Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- V (1914)
- Issue
- 8 (20.2.1914)
- Date
- 1914-02-20
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Das jüdische Klatt. 5 Nr. 8 Herrn Sellin stehenden Konkurrenzseminars einen Ueberfall auf einen Lehrer des Hilfsoereins und mißhandelten ihn tätlich. Der Generalgouverneur von Jerusalem hat infolgedessen Herrn David Pellin eine strenge Verwarnung zugehen lassen. Nach der zweiten hat ein Herr Heppner aus Kiew aus Neugierde die Anstalten des Hilfsvereins besucht und war ganz überrascht, dieselben in voller, geordneter Funktion zu finden. Nach den ihm von den Gegnern gemachten Mitteilungen und den Pressemeldungen glaubte er, ein „Wrack" anzutreffen. Nicht weniger erstaunt war er über das Vorherrschen des Hebräischen in den Anstalten des Hilfsvereins. Die gleichen Beobachtungen machte ein Herr Alex. H a l p e r i n und Frau aus Odessa am 2. Februar und erklärte sich überrascht über die Geläufigkeit, mit der die Schüler des Hilfsvereins, im Widerspruch mit den zionistischen Berichten, hebräisch sprechen. Die dritte Mitteilung lautet: Die zionistische Zeitung „Hacherut" meldet aus Jaffa: Der Merkas Hamorim (der Lehrerverband, der den Kampf gegen die Schulen des Hilfsvereins führt) hat vom zionistischen Aktionskomitee in Berlin die Anfrage erhalten, wie sich die Bevölkerung Palästinas zu den Beschlüssen der amerikanischen Kuratoriumsmitglieder stelle. Das zionistische Aktionskomitee wäre mit diesen Beschlüssen nicht einverstanden und möchte nun die Ansicht der Bevölkerung (!) Palästinas hören. In der Versammlung des Lehrerverbandes kamen nun folgende Beschlüsse zustande: 1. In allen Schulen Palästinas muß die hebräische Sprache die alleinige Unterrichtssprache sein, nicht nur im Prinzip, sondern auch in der Praxis. 2. Das Technikum darf nur unter der Bedingung eröffnet werden, daß es ganz hebräisch ist. 3. Jedes Fach, für welches hebräische Lehrer nicht zur Verfügung stehen, wird solange aus dem Lehrplan ausgeschaltet, bis die richtigen Lehrer gefunden find. (!) 4. Die Leitung des Technikums muß ausschließlich hebräisch sein. (!) 5. Wenn das Kuratorium diesen mehreren Beschlüssen nicht zustimmt, müssen wir sofort mit den Vorbereitungen zur Eröffnung der technischen Abteilung der Universität beginnen. 6. Wir beharren auf unserem früheren Beschluß, nach Kräften gegen die Eröffnung des Technikums in Haifa zu kämpfen, bis es hebräisch wird. Diese Beschlüsse illustrieren am besten die zionistische Behauptung, daß die amerikanischen Kurotariumsmitglieder auf ihrer Seite ständen, oder, wie sogar behauptet worden ist, noch über die Forderungen der Zionisten hinausgingen. Man weiß nicht, ob man bei den Beschlüssen des Merkas Hamorim, der für die zionistische Partei so maßgebend geworden ist, mehr den Unverstand oder die Anmaßung bewundern soll, mit der er im Namen der palästinensischen Bevölkerung auftritt und dekretiert, daß die Palästinenser die Fächer, für die hebräische Lehrer noch nicht existieren, einfach nicht lernen dürfen. Frankreich. Der Sieg des Professors Bergson, den wir in unserem Bericht in der vorigen Nummer als wahrscheinlich darstellen konnten, ist zur Tatsache geworden. Es war ein denkwürdiger Wahlkampf. Um den Sitz des Mathematikers Poincar^ bewarb sich der berühmte radikale Staatsmann Leon Bourgeois, vom Präsidenten der Republik Poincare selbst unterstützt. L6on Bourgeois unterlag seinem Gegner, dem dramatischen Schriftsteller Alfred Capus: er erhielt nur 13 Stimmen. Gleich darauf folgte der interessante Kampf um die Nachfolge Emile Olliviers, des Mannes mit dem leichten Herzen. Hier standen sich Henri Bergson, der Philosoph der „Schöpferischen Entwickelung", und der streng