Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- V (1914)
- Issue
- 7 (13.2.1914)
- Date
- 1914-02-13
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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•)ii 7 §a* jüdische Kiatt einen durch seine Leistungen bedeutenden Juden, wie Bergson, der den Namen Frankreichs in der Welt der Geisteswissenschaften zu neuem Glanze erhoben hat. Nichtsdestoweniger sitzen in der Akademie Fran^-aise eine Anzahl mehr liberalgesinnter Männer, wie Denis Cochin, Marquis de Sckgur, Comte d'Haussonville, alle Katholiken reinsten Wassers, die Bergsons Kandidatur unterstützen. Derjenige, der an der Spitze der gegen Bergson geführten Campagne steht, ist Leon Daudet. Dieser schildert seinen Lesern eindringlich die Gefahr, die der Akademie von der Wahl eines Juden droht. Eine solche Wahl würde als Triumph Israels gelten und die Aufnahme anderer Juden, wie Reinachs und Bernsteins, zur Folge haben. Bergsons Wahl würde die Akademie auf die Stufe des Kassationshofs herabwürdigen, der Dreyfus freisprach. Zu solch zweifelhaften Mitteln greifen antisemitische Intellektuelle. Aber ihre Bemühungen werden wohl nicht den gewünschten Erfolg haben. Bergsons Wahl ist sehr wahrscheinlich. England. Der Durchfall von Zangwills „Schmelzliegel". Schon mehrere Dramen hat Zangwill herausgearbeitet. Glück hat er aber auf der Bühne damit noch nicht gehabt. Bor zwei Jahren trat er mit seinem „Kriegsgott" auf. Große Vorbereitungen waren getroffen, die Hauptrolle führte der erste englische Schauspieler, die ganze Welt der Künstler, Journalisten und Literaten warteten mit Spannung auf die erste Aufführung. Das Stück fiel durch und erlebte kaum einige Vorstellungen. Bald folgte ein zweites Drama: „Die zukünftige Religion." Auch dieses fiel durch. Nun kam vor einigen Tagen Zangwill mit seinem dritten Drama heraus: „Der Schmelztiegel." Das Stück ist eigentlich nicht neu. Es wurde in Amerika bereits mit großem Erfolg aufgeführt und fand eifrige Verfechter in der Presse und in der Literatur. In London aber fand das Stück ein ungünstige Aufnahme, am zweiten Tag war es bereits vom Repertoire verschwunden. Der Erfolg in Amerika ist verständlich, denn das Drama ist eigentlich ein Lobgesang auf Amerika. Der Inhalt des Stückes ist kurz folgender: Ein jüdischer junger Mann, David Quixano, wandert gleich nach dem Kischinewer Progrom nach Amerika aus, nachdem fein Vater und feine Mutter, Bruder und Schwester im Progrom ihren Tod gefunden hatten. David hat großes musikalisches Talent, aber keine Gelegenheit, es zu entwickeln. Kurze Zeit darauf wird er mit Wera Revendal bekannt, die sich gern mit Wohltätigkeit beschäftigt. Sie erkennt sein musikalisches Talent und um ihm beizustehen, macht sie ihn mit dem Millionär Dawenport bekannt, der ein eigenes Orchester unterhält. David wendet sich aber von dem Millionär ab, weil dieser in verschwenderischem Luxus lebt. David und Wera lieben sich. Wera erzählt ihm, daß sie in Rußland politisch verfolgt wurde und aus Sibirien entflohen ist. Auch der Millionär Dawenport liebt Wera und will sich ihr zulieb von seiner Frau scheiden. Da aber Wera von ihm nichts wissen will, verfällt er auf den Gedanken, Weras Vater, den Baron Revendal aus Rußland, herbeizurufen, damit dieser auf Wera zu seinen Gunsten einwirke. Der Baron landet in New-Pork und kommt mit David zusammen. David erkennt in ihm den Organisator des Kischinewer Progroms und beginnt Wera von sich zu weisen, da sie die Tochter des Mörders seiner Eltern und Geschwister ist. Seit aber David in Amerika ist, ist er ein Amerikaner bis auf die Knochen geworden, von tiefer Dankbarkeit für seine neue Heimat erfüllt, die Zuflucht der verfolgten Rassen und Nationen, bestimmt, ein Schmelztiegel verschiedener Völker zu werden, und dadurch ein