Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Blatt · 1914-03-06 · 10 (6.3.1914) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Blatt
Volume
V (1914)
Issue
10 (6.3.1914)
Date
1914-03-06
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9052070-9097324-9053105--1046-9053111
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

6 §a* jüdische Klar; Nr. 10. Studierenden ins Haus geschleudert — „Hie Teut — hie Juda" — und da heißt es unter anderem: Wie tief müssen wir in den Augen der Juden dastehen, daß sie von uns noch Dank für unsere geistige Unterjochung erwarten! Sich ins Gesicht schlagen lassen und dann die Hand küssen, die das getan hat, oder so tun, als wäre nichts geschehen, das verlangt das Judentum von uns! So fragen wir Euch, studentische Jugend: Seht Ihr nicht, daß Ihr bestimmt seid, die nächsten Opfer der jüdischen Herrschafts-Gelüste zu werden? .... Deutsche Brüder! Unser Volk wird seit Jahrzehnten fürchterlich belogen und betrogen! Der schlaue Fremdling hat sich der öffentlichen Presse bemächtigt, um, wie ein Hebräer selber sagte: — „die Völker zu täuschen und zu betäuben." Die verbreitetsten Zeitungen sind in seinen Händen. Helft diesen Bann zerbrechen! Helft unser Volk von einer fürchterlichen Schmach befreien, von der Schmach einer geistigen und wirtschaftlichen Fremdherrschaft! Man braucht den Unsinn nicht weiter zu kommentieren. Erfreulich aber ist -es, daß deutsche Studenten anders denken, und so eröffnete der junge Frhr. Hans-Adalbert v. Maltzahn, der Neffe des Kronprinzen-Erziehers, einen Protest an der Leipziger Universität, den viele dort Studierende unterschrieben haben: „Wir protestieren gegen die Zumutung, uns einer so tiefstehenden Auffassung eines Kampfes für unsere Ueberzeugungen anzuschliehen, wie sie der Reichshammerbund durch seine Flugblätter propagiert." Bemerkenswert an diesem Protest ist noch eines: daß sich hier aus den Kreisen der intellektuellen Aristokratie eine entschiedene Abwehr gegen die Widerlichkeit einer Sippe erhebt, die die Jugend als eine Reklamesäule für ihren Geifer benutzt. Walter Hasenclever. (Frkf. Ztg.) Die jüdische Arbeiter-Kolonie in Weißensee. Der soeben erschienene 12. Jahresbericht der Jüdischen Arbeiterkolonie in Weißensee weist beachtenswerte Ziffern auf. Als Folge der ungünstigen Lage des Arbeitsmarktes weift die Zahl der Aufnahmen die in keinem früheren Jahre erreichte Höhe von 992 Mann auf. Seit Bestehen der Kolonie hat dieses Institut 7000 ledige Männer beherbergt. Leider ist die finanzielle Lage des Vereins eine ungünstige: er hat noch in diesem Jahre mit einem Defizit von 6 241,54 Jl gearbeitet und würde, wenn ihm nicht von Freunden wirksamer sozialer Hilfsarbeit größere Zuwendungen zuteil werden, in naher Zeit in eine für feine segensreiche Wirksamkeit gefährliche Verschuldung geraten. An dem ungünstigen wirtschaftlichen Ergebnis sind verschiedene Faktoren beteiligt: die durch die allgemeine Arbeitslosigkeit notwendig gewordene Aufnahme minder leistungsfähiger Personen, die Verteuerung der Lebensmittel, der Zwang, sowohl an den jüdischen wie an den staatlichen Ruhetagen zu feiern. Das Werk wendet sich an alle Menschenfreunde um Förderung und Unterstützung. Möge sie ihm in reicherem Maße als bisher zuteil werden! Willkommen sind auch alle Naturalienzuwendungen, insbesondere von gebrauchten Kleidungs st ücken. Dem Jnspektorbericht sind folgende interessante Daten zu entnehmen. Der Nationalität nach verteilen sich die im Jahre 1913 beschäftigt gewesenen Kolonisten wie folgt: Galizien 284 Rumänien 31 Schweiz 4 Reichsdeutsche 223 Türkei 19 Serbien 2 Ungarn 138 Böhmen 17 Slavonien 2 Rußland 98 Mähren 11 Bosnien 2 Österreich 39 Holland 4 England 2 Bukowina 32 Amerika 4 Frankreich 1 Sa. 914 Im Alter von 16—24 Jahren befanden sich ca. 50 % der Kolonisten 24—30 „ „ „ „ 30% „ 30—60 „ „ „ 20% „ Gründe des Abgangs der Kolonisten: . Stellung durch eigenes Bemühen und Vermittlung. 