Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- V (1914)
- Issue
- 7 (13.2.1914)
- Date
- 1914-02-13
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7. Das jüdische Klatt 3 Arbeit Dembos auch auf Nichtjuden eine so tiefe Wirkung ausgeübt, daß Militärintendanten in Rußland begannen, Ochsen nach jüdischem Ritus zu schlachten und das Militär mit Koscherfleisch zu versorgen. Und heute? Heute wagt es auch der Premierminister nicht, für die Gerechtigkeit den Mund aufzutun. Die Gewissensfrage für Millionen von Menschen? Wer redet noch davon? Brauchen Juden Gewissensfreiheit zu genießen? Die Verfassung hat Gewissensfreiheit proklamiert, aber die Verfassung ist längst ein Greuel und für die Juden hat sie nie gegolten. Es verschlägt daher bei den Regierenden nicht, daß das Schächtoerbot einen fürchterlichen Gewissenszwang für die Juden bedeutet. Man redet davon ebensowenig wie von der wissenschaftlichen Bedeutung der Frage. Was hat man in Rußland nach Gewissensfreiheit und Wissenschaft zu fragen? In Rußland gilt nur eine einzige Frage: Geld! Kostet das Schächtoerbot Geld? Wie wird das enden? Vom Sprachenftreil in Walüstinn. Der Kampf zwischen den Herren James Simon'und Dr. P. Nathan, den hervorragenden Mitgliedern des Kuratoriums des Technikums in Haifa einerseits und den Zionisten andererseits hat bereits sehr bedenkliche Formen angenommen. Der Streit wird in die Tagespresse hinübergetragen, die patriotische Note wird angeschlagen, jüdischer Nationalismus in Gegensatz zum wahren Patriotismus gestellt. So hat dieser Streit auf beiden Seiten eine Schärfe bekommen, die kaum mehr überboten werden kann. Der grenzenlosen Leidenschaftlichkeit, mit der von zionistischer Seite die Angriffe vorgenommen werden, sind auf der Seite des Hilfsvereins eine Art politischer Verdächtigungen gefolgt, die das Maß des Erlaubten überschreiten. Derartige politische Angriffe, wie sie eine große Anzahl von jüdischen Honoratioren gegen Zionisten und Zionismus in den Tagesblättern vornehmen, können nicht scharf genug zurückgewiesen werden. Jüdische Fragen sollten allein vom jüdischen Standpunkte aus erörtert werden. Unterdessen scheint sich in dem Kuratorium des Technikums selbst eine Krisis vorzubereiten. Die amerikanischen und russischen Mitglieder des Kuratoriums wünschen eine Verständigung zwischen den Herren des Hilfsoereins James Simon und P. Nathan einerseits und den zionistischen Mitgliedern des Kuratoriums, den Herren Schmarja Lewin und Tschlenow andererseits. Diese ist aber, wie sich die Verhältnisse zugespitzt haben, völlig ausgeschlossen. Bereits wurde, die Meldung verbreitet, die Herren James Simon und P. Nathan hätten ihre Demission als Mitglieder des Kuratoriums gegeben. Diese Nachricht erwies sich als unrichtig. Vielmehr soll am 22. Februar eine gemeinsame Sitzung der amerikanischen und deutschen Mitglieder des Kuratoriums stattfinden. Von dem Ergebnis dieser Sitzung wird es abhängen, ob die Herren James Simon und Paul Nathan ihre Aemter innerhalb des Kuratoriums beibehalten oder nicht. -^- Krancis de Wresseiiiv. (Ein Rachruf.)») In derselben Woche wie General Picquart ist auch Francis de Pressense gestorben, ein anderer Vorkämpfer für Recht und Wahrheit. Als Zola für seine Parteinahme für Dreyfus von der Ehrenlegion gestrichen wurde, hat sofort Francis de Pressens6 dem Minister seine Demission als Ritter der Ehrenlegion ein- *) Unlieb verspätet. gereicht. Das war die prächtige Geste eines