Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- V (1914)
- Issue
- 12 (20.3.1914)
- Date
- 1914-03-20
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9052070-9097324-9053139--1078-9053143- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Tunis 2× ep/1048155
OCR text
I 4 Das Mische Kiatt. Nr. 12. Türkei. Die Verfolgung der Juden in Jemen. Die Jemeniten sind in jüngster Zeit ziemlich zahlreich in Palästina eingewandert, weil sie in Jemen, ihrer Heimat, infolge der Verfolgungen des Herrschers in Jemen, des Imam Jabia, keine Existenzmöglichkeit mehr hatten. Die türkische Regierung ist gegen diese Umtriebe machtlos, da sie dem Imam Jabia ausdrücklich die uneingeschränkte Herrschaft über Jemen eingeräumt hat. Nun hat der Chacham Baschi der Türkei, Nahum, mit Zustimmung der Hohen Pforte ein offizielles Schreiben in Arabisch an den Imam geschickt, das er durch eine Abordnung hervorragender Juden in Sanaa, der Hauptstadt von Jemen, überreichen ließ. Diese Abordnung wurde von einer bewaffneten türkischen Eskorte begleitet. Vor einigen Tagen nun erhielt der Grand Rabbin der Türkei, Nahum, von dem Rabbiner in Sanaa einen Brief mit dem Originalschreiben des Imam, das dieser als Antwort auf das Gesuch Nahums der Abordnung eingehändigt hat. Das Schreiben des Imam ist nicht ohne Interesse. Im Eingang begrüßt er die Gelegenheit, mit dem geistlichen Chef der Juden in der Türkei offiziell zu verkehren. Gemäß der Lehre Mohammeds, sagt er, ist es feine Pflicht, die Juden in seinem Reiche zu beschützen. Alle Klagen über ungerechte Behandlung der Juden seitens der Kadis in Jemen feien unbegründet. Die Schuld liege vielmehr an deren eigenen Streitigkeiten in Religions- und Eemeindeangelegenheiten. Er selbst ersucht sogar den Chacham, diesen Händeln ein Ende zu bereiten. Zum Beweise seiner judenfreundlichen Gesinnung erklärt er sich mit dem Gesuch Nahums einverstanden, daß eine Schule der Alliance JsraÄite in Sanaa eingerichtet werde, in welcher arabisch, hebräisch und eine europäische Sprache gelehrt wird. Jedoch lenkt er die Aufmerksamkeit des Chacham Baschi daraus, bei etwaiger Einrichtung der Schule die Gemeindebehörden bei Einführung von fortschrittlichen Reformen zur Vorsicht zu ermahnen, damit durch diese die religiösen Gefühle der Muhammedaner nicht verletzt werden. Mit der Ermächtigung der Pforte will Oberrabbiner Nahum eine zweite Abordnung an den Imam senden, um ihm für die gütige Berücksichtigung seines Gesuches zu danken. Marokko. Der französische Senat hat in Bestätigung eines früheren Beschlusses der Deputiertenkammer und im Anschluß an die Bewilligung der Marokkoanleihe 5 Millionen Francs für die Entschädigung der Opfer der kriegerischen Wirren von Fez, Marakesch usw. bestimmt. Die einheimischen Juden erhalten davon eine Million Francs. In der Begründung dieses Kredits sagte der Ministerpräsident, daß dies heilige Verpflichtungen sind, die so bald wie möglich erfüllt werden müssen. Es sind in der Tat fast schon zwei Jahre verstrichen, seitdem die Bevölkerung von Fez die Vergütung für die schweren Schädigungen erwartet, die sie erlitten hat. Tunis. Die jüdische Gemeinde in Tunis zählt mehr als 40 000 Seelen. Sie besteht aus zwei Gruppen; aus denjenigen, die von alters her in Tunis gewohnt haben und der zahlreichen sogenannten sephardischen Gemeinde, die sich aus Personen italienischen Ursprungs zusammensetzt und finanziell und gesellschaftlich die stärkere ist. Diese beiden Gruppen führen eine gesonderte Existenz, jede hat ihre besonderen Wohltätigkeitsanstälten, auf dem gemeinsamen Friedhofe trennt eine hohe Mauer die Gräber der beiden Gruppen. Gemeinsam haben sie nur den Rabbiner. In jüngster Zeit machen sich jedoch Anzeichen geltend, die einen Zusammenschluß