Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- V (1914)
- Issue
- 17 (24.4.1914)
- Date
- 1914-04-24
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17. Das jüdische Statt. 11 Menschheit, beeinflußt hat, genügen nicht ganze Bände tiefdurchdachter Weite, geschweige denn unfere heutige kurzgefaßte Abhandlung. Wir wollen uns heute blos damit begnügen, in kurzer, leichtgefaßter Abhandlung zu zeigen, daß in so vielen, scheinbar gleichgültigen Ausdrucksweisen dieses Buches der Bücher, Bibel nur excellence, tiefe Gedanken verborgen sind. Sie bedürfen nur des willigen Foischens, um ihre hohen sittlichen Lehren dem sich liebevoll in sie versenkenden zu offenbaren. Gerade in unserer Zeit tut es doppelt not, zu zeigen, wie wichtig es ist, die Tora in ihrem Urtexte zu verstehen, denn leider in unseren Reihen selbst werden oft Stimmen laut, welche verkünden, die Sprache der Völker, in deren Mitte wir leben, sei für unsere religiöse Forschung, für unser Gebet erwünscht. Es bedarf doch keines gründlichen Nachdenkens, um die Motive der Wortführer dieser Strömung zu erkerrnen. Es ist die Bequemlichkeit. Zu lässig, sich der Mühe zu unterziehen, die Sprache des Sinaiwortes sich eigen zu machen, die Sprache, in welcher ein Abraham gesprochen, ein Moses geredet, ein David gesungen, em Jesajas gepredigt und ein Jirmija geklagt hat, zu lässig, die Worte verstehen lernen zu wollen, in welchen unsere Väter seit Jahrtausenden zu Gott gefleht, wollen sie die von ihnen gerade am leichtesten verstandene Sprache zur alleinigen Richtschnur ihrer HerMsgüsse Gott gegenüber machen und ein deutsches, französisches, englisches Gebetbuch, ein deutsches, französisches, englisches und nur kein jüdisches Judentum schaffen. Sie ahnen nicht, welche Werte sie .aufgeben, um gedankenlose Flitter einzutauschen. Hatten doch auch die Weisen den Tag, an welchem die Tora durch die Septuaginta zum erstenmale übersetzt wurde, zum Fast- und Trauertag bestimmt, da sie wußten, wieviel Edles und Schönes durch eine Übersetzung zerstört wird. So bemerken die Talmudweisen in Chulin: Während doch die Tora sonst immer die Knappheit des Ausdruckes liebt, bezeichnet sie das erstemal die zum Genüsse verbotenen Tiere durch die Umschreibung: das Tier, welches nicht rein ist #b PP1PE statt nNOEn P2PDP „das unreine Tier", um anzudeuten, daß der Mensch sich immer einer schönen und vornehmen Ausdrucksweise bediene. Eine ganz besonders wichtige Lehre, veredelnd und zum Adel erziehend, erteilt uns die Tora, wenn sie vom Leben der Frommen spricht: m “j^nnn ,mp'PKP pk ,mp^KP pk pi:n p^ppp Dbnpn ppk crp^tn ,dp:p mm ':ob pSppp P^OP '’P'QK. Die einfache und gewöhnliche Übersetzung dieser Schriftstellen lautet: „Chanoch wandelte mit Gott". — „Noach wandelte mit Gott". — „Wandle mit mir spricht.Gott zu Abraham und werde vollkommen usw." Nun ist jedoch bei all diesen Sätzen zu bemerken, daß das Verb ”pp,p „gehen" nicht in gewöhnlicher Tätigkeitsform im Pp steht, es müßte sonst heißen: 'Kn PK “UH “Pp oder 'K,p PK m “Pp PJDp '»PDK IPpP T^K 'ppKP oder bei Avrohom im Imperativ 'OCp “p. Merkwürdigerweise ist bei all diesen Sätzen das Tätigkeitswort im P^OPP — rückbezüglich — gebraucht —- in sich gehen - ein Ausdruck, welcher in keiner europäischen Sprache im Zusammenhänge der obigen Sätze gebraucht werden kann. Die Tora will uns durch diese unscheinbare Wortsform jedoch die große, eindringliche Lehre zu Gemüte führen: Ein Wandeln mit Gott, auf seinen Wegen, ist nur durch fortwährende Arbeit an sich selbst, druch rastloses Selbstoerbeffern, durch sich selbst beobachten, mit einem Worte, durch in sich selbst gehen, möglich. Die laute, eindringliche Lehre y^ni 'K DJ? PDp „Zurückgezogen in Dir selbst wandle mit Gott". Und die Stelle im Bereschith 13: jHKD “Pppp Dip „Auf, durchziehe das Land", wie Gottes Ausspruch am PPPDK lautet, ist