Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- V (1914)
- Issue
- 18 (1.5.1914)
- Date
- 1914-05-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 Das jüdische Klatt. Nr. 18 Hin Justizmord an einem Inden in Amerika? Leo Frank ist vor einigen Jahren aus Brooklyn nach Atlanta (Georgia) übergesiedelt. Dort hat er 'geheiratet und wurde Direktor einer Kleiderfabrik. Wegen seiner hervorragenden Charaktereigenschaften und seiner angesehenen sozialen Stellung wurde er zum Präsidenten der dortigen Bnei-Brith-Loge gewählt. Eines Samstagabends, nach Auszahlung der Löhne, war eine christliche Arbeiterin, Mary Phagan, nochmals in das Fabrikgebäude gekommen und wurde dort ermordet. Zur Zeit des Mordes befanden sich, wie die Untersuchung feststellte, nur zwei Menschen im Fabrikgebäude, der Direktor Leo Frank und ein in der Fabrik angestellter Neger, Jim K o n l e y. Es war ganz natürlich, daß sich der Verdacht der Polizei sofort aus den Neger wandte, da die gewöhnlichen Neger zu Sittlichkeitsverbrechen geneigt find. Dieser aber lenkte den Verdacht auf Frank zurück, indem er behauptete, von Frank den Auftrag erhalten zu haben, die Leiche des ermordeten Mädchens beiseite zu schaffen. Da geschah das Unerhörte. Dem Neger wurde Glauben geschenkt. Es entwickelte sich in der von Katholiken bevölkerten Gegend eine antisemitische Hetze, die Gemüter wurden aufgeregt, das Volk wurde fanatisiert, die Ermordung des christlichen Mädchens mußte gerächt werden durch die Verurteilung des Juden. Wenn man bedenkt, daß in jener Gegend die Neger bei den Weißen nur eines sehr geringen Vertrauens gewürdigt werden, daß gerade der Neger, der als Ankläger auftrat, schon dreimal wegen Meineids verurteilt ist, daß gerade dieser an der Anklage interessiert ist, um den Verdacht von sich selber abzuwälzen, wenn man andererseits erwägt, daß Frank sich in Atlanta der höchsten Achtung erfreute und weder Motiv noch Voraussetzung zu einem so gräßlichen Verbrechen bei ihm in Frage kommt, ist es von vornherein klar, daß eine Verurteilung Franks auf Grund der einzigen, verdächtigen Zeugenaussage des Negers nur die Folge einer ungeheuerlichen, durch die Zeitungen geschürten antisemitischen Verhetzung sein konnte. Das Ungeheuerliche geschah. Die Geschworenen haben sich aller vernünftigen Erwägungen entschlagen, die unzweideutig auf die Unschuld Franks hinwiesen; die Geschworenen haben unter dem Druck der von Glaubenshaß erhitzten öffentlichen Meinung die zu einer klaren Erkenntnis der Sache nötige Ruhe verloren, das Gerichtsgebäude war von einer wild sich geberdenden Volksmasse umlagert, die stürmisch die Verurteilung verlangte, die Geschworenen waren weder vorurteilsfrei noch unerschrocken genug, um der Menge zu trotzen. So geschah das Unglaubliche. Das goldene Buch der amerikanischen Justiz wurde mit der Verurteilung eines Unschuldigen zum Tode befleckt. In Kiew hat doch schließlich die Macht der Gerechtigkeit auf die Mehrheit der Geschworenen gewirkt und zu dem Freispruch des Beilis geführt. Man atmete erleichtert bei dieser Kunde auf, denn von der russischen Barbarei war ein Zerstampfen des Rechts zu befürchten. Wer hätte aber geglaubt, daß in dem freien, auf den felsenfesten Boden der Menschenrechte gegründeten Amerika es je dem Glaubenshaß möglich werden könnte, Recht und Gerechtigkeit mit Füßen zu treten! Man sieht, auch im freiesten Lande kann der wildeste Antisemitismus Orgien feiern. Frank wurde zum Tode verurteilt, zum ersten Male in Amerika wurde ein Weißer auf Grund der alleinigen Aussage eines Negers verurteilt. Aber Amerika ist schließlich doch das großartige freiheitliche Land, in dem Gerechtigkeit kein leerer Wahn sein darf. Eine Zeitlang dauerte in Atlanta die von dem Glaubenshaß geschürte feindselige Stimmung fort. Die Judenschaft