120 Mann In die Familie zurück. 268 „ Ins Ausland gegangen.147 „ Wegen Uebertretung der Hausordnung.17 Auf Anordnung der Behörde.15 Zum Militär eingezogen.41 Wegen Krankheit .31 „ Auf eigenen Wunsch.. - 200 Sa. 914 Mann Frankreich. In Paris ist vor zwei Wochen eine neue jüdische Vereinigung gegründet worden, das office c e n t r a 1 de p li i 1 a nt r o p i e. Diese Gesellschaft verfolgt den Zweck, Mittel und Wege zu finden, um der jüdischen Uebervölkerung gewisser Pariser Stadtviertel zu steuern. Infolge der noch immer fortlaufenden Einwanderung rumänischer und russischer Juden ist z. B. das 4. Arrondissement mit seinen engen Gassen von Juden vollbesetzt. Es mögen wohl 10 000 Juden in diesem Viertel wohnen, dessen Gassen so eng sind als die Häuser alt. Bisweilen hat eine ganze Familie ein einziges Zimmer zur Wohnung. Die Folge dieses Zusammengedrängtseins ist eine besorgniserregende Zunahme der Tuberkulose. Während in anderen Distrikten die Sterblichkeit an Tuberkulose 4,95 aus Hundert beträgt, ist sie in diesem jüdischen Viertel viermal so hoch. Diese Lage der Dinge bildet eine Gefahr für die umwohnende Bevölkerung und kann zu antisemitischen Bewegungen führen. Petitionen mit Beschwerden über dieses Judenviertel sind bereits mehrfach an den Pariser Gemeinderat gelangt. Es wird in diesem von antisemitischem Geiste durchsetzten Beschwerden behauptet, daß die so zahlreich eingewanderten Juden infolge ihrer aller Hygiene spottenden Lebensweise und Armut Krankheitskeime verbreiten und Paris verpesten. Die obengenannte Gesellschaft verfolgt daher den Zweck, eine möglichst große Anzahl eingewanderter Juden in Vororten von Paris anzusiedeln. Sie will eine Gesellschaft unter dem Namen „Luft und Licht" organisieren mit Anteilen von je 100 Frs. zu 3 Proz. jährlich. Nahe dem Walde von Vincennes soll ein Häuserkomplex errichtet werden, ausgestattet mit allen Erfordernissen der modernen Hygiene und ausreichend für etwa 150 jüdische Familien. Es soll bereits die größte Zahl der Anteile placiert sein. Gelingt dieses Unternehmen, so sollen noch andere folgen. Jedenfalls soll die neue Gründung nur den Insassen des 4. Arrondissements Vorbehalten sein. Zwar besteht in Paris die von den Gebrüdern Rothschild mit 10 Millionen Franks ausgestattete Arbeiterhäusergesellschaft. Aber da diese für alle Arbeiter ohne Unterschied bestimmt ist, natürlich auch für Juden, dürfte sie zur Aufnahme einer so großen Zahl von jüdischen Hausbewohnern nicht bereit sein. Daher wurde die neue Gesellschaft gegründet, die allein für Juden bestimmt ist. Die Gesellschaft will sich auch mit der Verbreitung der französischen Sprache und der französischen Sitten unter den Eingewanderten, mit der Belehrung über die Gesetze der Hygiene, mit der Naturalisation der Eingewanderten beschäftigen. Das find gewiß sehr löbliche Ziele, die dem Wohltätigkeitssinn der Pariser Juden das schönste Zeugnis ausstellen. Nur eines vermißt man dabei, das religiöse Element. Wenn am Bois de Vincennes ein neues jüdisches Viertel erstehen soll,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.