der beiden Gruppen erhoffen lassen. Heiraten, die bisher zwischen Mitgliedern der höheren Schichten der beiden Gruppen für Mesalliancen gehalten wurden, beginnen sich zu bilden und eine gesellschaftliche Annäherung bahnt sich an. Uni diese zu beschleunigen, hat der Generalresident der französischen Regierung die Bildung einer Kommission vorgeschlagen, die sich mit den aus der gegenwärtigen Lage der tunesischen Judenheit ergebenden Fragen beschäftigen soll, z. B. die Ermöglichung der französischen Naturalisation für die tunesischen Juden, die bislang ausgeschlossen war, die Zulassung der Juden zur französischen Gerichtsbarkeit anstatt der muselmanischen, der diese tunesischen Juden bis jetzt unterworfen gewesen sind, und die Anstellung eines französischen Oberrabbiners in Tunis. Daraus würde sich dann der Anschluß Tunesiens an die Organisation der französischen Judenheit ergeben. Amerika. Jakob h. Schiff verteidigt die freie Einwanderung gegen den Minister für Handel und Arbeit. Vorige Woche fand in Newyork die 25. Jahresversammlung der großen jüdischen Einwanderungsfürsorgegesellschaft „Hebrew Sheltering and Immigrant Aid Society" statt, an welcher unter anderen illustren Ehrengästen auch der Minister für Handel und Arbeit, William S. Wilson, dem auch die Einwanderungsagenten unterstehen, teilgenommen hat. In einer längeren Rede versuchte Wilson seine einwanderungsfeindliche Politik zu rechtfertigen, woraus der gleichfalls anwesende jüdische Philantrop Jakob H. Schiff mit einer wegen ihrer offenen und entschiedenen Sprache aufsehenerregenden Rede erwiderte. Schiff erklärte sich einverstanden mit dem Minister in seinem Bestreben, zwischen dem Arbeiter und dem Arbeitgeber eine Harmonie herzustellen, sei mit ihm aber nicht einverstanden in der Einwanderungsfrage. Immer gab es Menschen, sagte Schiff, welche gegen eine freie Einwanderung in Amerika Stellung nahmen. Den Versuch, Einwanderer auszuschließen, finden wir schon zu jener Zeit, als unsere Vorväter in Plymouth landen wollten, von den Indianern daran gehindert wurden. Immer fanden sich solche Gegner der Einwanderung und immer fanden sie auch eine Begründung dafür. Ich selbst kam vor 50 Jahren als armer Junge in dieses Land. Ich habe keine Arbeit vorgefunden. Vier Monate mußte ich auf eine kleine Arbeit warten, und ich kann wohl heute sagen, daß es mir in diesem Lande und diesem Lande mit mir nicht schlecht ergangen ist. Gerade so wie ich es in meinem ganzen Leben für das Nützlichste angesehen habe, in jeder Angelegenheit jedem Menschen so lange Vertrauen entgegenzubringen, bis ich überzeugt werde, daß man ihm nicht trauen dürfe, ebenso bringe ich auch jedem Einwanderer, der daher kommt, ich sage jedem Einwanderer, Vertrauen entgegen, ob er lesen und schreiben kann oder nicht, wenn er nur kräftige Arme und ehrliche Absichten mitbringt. Von allen den Arbeitern, die ich im Laufe der vielen Jahre kennen gelernt habe, gibt es nur sehr wenige, die hier durchgefallen wären. Was wollen Sie mit dem Bildungsexamen? Der jüdische Einwanderer ist nicht ungebildet, denn der Jude bietet seinen Kindern Bildung selbst dann, wenn er selbst deshalb hungern müßte. Wollen Sie etwa diese Juden deshalb, weil eine intolerante Regierung sie aus ihren Schulen ausschloß, auch aus diesem Lande ausschließen? Schiff schloß seine Rede wie folgt: Dieses Land ist ein materialistisches Land und der Kampf um den Dollar wird hier Tag und Nacht in viel zu starkem Maße geführt. Wir brauchen Ideale. Und der russischjüdische Einwanderer, der weiß, was Leiden find, bringt uns diese Ideale. Er bringt diese Ideale her und sie bilden ein Gegengewlcht gegen den Materialismus, der hierzulande schon überwiegt. Wir deutschen Juden fühlen mit ihnen nicht nur, weil