katholische Romanschriftsteller de Pomairols gegenüber. Trotz des scharfen von der reaktionären Presse gegen Bergson wegen seiner jüdischen Abstammung geführten Campagne wurde Bergson im ersten Wahlgang mit 19 Stimmen gewählt. Mit ihm tritt der erste Jude in die Academie Fran^-aise ein. Das französische Kabinett hat beschlossen, den General Lalabrogue, den Chef des 3. Armeekorps in Rouen, auf seinem Posten zu belassen. Eigentlich war er bestimmt, Chef des französischen Generalstabes zu werden, aber dieser Plan scheiterte an dem Widerstande Rußlands, das davon in Kenntnis gesetzt wurde. Bei den gegenwärtigen nahen Beziehungen, die die Chefs der beiden Generalstäbe miteinander unterhalten, mußte die französische Regierung auf die geplante Ernennung verzichten. Es dürfte bekannt fein, daß General Valabrbgue zum Chef seines Stabes einen Juden hat, den Leutnant-Colonel Geismar, und daß an der Spitze eines seiner Regimenter sein Bruder steht, der Artillerieoberst Valabrogue. England. Hermann Landau. London. Die Londoner Judenheit feiert den 70. Geburtstag Hermann Landaus, einer solch hervorragenden Persönlichkeit, daß selbst den weitesten Kreisen eine kleine Skizze seiner Leistungen und derjenigen Charakterseiten, die ihn zum geliebten Freunde seiner Brüder im Osten und zum anspornenden Beispiele für die Nobilität im Westen gestaltet haben—nicht unwillkommen sein dürfte. „Seinen Brüdern im Osten." Mit Stolz nennt sich Landau „the Polish Jew" —; seine hohe soziale Stellung, sein tonangebender Einfluß im Bereiche des Finanzwesens haben ihn seinem Volke nicht entfremdet. Sein Ideal, dem er Zeit, Mittel und unermüdliche Energie opfert, ist einerseits Wohltun an Privatbedürftigen und als Vize-Präsident der Federation und Vorstand zahlreicher Talmud-Thora-Anstalten, der Ez Chajim Jeschibah und vorzüglich des Shelters, andererseits die Förderung allgemein nützlicher Gemeindeinstitutionen. Fremd Angekommene finden im „Shelter" während der ersten Wochen freie Unterkunft und Verpflegung. Nur derjenige, der London kennt und weiß, wie sehr jeder einzelne durch die weiten Entfernungen und den gesteigerten Wettbewerb in Anspruch genommen ist und wie sehr es die Verhältnisse erschweren, diesen äußerst bedürftigen Ankömmlingen beizustehen, kann den hohen Wert dieser Shelter- Jnstitution würdigen. Dort findet man Hermann Landau fast alle Sonntag nachmittag, mit der Anstalt und deren Besucher beschäftigt, während der Vormittag per Auto die Bedürftigen des East Ends aussuchend ausgefüllt wird. Wahrhaft geliebt wird Hermann Landau von seinen Brüdern im Osten. Als einst ein Taschendieb ihm seine Uhr entwendete und dies bekannt wurde, wuchs die Entrüstung fast zum Tumult und nach zwei Stunden gelang es dem begeisterten Publikum, ihm das Fehlende wiederzubringen. Diese Uhr, die ihm die Dankbarkeit des Volkes brachte, ist ihm teurer als andern die Siegestrophäen, durchs Elend geopferter Menschenbrüder erkämpft. Groß ist die Zahl interessanter Erlebnisse; eines dieser vielen zeigr, wie Hermann Landau als Vertrauter und Retter in der Not seinen Brüdern gilt. Eine arme, alte, kranke Frau glaubte sich ihrem Ende nahe. Sie schickte nach Herrn Landau, der sofort zu ihr eilte und um die Verzweifelte zu beruhigen, ihr mit schwerem Herzen das moralisch erzwungene Versprechen in die Hand gab, sich ihrer ganzen Familie anzunehmen. Obwohl von den Aerzten, deren Diagnose „unheilbares Nierenleiden" lautete, ausgegeben, berief Landau einen ersten Spezialisten. Die Frau erholte sich wieder. Als Landau sie nach längerer Zeit nach ihrer Genesung wieder besuchte, fand er sie als Verkäuferin einer „Medikur, die alle Krankheiten heilt", alle Leidenden der ganzen Nachbarschaft wandten sich an