allerdings zweifelte nicht einen Augenblick an der Unschuld Franks. Einige Wochen nach seiner Verurteilung wurde er wieder zum Präsidenten der Bnei-Brith-Loge gewählt. Frank legte gegen das ihn verurteilende Urteil Berufung ein. Er wurde auch in der zweiten Instanz zum Tode verurteilt. Die Volksstimmung herrschte auch in diesem Gericht über die Richter. Dies beweist der Satz des Präsidenten, mit dem er die Verurteilung Franks begründete: „Ich halte die Schuld Franks für sehr zweifelhaft. Allein die Geschworenen haben ihn verurteilt; sie mögen es mit ihrem Gewissen abmachen." Auch der oberste Gerichtshof hat die Revision verworfen und die Vollstreckung des Urteils auf den 17. April anberaumt. Als die Verkündigung dieses Urteils Frank mitgeteilt wurde, verließ ihn zum ersten Male seine Ruhe und er rief erregt: „Das ist doch mein Geburtstag!" Trotzdem gaben weder Frank noch seine Freunde die Hoffnung auf Wiederherstellung des Rechts auf. Die hervorragendsten Anwälte der Vereinigten Staaten stehen Frank zur Verfügung. Diese betrieben die Ermöglichung der Wiederaufnahme des Verfahrens vor dem obersten Gerichtshöfe der Vereinigten Staaten in Washington. Inzwischen trat auch in Atlanta ein Umschwung der öffentlichen Meinung ein. Das öffentliche Gewissen wurde beunruhigt. Die Zweifel an der Gerechtigkeit des Urteils wurden dichter und stärker. Die Presse begann eine Umkehr. Die Geistlichen selbst traten an die Spitze der neuen Bewegung und verlangten für Frank eine Wiederaufnahme des Verfahrens. Der geschickteste Privatdetektiv der Vereinigten Staaten, Burns, mit seinem Stabe, kam nach Atlanta, begann auf eigene Faust die Untersuchung, stieß auf Unregelmäßigkeiten der Polizei, deckte deren Kunstgriffe auf, die darin bestanden, Verdachtsmomente gegen Frank zu schaffen und die Spuren, die auf eine andere Person deuten, zu unterdrücken. Burns behauptet, bereits im Besitze der Wahrheit zu sein und den Mörder zu kennen. Er hat sein umfangreiches Beweismaterial dem Generalanwalt in Washington und dem Staatsanwalt des Staates Georgia überwiesen. Auf Grund dieses Beweismaterials hat nun tatsächlich das Gericht die auf den 17. April festgesetzte Hinrichtung Franks aufgeschoben und die Untersuchung aufs neue ausgenommen. Burns hat am 15. April seinen Bericht dem Gericht übergeben. Dieser dürfte bald veröffentlicht werden. Burns behauptet, fein Bericht werde die größte Ueberraschung bringen. An der Unschuld Franks läßt er nicht den geringsten Zweifel. Dagegen will er genau und sicher wissen, wer der Täter ist. Charakteristisch für die demokratische Verfassung der Union ist es jedenfalls, daß es schließlich doch gelungen ist, den wilden Strom des Vorurteils und des Hasses zurückzudrängen, das öffentliche Gewissen auszurütteln, die klare Einsicht an die Stelle dunkler überhitzter Gefühle zu setzen, und so die Bedingungen vorzubereiten, die die Herbeiführung eines gerechten Urteils ermöglichen. Die Strömungen und Gegenströmungen, die Atlanta aufgeregt haben, sind denen des Dreyfus-Prozesfes ähnlich. Auch Frank ist ein Opfer des Judenhasses, der wie man sieht auch in den freiesten Ländern entfesselt werden kann. Wir reproduzieren im folgenden (nach der Wiener Nationalzeitung) die interessanten Berichte amerikanischer Blätter über diesen sensationellen Prozeß. Ein Interview mit Detektiv Burns. Eine der größten Zeitungen von Chicago, „Tribüne", veröffentlicht nachstehendes Interview mit Burns über den gegenwärtigen Stand seiner Recherchen. Dieses Interview, welches durchgehends von der amerikanischen Presse reproduziert wurde und viel Sensation verursachte, lautet: „Ich habe die Ausforschung des Mörders der Mary Phagan nicht zu dem Zweck übernommen, um die Unschuld Franks zu beweisen. Im Gegenteil! Ich habe ausdrücklich erklärt, daß es