Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- V (1914)
- Issue
- 18 (1.5.1914)
- Date
- 1914-05-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Das jüdische Statt Nr. 18 Palästina versucht worden, den Hilfsverein und seine Tätigkeit auf dem Gebiete der Schule zu einer einseitigen Tendenz zu zwingeu. Das Schulsystem des Hilfsoereins sei unerschüttert aus diesem aufgezwungenen Kampf hervorgegangen. Im laufenden Schuljahre 1914/15 ist vom Hilfsverein eine neue Mädchenschule in Jaffa geplant. Neben dem regelmäßigen Hilfswerk für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien, Rumänien und Rußland erwuchs dem Hilfsverein im letzten Jahre die besondere Aufgabe, den Opfern des Balkankrieges die nötige Hilfe angedeihen zu lassen. Bisher sind für die Opfer des Balkankrieges von den jüdischen Hilfsgesellschaften rund eine Million Francs ausgegeben worden; davon wurde die Hälfte durch den Hilfsverein der deutschen Juden den Bedrängten zugeführt. Im besonderen gilt es nun wieder Witwen, Waisen und Invaliden zu versorgen. In Rußland ist im verflossenen Jahre die Lage der Juden noch schlechter geworden. Das Wohnrecht wird noch mehr eingeschränkt, so daß alljährlich viele Tausende Juden von ihrem Wohnsitz vertrieben und zur Auswanderung gezwungen werden. Die Berufsbeschränkungen gehen von Jahr zu Jahr weiter. Man macht auch jetzt den wenigen Anwälten, denen ausnahmsweise das Amtieren noch gestattet war, den Garaus. Die Bildungsbeschränkung, die berüchtigte Prozentnorm, ist noch verschärft worden; von 3900 Aufnahmegesuchen an 10 russischen Universitäten und höheren Bildungsanstalten sind nur 162 berücksichtigt worden. Der Hilfsverein lieh den unterdrückten russischen Juden wiederum seine Unterstützung. Im Jahre 1913 hat die Auswanderung Dimensionen angenommen, wie es nur zweimal seit Einsetzen der großen jüdischen Wanderbewegung der modernen Zeit der Fall war, in den unmittelbar den Programm folgenden Jahren. Deshalb mußte die Auswandererorganisation des Hilfsvereins an der Ost- und Westgrenze und in den Hafenstädten unvermindert aufrecht erhalten werden. Der Hilfsverein hat seine Hilfe rund 16 500 Emigranten gewährt, denen es nur dank seinem Eingreifen möglich war, ihre Reise zu vollenden. Außekdem wurden rund 8000 Auswanderer an der Grenze, im Innern Deutschlands und an den Hafenstädten beherbergt, verpflegt und mit Kleidung versehen. Ebenso hat sich der Hilfsverein der Rückwanderer angenommen, so daß seine Hilfe über 24 500 russischen und osteuropäischen Juden zugute kam. Die gesamten Ausgaben des Hilfsvereins im Jahre 1913 beliefen sich aus annähernd 1 Million Mark. Angesichts der Tatsache, daß die Lage der Juden in Osteuropa von Jahr zu Jahr eine schlimmere geworden ist, angesichts des tausendfältigen Elends, das durch die Balkankriege geschaffen worden ist, und angesichts der wirtschaftlichen und kulturellen Notlage der jüdischen Massen des Orients ist die Hilfstätigkeit im großen Maßstabe dauernd erforderlich. Mit großer Entrüstung nahm die Versammlung eine Mitteilung des Vorsitzenden auf, wonach drei Mitglieder eines Grenzkomitees, das sich die Unterstützung jüdischer Auswanderer aus Rußland zur Aufgabe gemacht hat, und die weiter nichts getan haben, als ihren Glaubensgenossen weitgehende Hilfe zuteil werden zu lassen, ohne jeden Grund verhaftet und trotz aller Vorstellungen nach Sibirien deportiert worden sind. Dr. Paul Nathan schilderte sodann ausführlich auf Grund eigener Beobachtungen die Lage der Juden auf dem Balkan und sprach den Wunsch aus, man möge sich besonders der Glaubensgenossen annehmen, die durch den letzten Frieden aus der bulgarischen Freiheit in die rumänische Knechtschaft geraten sind. Die rumänische Regierung gehöre zu den Regierungen, die zwar alles Mögliche versprechen für