aufrichtigen Idealisten. Idealist war Pressenßdurch und durch. Das Zeichen der Ehrenlegion brannte ihm auf dem Gewissen, wenn man Zola von der Liste strich nur deshalb, weil er mit seiner Flammenrede für die Gerechtigkeit eingetreten war. Diese Geste hatte bei Pressenso einen klassischen Zug, denn sie entsprach seinem innersten Wesen. Mit feuriger Liebe diente er der Gerechtigkeit. Für sie brachte er alle Opfer. Einer der ersten Dreyfussisten, trat er, der Hauptredakteur des „Temps", mit energischer Begeisterung für die Wiederherstellung des Rechts ein. Als er in seiner eigenen Redaktionsstube auf den Widerstand der Direktion dieses einflußreichen konservativen Blattes fließ, verzichtete er auf seine Lebensstellung, um den Kampf für das Recht weiter zu führen. Zusammen mit Cl^menceau gründete er die „Aurore", welche in dem Kampf um Dreyfus' Rechtfertigung auf Vorposten stand und den Sieg der guten Sache ankündigte und herbeisührte. Der Idealismus führte diesen Sohn eines protestantischen Pastors immer weiter nach links. Er wurde Sozialist. Nicht etwa, daß er in den Klassenkampf eingetreten wäre. Nein. Ihm lag es vor allem daran, für die Unterdrückten und Schwachen seine Stimme zu erheben, seine glänzende Feder zu führen, seine Arbeitskräfte aufzuwenden. Dieser Idealismus führte ihn 1903 zur Gründung der „Liga für die Menschenrechte", deren Präsident er wurde. Diese Liga hatte nur humanitäre und kulturelle Aufgaben. Wo das Recht gebeugt wurde, sollte sie einsetzen. Es sollte der Bund der Idealisten sein, die die Fahne des Rechts im Namen der Menschlichkeit und der Menschheit entfalten. Sie machte keinen Unterschied zwischen Rasse und Nation. Sie trat für alle unterdrückten Völker ein, für die Juden Rußlands, ebenso wie für die Armenier. Als Präsident der Liga für die Menschenrechte hat Pressens6 beim Ministerpräsidenten Poincar6 dagegen Protest erhoben, daß Rußland, der Verbündete Frankreichs, einen Unterschied zwischen den französischen Bürgern mache, indem es dem Franzosen, der Jude ist, die Grenze sperrt. Der Praktiker Poincaro gab dem Idealisten Pressenst» die zahme Antwort, man müsse abwarten, bis bessere kulturelle Zustände im verbündeten Rußland herrschen. Pressenso erlahmte nie in seinem Kamps ums Recht, kein Mißerfolg konnte ihn einschüchtern. Und wenn die Liga eine Macht im politischen Leben gewesen ist, wenn sie einen gewissen Einfluß ausüben konnte, hat sie es allein ihrem unverwüstlichen Idealisten Pressense, ihrem Präsidenten, zu verdanken. Es gehörte ein gewisser „naiver" Idealismus dazu, eine solche Liga zu gründen, die in kürzester Zeit Hunderttausende von Mitgliedern aus allen gesellschaftlichen Schichten zusammenschloß zum Kampfe für die Gerechtigkeit. Pressense war dieser Idealist. Auch er ist ein Symbol wie Picquart, das Symbol des tatendurstigen Idealismus der Intellektuellen Frankreichs. Aus aller Wett. Frankreich. Paris. Wer die hiesigen Verhältnisse kennt und weiß, unter welch schwierigen Umstünden die Pariser orthodoxen Kreise ihre Stellung innerhalb der großen Pariser Volks-Juden-Masse behaupten, den erfüllt es mit besonderer Befriedigung, daß das gesetzestreue Element unserer Stadt durch die Gründung der hiesigen Ortsgruppe das organisatorische Gefüge erhalten hat. Langsam und schwer gegen die vielen äußeren Widerstände ankämpfend, aber dennoch bahnt sich auch hier die Idee der Agudas Jisroel ihren Weg, und mit der Zeit, dessen dürfen wir heute gewiß sein,