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Das jüdische Blatt · 1914-03-20 · 12 (20.3.1914) · p. Seite 2

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
V (1914)
Issue
12 (20.3.1914)
Date
1914-03-20
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 Das jüdische Kiatt Nr. 12. las, da dachte ich mir: „Du muht der Sache doch einmal auf den Grund gehen und dich bei verschiedenen Seiten in Wirtskreisen sowohl, als auch beim Hamburger Verein zur Förderung der israel. Restaurationen erkundigen, um als Mitglied des Vereins (nicht Vorstandsmitglied) nach dem Rechten zu sehen, ob der Verein wirklich so schlecht und rigoros geleitet wird, wie da angegeben ist." Doch welches Resultat kam aus den Antworten einzelner Wirte heraus. Von all den Anklagen gegen den Verein konnten diese nichts bestätigen. Einzelne haben sich sogar dahin ausgesprochen, daß der Verein ihnen stets in kulantester Weise entgegengekommen ist. Ter Verein selbst hat mich bereitwilligst dahin aufgeklärt, daß trotz seinerzeitigen Verwaltungsbeschlusses von den zirka 300 in Betracht kommenden Restaurationen, welche laut Attest unter Aufsicht stehen und den gewöhnlichen Mitgliederbeitrag von 10 Mk. p. a. zahlen sollten, bisher nur zirka 25 Prozent Folge den Mitgliedsbeitrag geleistet haben. Und von diesen gehört die Hälfte zu denjenigen, welche eine Subvention bekommen. Das nennen die Einsender „schikanöse Behandlung" und „kolossale Opfer bringen", deren Existenz in so manchen Fällen auf der kostenfreien Bekannmachung ihres Etablissements in dem jeden Monat erscheinenden Buche beruht, welch letzteres den tausenden Mitgliedern regelmäßig zugeschickt wird. Das nennen die Einsender Opfer bringen, wenn man von ihnen verlangt, sie sollen sich, ebenso wie die übrigen Vereinsmitglieder, die ihren Beitrag nur zur Stärkung des Vereins entrichten, mit dem Mindestbeitrag von 10 dt p. a. beteiligen. W i r haben nur den einen Nutzen für unfern Mitgliedsbeitrag, eine selbstlose Organisation zu fördern, die den idealen Zweck verfolgt, vertrauenswerte Restaurationen zu errichten, wenn nötig, zu unterstützen und uns solche bekannt zu geben. Die betreffenden Restaurants haben aber als die einzigen den großen Nutzen — von der ganzen Einrichtung —, daß ihre Adressen nicht nur bei allen Mitgliedern, sondern auch indirekt bei vielen tausenden Anderen, die nicht auf streng koscher reflektieren, bekannt werden. Es heißt nicht nur, wo Pflichten sind, sollen auch Rechte sein. Betreffende Restaurateure, sobald sie als vertrauenswürdig ausgenommen lind, haben das Recht zu verlangen, daß ihre Adresse veröffentlicht wird, ergo auch die Pflicht, au dieser Institution, sobald sie darauf reflektieren, durch den jährlichen Mitgliedsbeitrag sich zu beteiligen. — Nur aus dem Entgegenkommen des Vereins und seiner Abneigung trotz seines Beitragsbeschlusses zwangsweise gegen die Restaurateure vorzugehen, ist die neue Idee entstanden, von den Wirten zu verlangen, daß sie unter Verwendung von ausgegebenen Klischeenoten 5 Pfg. von den Gästen bei Preisen über 2 dt erheben sollen. Man will also die Restaurateure nicht einmal damit belasten. Daß damit schon gute Erfahrungen gemacht worden sind, beweist, daß viele Restaurateure schon nach zwei Monaten Klischeenoten nachverlangten. Jedenfalls sehen dies vernünftige Restaurateure, welche die Einrichtung nicht zur Propaganda gegen den Verein benützen, ein, daß das Ziel des Vereines einzig und allein das ist, zu ihrem B e st e n. zu wirken. Deshalb machen sie die Gäste nicht erst auf die Neueinrichtung aufmerksam, sondern erheben ohne weitere Erklärung die 5 Pfg. mit dem Betrag und verrechnen ihn dann mit dem Verein. Das sind ehrliche, echt jüdische, geschäftskundige Restaurateure, welche der guten Sache dienen wollen. Geschilderte Neueinrichtung ist also aus den gegebenen Verhältnissen entstanden, und wenn alle Restaurateure des Vereins, anstatt Radau zu schlagen, dem Beschlüsse Folge geleistet hätten, dann hätte kein Hahn nach dieser 5 Pf.