eine gute und gerechte Behandlung der Juden, die aber nachher diese Versprechungen schnöde brechen. Daher müsse sich die gesittete Welt gegen das den rumänischen Juden zugefügte Unrecht wenden. Die weitere Debatte drehte sich in der Hauptsache um die Streitigkeiten, die in Palästina zwischen den Zionisten und den Nichtzionisten über den hebräischen Sprachunterricht an den dortigen Schulen ausgebrochen sind. Rabbiner Dr. Werner- München forderte dazu auf, die Streitigkeiten nun ruhen zu lassen und gemeinsam weiter zu wirken. (Wir werden auf die interessante Diskussion noch zurückkommen. Redaktion.) Hauptversammlung des Allgemeinen deutschen kanlorenverbandes in Nürnberg 19.—21. April 1914. Ernste Arbeit, frohes Genießen, freundliche Aussprache im Freundeskreise, das waren die Momente, welche die Tagung kennzeichnen. Wenn auch der unmittelbare Anschluß an die Festtage den Besuch etwas beeinträchtigten, so war es doch eine stattliche Anzahl von Kantoren aus allen Gauen Deutschlands, welche sich in Nürnberg zusammenfanden. Am 19., abends 5X> Uhr, fand im großen Saale des Hotels „Goldener Adler", dessen einfache aber künstlerische Räume für die Tagung ausgesucht worden waren, programmmäßig der Vortrag des Kollegen F r ä n k e l - Nürnberg über „Traditionelle Synagogenmusik" statt. In klarer und lebendiger Weise verstand es der Redner und Sänger, unterstützt durch verständnisvoll beigegebene musikalische Illustration, die Aufmerksamkeit und das Interesse seines Auditoriums bis zum Schlüsse rege zu erhalten, wußte seinen Kollegen neben mancherlei Bekanntem auch viel Neues zu sagen und erntete reichen wohlverdienten Beifall. Daran schloß sich abends 8K ein Synagogenkonzert bei zahlreichem Besuch mit einer Fülle musikalischer Darbietungen. (Wir können nicht umhin,unser Bedauern darüber auszudrücken, daß diese Synagogenkonzerte sich allmählich zu einer Art ständiger Einrichtung herausbilden. Wir möchten nur darauf Hinweisen, wie seiner Zeit Herr Rabbiner Dr. Eschelbacher-Bruchsal gegen die Einführung von Synagogenkonzerten mit aller Energie auftrat. Es entspricht nicht unserer Auffassung weder von Synagoge noch von der Bedeutung des K a n t o r a t s, wenn derartige Produktionen veranstaltet werden. Wir behalten uns vor, den religionsgesetzlichen Standpunkt namentlich in Hinsicht auf die Würdigung des Schliach Zibbur zu derartigen Veranstaltungen in einem gesonderten Artikel auseinanderzusetzen. Red.) Trauliche Stunden fröhlichen Beisammenseins folgten diesem Konzerte; der kleine Adlersaal vereinigte die Freunde und eine Anzahl Damen des Chores. Als erster Redner hieß Herr Lehrer und Gemeindesekretär R ü l f die Gäste herzlichst willkommen und rief ihnen “p-Q zu. Ihm erwiderte der 1. Vorsitzende, H e n l e - Hamburg, welcher den so prächtig gelungenen Auftakt als ein günstiges Omen für den Verlauf und den Erfolg der ganzen Tagung nahm. Ferner sprachen noch in humorvoller Weise F a b i s ch - Göttingen, B el l a k - Zittau und Dreifuß - Heilbronn. Erst die Mitternachtsstunde trennte die Freundesschar. Der Morgen brachte die Kollegen schon zeitig, zu ernster Arbeit zusammen. Nachdem ein stimmungsvoller Gesang — von Fabisch-Göttingen seinen lieben Kollegen, den „Sängern in Israel komponiert und gewidmet, als Einleitung verklungen war, eröffnete Vorsitzender H e n l e - Hamburg den Kantorentag. Er begrüßte die Kollegen von nah und fern, sowie die erschienenen Gäste, Herrn Justizrat Dr. Held, Herrn Rektor Go m brich und Rabbiner Dr. Freudenthal von der Kultusgemeinde, Herrn Grunebaum von der Adas-Jisroel-Gemeinde und Herrn Dr. Heilbronn und alle fanden einige markante Worte für die hohe Bedeutung der Vereinigung, als Vertretung unseres erhabenen und für das jüdische Gemeindewesen sowie für das Judentum so bedeutenden Standes.