gesundes, starkes Volk zu schaffen. Dieser amerikanische Patriotismus überwindet alle anderen Gefühle und wird so stark, daß er zu einem zauberhaften Ideal heranreift, dem , alle anderen Gefühle geopfert werden dürfen. Das Stück endigt mit einer langen Lobrede auf Amerika, David drückt die Tochter des Mörders seiner Eltern an sein Herz und der Vorhang fällt. Das Stück hat wegen seiner starken patriotischen Tendenz in Amerika Eindruck gemacht, es wurde aus politischen Plattformen bei Wahlen verwendet, und war das Tagesgespräch. In London war das Publikum kritischer, es blieb gleichgültig und der Schmelztiegel wurde abgelehnt. Rußland. Der russische „Zola". Wie bereits berichtet, wurde Schulgin, der Herausgeber des „Kiewljanin", wegen Beleidigung des Kiewer Gerichtshofes zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Schulgin ist ein Mitglied der Rechten, der echten Russen, der Schwarzen Hundert, er ist so konservativ und so antisemitisch wie irgend einer in Rußland. Aber sein Gewissen empörte sich über die Lügenhaftigkeit hervorragender Gerichtsbeamten bei Führung der Untersuchung gegen Beilis. Er hatte ein ausgezeichnetes Material für seine Ueberzeugung in Händen. Sein Gewissen verbot ihm, zu schweigen. So trat er denn gleich bei Beginn des Beilisprozesses mit seinen Enthüllungen hervor und erhob sein wuchtiges „.Tnccut-in" gegen den Oberstaatsanwalt Tschablinsky und andere, die er der Parteilichkeit und Unterdrückung der Wahrheit anklagte. Dasselbe Gericht, das er beleidigt haben sollte, ist über ihn zu Gericht gesessen und hat ihn verurteilt. Schulgin hat gegen das Urteil appelliert und seine Berufung damit begründet, daß das Gericht zweimal sich geweigert hat, Schulgins Zeugen zu laden, während es auf Antrag des Staatsanwalts dann die gleichen Zeugen geladen hat. Unterdessen ist bei den echten Russen der Antrag eingelaufen, Schulgin aus deren Mitte auszustoßen. Die russische Presse nennt Schulgin den russischen „Zola". Interessant ist, was Grusenberg, der jüdische Verteidiger des Mendel Beilis über Schulgin einem Korrespondenten des „Petersburger Kurier" gesagt hat: In der russischen Presse nennt man Schulgin den russischen „Zola". Ich bin nicht damit einverstanden. Schulgin ist größer wie Zola. Zola ist für Dreyfus eingetreten, weil die Kreise, die für Dreyfus kämpften, seine Parteigenossen waren. Bei seiner Verteidigung des Kapitän Dreyfus hat sich Zola seine Freunde nicht zu Feinden gemacht. Schulgin ist in einer viel peinlicheren Lage. Er hat einen Mann verteidigt, den er hassen muh; indem er den Verhaßten verteidigte, mußte er seine eigenen Freunde angreifen. . . . Alle seine Freunde, eingefleischte Nationalisten, behandeln ihn als Verräter, und die Führer seiner politischen Gegner aber haben ihre Stellung zi. ihm nicht geändert. Es wurde einsam um Schulgin. Schulgin mußte dies voraussetzen. Dennoch hat er das gekränkte Rech; verteidigt, darin liegt sein Heldentum. Der bekannte Advokat Perewersew sagte: Meiner Meinung nach ist die Bestrafung Schulgins, weil er Beilis durch die Presse verteidigte, ungesetzlich. Die Kritik der Tätigkeit der oder jener Gerichtsperson, die die Untersuchung im Beilisprozeß führte, war nicht gestattet, aber nur vor Beginn des Prozesses. Schulgin hat aber die Verteidigung Beilis' erst ausgenommen nach dein Beginn des Prozesses. Das war sein volles Recht. Ueberhaupt, als Mensch kann ich Schulgins Auftreten nur begrüßen. Seine Tat ist besonders hoch anzuschlagen, weil er, obgleich der judenfeindlichen Partei angehörend, dennoch den Juden verteidigte und nicht fürchtete, auf der Strecke zu bleiben. Für uns Advokaten ist der Ausgang des Prozesses lehrreich. Solche Vergehen werden gewöhnlich mit einer geringen Strafe i belegt. Schulgin aber ist streng bestraft worden. Daraus er-