Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- V (1914)
- Issue
- 12 (20.3.1914)
- Date
- 1914-03-20
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12. 3;/ Das jüdische Kiatt. Berlin. Das Große Zionistische Aktionskomitee hat in Berlin seine Sitzung abgehalten. Diese wurde am Freitag, 27. Februar, von Professor Marburg eröffnet und Dr. Tschlenow erstattete den Jahresbericht. Er verbreitete sich zunächst über den Sprachenstreit und konstatierte sowohl deren moralischen als materiellen Erfolg. Die hebräische Sprache sei für immer als die Schulsprache Palästinas anerkannt und die Geldmittel zur Gründung und Ausstattung von Schulen seien reichlich geflossen. In der Frage des Technikums in Haiffa haben sich die russische und amerikanische Gruppe der Kuratoriumsmitglieder auf die Seite der Zionisten gestellt. Das Technikum stehe jetzt unter der Kontrolle der Zionisten, deren drei jetzt offiziell als Zionisten in das Kuratorium eintreten. Nach einem Berichte Dr. R u p p i n s ist es gelungen, weitere Pflanzungsgesellschaften zur Kolonisierung Palästinas zu gründen. Für die in Jerusalem zu gründende Universität werden die Geldsammlungen ausgenommen werden und mit der Sammlung von Büchern für die Universitätsbibliothek begonnen. In Moskau ist der Verlag „Mado" ins Leben getreten, der sich mit der Abfassung hebräischer Lehrbücher zu befassen hat. Der „Kedem" (Kulturfonds) ist in den wenigen Monaten seines Bestehens auf 1500 Frs. gestiegen, von denen 8000 Frs. für den Maad Halaschon und 2000 Frs. für die Schule in Haiffa bewilligt wurden. Die Propaganda sei durch eine Reihe von Delegiertentagen ausgedehnt worden. Die Herren Sokolow und Lewin haben Propagandareisen durch Oesterreich-Ungarn und Deutschland gemacht. Die Zionistische Vereinigung für Deutschland habe 80 Protestversammlungen gegen den Annoncenangriff des Antizionistischen Komitees veranstaltet. Auch Misrachi und Poale Zion machen Anstrengungen für die Propaganda. In der Sitzung von Samstag Nacht, die um 7 Uhr abends begann, wurden die Fragen des Bodenerwerbs und Bodenkredits erörtert. Es wurde beschlossen, die Hauptarbeit der Palästina- Land-Entwicklungsgesellschaft zu widmen (Palästina Land Develepment Company). Eine Aktion zur Erhöhung von deren Kapital soll eingeleitet werden. Am Sonntag, 1. März, wurde der Plan zur Gründung der Universität in Jerusalem beraten. Es wurde beschlossen, mit den Arbeiten der Gründung einer Universitätsbibliothek zu beginnen. Zur Leitung und Verwaltung des hebräischen Schulwerks in Palästina soll ein Provisorisches Schulkomitee eingesetzt werden, dem zwei Vertreter des Zionistischen Aktionskomitees, zwei Vertreter der Odessaer Palästinagesellschaft und zwei Vertreter der palästinensischen Judenheit angehören sollen. Im Anschluß an die Sitzung des Aktionskomitees tagte am Montag, 2. März, das Direktorium des Jüdischen Nationalf o n d s. Rußland. Die Lage ist durch den Rücktritt Kokowzosfs und die Uebernahme der Regierung durch Goremykin, wie vorauszusehen war, noch trüber geworden als sie war. Die echtrussischen Nationalisten verbreiten Schrecken um sich her und schüchtern alle Beamten ein, die es wagen, nach ihrem Gewissen für die Gerechtigkeit einzutreten. So war es in F a st o w, wo die Polizeibeamten, die der Wahrheit gemäß in dem ermordeten Knaben den Judenknaben erkannt hatten, ihrer Stelle enthoben und strafversetzt worden. Ein ähnliches Verfahren schlagen jetzt diese skrupellosen Leute gegenüber der tierärztlichen Kommission ein, die sich mit der Schächtfragezu beschäftigen hat. Kaum war es ruchbar, daß diese Kommission, die auf Befehl des Ministers ein offizielles Gutachten über das Schächten abzugeben hat, eine dem