierungsbeamten in Tripolis. Der Oberrabbinner von Verona, Dr. Dario Disegni, der ernsteste Kandidat für den Posten eines Großrabbiners von Lydien, ist dieser Tage von einer längeren Studienreise in Tripolis und der Cyrenaica zurückgekehrt. Ueber seine Eindrücke befragt, machte Dr. Disegni die betrübende Mitteilung, daß die soziale und politische Lage der Juden in Lydien sich seit der Jnaugurierung des italienischen Regimes verschlechtert habe. Seiner Meinung nach sei die Schuld daran dem Umstande beizumessen, daß die Verwaltung und insbesondere die niederen Verwaltungsstellen fast ausschließlich in den Händen von Leuten liegen, die aus Sizilien dahin transferiert wurden und einen unbändigen Judenhaß in die afrikanische Provinz mitgebracht haben. Es sei jetzt gang und gebe, daß Juden, wenn sie mit Arabern irgend welche Differenzen haben und diese vor den italienischen Behörden auszutragen wünschen, von irgend einem sizilianischen Beamten mit der höhnischen Frage empfangen werden: „Ra ja, Sie sind eben Jude!" Die Situation der Juden den Arabern gegenüber wird dadurch immer schwerer, da der Araber sieht, daß die Juden von den Christen noch mehr gehaßt werden als von den Arabern. Besonders niederschmetternd und demoralisierend wirkt es auf die tripolitanischen Juden, daß sie durch verschiedene Praktiken gezwungen werden, ihren Sabbat und ihre Festtage, die bisher von den Andersgläubigen stets respektiert wurden, zu entheiligen. Dr. Disegni ist der Meinung, daß man nicht ruhig zusehen dürfe, wie in einer italienischen Provinz der Antisemitismus zum Staatsdogma gestempelt wird, und daß es daher notwendig fei, in dieser Beziehung einen wohl taktvollen, aber entschieden energischen Kampf zu führen. Rußland. In den letzten Jahren steigert sich regelmäßig vor dem jüdischen Osterfeste die Gefahr in Rußland, daß die systematisch betriebene Judenhetze in blutige Metzeleien und Plünderungen ausartet. Besonders kritisch ist die Situation in diesem Jahre. In den Reihen der Regierung und 'ihrer echtrussischen Leibgarde herrscht der Wunsch, der um sich greifenden inneren Krise durch eine neue Aera jüdischer Pogroms eine „Ablenkung" zu geben. Wie bedrohlich die Situation ist, geht aus einer Interpellation hervor, die die sozialdemokratische Dumafraktion aus Anlaß der Pogromagitation am 8. d. M. in der Duma eingebracht hat. „Die bedrohlichen Nachrichten" — heißt es in dieser Interpellation — „die in der letzten Zeit aus dem jüdischen Ansiedelungsrayon einlaufen, legen Zeugnis ab, daß das in Verbindung mit der Beilis-Affäre inszenierte politische Bacchanal nicht spurlos vorübergegangen ist. Die mehr als drei Jahre währende Ritualmordhetze einer bestimmten reaktionären Gruppe, die unter dem offenen Schutz und der Unterstützung der örtlichen und Zentralbehörden auf dem Hintergründe der barbarischen Gesetzgebung und der barbarischen Praxis der Behörden den Juden gegenüber sich abspielt, mußte in die rückständigsten und unwissendsten Volksschichten Wirrwarr hineintragen und die Ansicht verbreiten, daß die Juden außerhalb des Gesetzes stehen.... Die aus dem jüdischen Ansiedelungsrayon einlaufenden Nachrichten geben genügend Grund zu der Annahme, daß die Schwarzen Hunderte das jüdische Osterfest und die durch den. Beilis-Prozeß und die Fastow-Affäre erzeugte Stimmung ausnützen wollen, um Pogrome gegen die Juden zu organisieren. Das gleichzeitige Eintreffen solcher Nachrichten aus einer Reihe von Orten und die Gleichartigkeit der Pogromvorbereitungen lassen keinen Zweifel mehr aufkommen, daß die Pogromhetze einen vollkommen organisierten, planmäßigen, zentralisierten Charakter trägt, und wenn nicht unter direkter Mitwirkung, so jedenfalls unter wohlwollender Förderung der Lokalbehörden stattfindet." Die Interpellanten führen eine lange Reihe von Städten und Städtchen im westlichen und südwestlichen Rußland an, wo die schamloseste Pogromhetze unter den Augen der Behörde stattfindet. Kiew, Odessa und Kischinew sind die Mittelpunkte dieser Hetze, aus denen Zehntausende von Flugblättern mit direkten Aufrufen zum Pogrom im ganzen Gebiet verbreitet werden. In Odessa erklärte das Stadthaupt Pelikan, der Führer der Schwarzen Hunderte, den versammelten Zeitungsberichterstattern, er bereite einen Pogrom vor! In Kiew erzeugt die Bande des Echtrussen Goluben durch ihre Ausschreibungen eine an Panik grenzende Stimmung unter der jüdischen Bevölkerung. In zahlreichen Ortschaften tauchen, von den Echtrussen genährt, Gerüchte über Ritualmorde an christlichen Kindern auf, die zu Ausschreitungen gegen die Juden führen. Die Behörden leiten auf jedes noch so unsinnige Gerücht hochnotpeinliche Untersuchungen ein, die, obwohl sie stets die Grundlosigkeit der Gerüchte Nachweisen, die allgemeine Panik noch fördern. Dies alles hat dahin geführt, daß namentlich die unbemittelten Schichten der jüdischen Bevölkerung von jener panischen Furcht ergriffen sind, die zur Osterzeit eine „normale Erscyeinung in den Judenvierteln der russischen Städte geworden ist.