-Erhebung gekräht. Dieselben Herren, welche heute das große Geschrei hierüber machen, haben sich doch auch nicht geniert — und das den Verhältnissen entsprechend mit Recht — ihre Preise um 20, 30, 40, auch 60 Pfg. und noch mehr gegen früher in die Höhe zu schrauben; da hätten 'die 5 Pfg. gewiß keine Rolle gespielt, wenn der gute Wille dazu da wäre. So betrachten eben gerade diese Herren den Verein als ob er an ihnen Geld verdient, anstatt daran zu denken, daß sie dem Vereine ihre Existenz oder sicher die Förderung ihrer Geschäfte mit zu verdanken haben. Wie ist es in Wirklichkeit, von uns aus betrachtet, mit den Geschäftsleuten, die gezwungen sind zu reisen, und dabei streng koscher leben wollen? Ich reise länger als ein Vierteljahrhundert, habe die Zeiten mitgemacht, in denen ich von Sonntag bis Samstag keine Restauration fand, in der ich hätte essen dürfen, und wo ich selbst auf Samstag 4 bis 6 Stunden reisen mußte, um nach einem Platz zu kommen, wo man koscher leben konnte. Und heute kann ich durch die vorzüglichen Einrichtungen und Neuerrichtungen von Koscher-Restaurationen unter Aufsicht des Vereins beinahe täglich eine solche aussuchen. Sodann, wenn man von Vergnügungsreisenden und Kurgästen spricht, wie viele neue Restaurants sind aus Kurplätzen entstanden, seitdem sich der Verein um diese Förderung angenommen hat. — Wahrlich, der fromme reisende Kaufmann muß die Tätigkeit des Hamburger Vereins als die größte Wohltat im Judentum erkennen. Es ist nur schade, daß es noch viele gibt, die ihren Beitritt noch nicht erklärt haben, dennoch aber auf Kosten des Vereins seine Wohltätigkeiten genießen. Würden sich alle diese anschließen, welche auf koscher reflektieren, so könnte der Verein eine noch bedeutend größere Tätigkeit entfalten zu seinem idealen Zwecke. — Eben um weitere Mittel zu erhalten und noch intensivere Tätigkeit zu entfalten, ohne die Restaurateure zu belasten, kam er auf die Idee der 5 Pfg.-Erhebung, damit auch diejenigen, welche den Genuß des Vereins haben, aber mit Beiträgen 'sich noch nie beteiligt haben, mit der winzigen Steuer heranzuziehen, welche Mitglieder selbst trotz ihrer Vereinsbeiträge gerne mitbezahlen.— Und nun die neueste Erscheinung, eine Wirteversammlung in Hannover (besucht von 1 0 Wirten) behufs Gründung eines jüdischen Wirtevereines! Die Gründung eines Vereins behufs Hebung und Ausbildung des jüdischen Wirtestandes wäre nur zu begrüßen: denn an der Ausbildung der Wirte für die Forderungen der heutigen Verhältnisse fehlt es größtenteils, und darum kranken viele Restaurationen, daß sie wohl in den Preisen mit der Neuzeit gehen, aber nicht in der Verpflegung bezüglich Reinlichkeit und Bedienung, so daß in der Hauptsache dadurch die Leute, welche nicht speziell auf koscher reflektieren, in christliche Restaurants getrieben werden, aber nicht wegen der sogenannten 5 Pfg.-Steuer. — Wenn der neue Verein diesen Zweck verfolgt und auch aus, Kaschrus Wert legt, dann ist die Vereinsgründung nur willkommen zu heißen. — Nachdem aber einer der Hauptzwecke der Gründung der sein soll, daß die Wirte sich selbst unter Aufsicht, d. h. wie es ihnen paßt, stellen wollen und den Hamburger Verein dadurch überflüssig zu erklären glauben, so ist die Gründung des Vereins das reinste S t r o h f e u e r, das rasch wieder verflackert und in nichts zerfällt. Nicht gegen, sondern mit dem Hambg. Verein hat der jüd. Wirtsverein Existenzberechtigung, sonst nicht, da er zuviel Subjektivität und zu wenig Objektivität besitzen würde. Ganz besonders müßten dann auch an der Spitze Führer stehen, deren Ruf als Jehudim über alles erhaben ist. Auch diese Frage der Vorstandsschaft scheint noch in keiner Weise erklärt zu sein. Wenn wahre Jehudim dem Hambg. Verein zur Aufnahme in dessen Verwaltung vorgeschlagen werden, so zweifle ich nicht daran, daß derselbe sich auch bereit erklärt, solche in die Verwaltung mit hereinzunehmen. Aber bei den Mitteln, mit denen der neue Verein beginnt, gegen eine selbstlose im idealsten Interesse des Judentums bestehende Organisation vorzugehen, wird das Ende des neuen Vereins nicht weit vom Anfang entfernt sein. H. W e i ß k o p f - Fürth.

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