Schächten günstige Kundgebung vorbereite, da wurde von den Nationalisten eine so maßlose Hetze gegen sie losgelassen, daß sie, eingeschüchtert durch diese Helden der Gasse, anderer Meinung wurden und sich weigerten, dem Gesuch der Rabbiner entsprechend ihr Gutachten für die Schechita zu veröffentlichen. Die Rabbinerkommission, die in Petersburg in der Schechitaangelegenheit tätig ist, hat bei dem Direktor des Departements für nichtchristliche Religionen, Menkin, die erforderlichen Schritte getan. Doch ist in Polen die Stimmung gedrückt und Furcht vor einem Schechitaverbot beschleicht die Gemüter der Optimistischsten unter den Juden. Hand in Hand mit dieser barbarischen Bedrückung geht das Unwesen der Taufe. Der heilige Synod veröffentlicht jetzt die Liste der zur orthodoxen Kirche in Rußland im Jahre 1912 übergetretenen Juden. Davon blieben 1362 im Schoße der orthodoxen Kirche, während 84 wieder ins Judentum zurückkehrten. Nicht mitgerechnet in dieser Statistik sind diejenigen Juden, die sich dem katholischen, protestantischen oder mohammedanischen Glauben zuzugewandt haben. Gerade der Protestantismus wird zum Schrecken der orthodoxen Geistlichkeit von denjenigen Judenjünglingen vorgezogen, die gern einen Platz in einer höheren Schule erobern. Wie niedergeschmettert waren neulich Hunderte von diesen feigen Fahnenflüchtigen, als ihnen eröffnet wurde, ihre Bekehrung bei dem protestantischen Pfarrer in Finnland sei null und nichtig. Wenn sie schon in den höheren Schulen verbleiben wollen, werden sie noch ein zweites Opfer ihres Verstandes und ihres Herzens zu bringen haben. Sie müssen wieder ins Judentum zurück und von dort aus ins russische orthodoxe Himmelreich einkehren, widrigenfalls fie aus den Schulen auszuschliehen sind, in denen sie sich befinden. * ''' -i- Wie langsam die Mühlen der russischen Bureaukratie mahlen, zeigt eine Entscheidung des Senats, die jetzt auf eine vor einen: halben Menschenalter angebrachte Beschwerde ergangen ist. Israel Waxmann, dessen Name seine jüdische Konfession nicht verleugnet, wollte in Cholm ein photographisches Atelier eröffnen, erhielt aber vom Gouverneur einen verbietenden Entscheid, der damit begründet war, daß erstens Waxmann keinen Bildungsausweis vorlegen könne, daß er zweitens keinen Besitzzensus aufzuweisen habe und daß drittens die Stadt Cholm der religiöse Mittelpunkt eines größern Gebiets sei, strategische Bedeutung habe und eine stattliche Zahl von Mittelschulen beherberge. In Krasnostaw durfte der nämliche Waxmann sich als Photograph etablieren, da dort „andere politische und religiöse Verhältnisse vorliegen" und sein Vater, ein Tischlermeister, dort wohnte, was vermutlich den fehlenden Besitzzensus ersetzen sollte. Waxmann versteifte sich aber auf die Stadt Cholm und wandte sich an den russischen Senat, den obersten Hüter der Gerechtigkeit, dem der Cholmer Gouverneur seine Verfügungen begründen muhte. Er tat das damit, daß er die finanzielle Fähigkeit Waxmanns anzweifelte, in zwei Städten, in Krasnostaw und Cholm, gleichzeitig photographische Ateliers zu unterhalten und daraus den Schluß zog, es sei Waxmann gar nicht ums Photographieren zu tun, sondern „um andere, überaus schwer festzustellende Zwecke". Der Senat ließ die Gottesmühlen mahlen, aus denen im Januar 1914 ein Ukas hervorging, der dem Gouverneur überhaupt das Recht bestreitet, sich in die gewerblichen Angelegenheiten Waxmanns einzumischen und sein Verbot ohne weiteres aufhebt. Zu diesem erfreulichen Ergebnis mußten aber die Akten, die im Januar 1901 durch die Klageschrift Waxmanns eröffnet wurden, dreizehn Jahre lang wandern. Ob Waxmann immer noch photographiert, ob er überhaupt noch lebt, das weiß nur Gott im Himmel.