kein Gegensatz zu der angeführten Bedeutung, sondern bildet gerade ihre Bestätigung: Das Land, welches Dir zugesagt ist, wird nicht durch Waffengewalt beschützt, nein, seid würdige Diener Gottes, prüft Euch, denn dies, heilige Erbe ist nur den Toraerben gegeben. n:P22 pPPPp bemerkt der p£P zu dieser Stelle, dieses ”jpppp wolle Abraham sagen: Halte dieses Geschenk — das heilige Land — fest; und es festhalten können wir blos durch Festhalten am Gesetze! Ähnlich wird ja schon von altersher das gewöhnlich mit „Beten" übersetzie Wort pP>£p erklärt. ppCPP ist auch rückbezügliche Form von pp">£ „richten", „Recht sprechen". mm'p£3 jPP „Er gebe nach dem Rechtsspruche die Sühne", oder pprp DP^D “TCyp, „Pinchas stand auf und übte das Recht aus". Also unser landläufiges pp£P2 heißt nicht schlechterdings „Beten", sondern über sich selbst urteilen, sich richten, ob man würdig ist, von Gott Liebtaten zu erflehen und wo nicht, danach, nach dieser Würdigkeit streben, „vor Gott, Gott gegenüber läßt die Bedeutung von PPcpp ein Richteramt über sich selbst ausüben, ganz besonders hervortreten" (Hirsch zu Sam. 1). Wir sehen also, wie leer und nichtsagend die beste Übersetzung, den tiefen, heiligen Worten des Urtextes gegenüber ist. Treffend bemerkt auch Güdemann in seiner Apologetik des Judentums, daß wir für das Wort npPX keine entsprechende Übersetzung finden. npTJ> übersetzen wir einmal mit Gerechtigkeit: PpPSl EDffE FYiyb n 1PP PK nB55n. Sie mögen hüten Gottes Weg, Recht und Gerechtigkeit üben oder pPS P1PPP pPÜ>, der Gerechtigkeit folge nach, anderseits mit dem landläufigen Ausdrucke: Mildtätigkeit: npm> PPP ”pl „Dir wird es als Tugend der Mildtätigkeit angerechnet." Wie wir doch überhaupt im allgemeinen für das Wort Mildtat, gute Gabe usw. den Ausdruck ppp^» gebrauchen. Nun schließt aber nach unseren Begriffen eines das andere aus. Mildtätig sein, Wohltaten üben, heißt, etwas Gutes tun, was inan eigentlich von Rechtswegen gar nicht tun müßte. Gerechtigkeit aber heißt, das tun, was das Gesetz von einem fordert und nichts weiter. Ist jemand z. B. wohltätig, so tut er mehr, als das Gesetz von ihm verlangt. Das Judentum, die Tora, kennt jedoch eine solche Zweiteilung nicht. Uns soll Mildtätigkeit und Wohltätigkeit eben nichts anders als strenges Recht sein. Oder Recht und Gerechtigkeit soll Milde und Wohltun sein. Die Tora kennt nur den Begriff „Zedoko": Guttat und Milde bist Du Jude nach strengem Rechte verpflichtet zu üben; Dein Recht sei Milde, Deine Guttat Gerechtigkeit. Und wo gäbe es eine moderne Sprache, die in ihrer einfachen Sachbezeichnung solch hohe, edle, sittliche und ethische Lehren gibt, wo eine moderne Sprache, welche durch einfache Worte den Menschen so veredeln will? Tausende Übersetzungen, hunderte Umschreibungen können uns nicht annähernd die Lehren vermitteln, welche ein einfaches bescheidenes Wörtchen in unserer heiligen Sprache ausdrückt. Und die tiefe Kenntnis der Menschenseele verrät die Anmerkung unserer Weisen zu dem einfachen Wörtchen „P'^PP es wird sein" und „>pp es war. In Megilla bemerken sie: Wajehi bedeutet, immer eine Zeit der Not ^HP P£Kj2? Cip- P- PPÜi KPK 1PK- Wehojo bedeutet immer eine Zeit der Freude PHP KpK lPK mm P2K:sr Dips pp. Vielleicht mag der Grund folgender sein. „VTP es war" ist eigentlich keine reine Vergangenheitsbezeichnung, sondern aus ^p\ es wird sein, also eine Zukunftsform durch das vorausgesetzte Waw gebildet. Also Zukunft in Vergangenheit verwandet!. Nun ist es eine bekannte Tatsache, daß der Mensch, sofern er in Nöten ist, gerne die Gegenwart, die ihn so schwer bedrückt, mit einer hoffnungsfrohen Zukunft vertauschen möchte und diese herbeisehnt. Es ist das „es wird sein" der Zukunft, welches durch die Erzählung hindurchschinnnert, wenn er von Tagen der Not erzählt. Wenn aber der Mensch von vergangenen schönen Zeiten