Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- V (1914)
- Issue
- 6 (6.2.1914)
- Date
- 1914-02-06
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6 Das Mische Statt Nr. 6. Der Entwurf führt tatsächlich Erleichterung für die Auswanderer ein, statt der kostspieligen Pässe gestattet er einfache Scheine, die für 20 Kopeken zwar nicht beim Gouverneur, sondern einfach bei der Ortspolizei zu haben sein werden. Aber und nun kommt das dicke Ende — diese Scheine werden nur denjenigen Auswanderern gewährt, die aus einem russischen Hafen auf einem russischen Schiff ausfahren. Fährt er mit der Bahn heraus, so muh er Gouvernementspaß haben wie bisher oder sich wie bisher über die Grenze schleichen. Die Verfasser des Gesetzentwurfs konnten nicht bestimmen, alle Auswanderer aus Rußland müssen zur Auswanderung die russischen Schiffsgesellschaften benutzen, denn es gibt nur eine und die ist so schlecht ausgestattet, daß sie auch nicht für den zehnten Teil der Auswanderer Schiffsraum genug hätte. Deshalb haben sie wenigstens die Auswanderung auf anderen Schiffen als russischen erschwert und die Erleichterung mit den billigen Scheinen nur denjenigen Auswanderern zuerkannt, die die russischen Schiffe benutzen. Die fremden Schiffsgesellschaften dürfen Agenten nur am Hafenplatz unterhalten, nicht im Inland. Es wird aber noch manche Zeit dahingehen, bis die russische Schiffsgesellschaft, die einzige, die überhaupt besteht, imstande sein wird, auch nur den zehnten Teil der Auswanderer zu übernehmen, den man ihnen zuschieben möchte. Jahrelang werden die russischen Auswanderer noch über die Grenze fahren. Die Juden werden noch lange sich über die Grenze schmuggeln müssen, weil sie einen Auslandspaß von der russischen Regierung meistens nicht erlangen und werden auch in Zukunft von den schächerifchen Agenten ausgebeutet werden. Wer ihnen in Wahrheit zu Hilfe kommen und sie aus den Klauen der Agenten befreien möchte, der mühte vor allem die Chikanen abschaffen, die bei der Einführung eines Auslandspasses gemacht werden. In diesem Entwurf aber werden nicht die Emigranten, sondern die Schiffsgesellschaften begünstigt. Gegen die Agenten wird nur ein Kampfmittel vorgeschlagen: Gefängnis. Gefängnis bis 1A Wie Gnaden Kerr Landrichter sein Opfer findet. (Fortsetzung.) Es war keine leichte Aufgabe, den hinkenden schweren Mann aufzurichten und heimzuführen über den schmalen Weg; aber das hohe Glücksgefühl verlieh doppelte Kräfte und der brummende und scheltende Landrichter wurde richtig vom Juden heimgeleitet zu der Frau Landrichter. — Zu Ihrer Gestrengen.- Am nächsten Morgen schmetterte die Hochzeitsmusik durch die Judengäßchen zur allgemeinen Ueberraschung und zum allgemeinen Verwundern. Chaim, der die Klarinette blies, ließ seine langen, dürren Finger auf seinem Instrumente herumstolzieren, sein Bruder Iecheskel, der Flötist, hing den Kopf elegisch auf die Seite und zwischen dem langen, hageren Brüderpaar schritt dessen Vetter Reful. Er war von kleiner, untersetzter Gestalt; sein Instrument war die Baßtrompete. Sein Geist befand sich stets in der Grenzsphäre zwischen Schlafen und Wachen. Die einfachen Begleittöne, die er nur zu leisten hatte und seine langjährige Praxis erlaubten ihm, auch beim Musizieren seinen Geist in dem Lieblingsgefilde spazieren gehen zu lassen, gab ihm doch Chaim, der den Kapellmeister markierte, stets bei den Schlußakten des alten Hochzeitsmarsches einen gelinden Stoß mit dem Ellenbogen, der da sagen wollte: „Run noch zweimal die Quinte, dann den Grundton langgezogen als Schluß." Heute strengten sie sich sehr an; der Verdienst war so ganz unverhofft gekommen und der Bräutigam hatte noch ein Uebriges Jahr erhält nach dem Gesetzentwurf auch, wer Schiffskarten ohne Erlaubnis verkauft und Gefängnis bis 2A Jahr der Agent, der zur Erlangung eines Auslandspasses behilflich gewesen ist. Das Agentenwesen wird noch gefährlicher werden als bisher. Aber zuletzt würden die harten Bestimmungen des Gesetzes den armen Emigranten allein treffen. Bis jetzt liegt der Entwurf im Ministerpult. In die Duma ist er noch nicht eingebracht worden. Es scheint, man schämt sich noch, offen die Gefahr der Auswanderung anzuerkennen und offen die Bevorzugung der russischen Schiffsgesellschaft zuzugestehen. Mögen die Behörden die Scheu nur bewahren. Die jüdischen Auswanderer werden dem Gesetzentwurf für Auswanderung keine Träne nachweinen. England. Baron Hayking, russischer Generalkonsul in London, verbietet die Aufführung von Kinobildern des Beilisprozeffes. Ein Theater in London hat Vorstellungen lebender Bilder des Beilisprozesses veranstaltet und für jeden Abend angezeigt. Plötzlich unterblieb die Vorstellung zum allgemeinen Erstaunen. Was mochte vorgefallen fein? Der andere Morgen brachte des Rätsels Lösung. Der russische Generalkonsul in England, Baron Hayking, hat bei der Stadtverwaltung Beschwerde gegen die Vorstellung eingelegt, da diese der Entente cordiale zwischen England und Rußland schaden könnte. Das Verbot hat aber in vielen Kreisen Entrüstung hervorgerufen, weil es den Anschein hat, als ob der russische Generalkonsul in London mächtig genug sei, die hier unbekannte Zensur einzuführen. Der Vorfall veranlaßt die Journalisten, Baron Hayking zu interviewen. Ein Korrespondent der Daily News machte den Baron darauf aufmerksam, daß in New-Pork Theatervorstellungen über den Beilisprozeß gegeben werden, ohne daß Anstoß daran genommen wird. Ja, antwortete der Generalkonsul, das mag richtig sein, aber zwischen Amerika und Rußland herrscht eben keine Verständigung wie zwischen England und Rußland. Amerika braucht keine Rücksichten auf versprochen. Sonst war nichts von ihm zu erfahren. Denn das ging nicht mit rechten Dingen zu, eine Hochzeit zu halten ohne große „Seudah", die den Musikanten erlaubt hätte, ihrer Backen Kraft auch nach einer anderen Richtung hin zu entfalten! Aber es war nichts zu erfahren! Die Hauptentäuschung aber brachte der nächste Tag. Der Amtsdiener übergab den drei Musikanten eine Vorladung, sofort auf dem Gerichte zu erscheinen. Sein schnapsgerötetes Gesicht leuchtete vor Wonne beim Anblick der erschreckten Juden. Als letzter erschien Reful und drängte sich gewohnheitsmäßig zwischen die beiden Brüder. Ein Punkt zwischen zwei Strichen. Der Aktuar spitzte seine Feder und Gnaden der Landrichter, der bei galliger Laune zu sein schien und seinen dickverbundenen Fuß auf einem Stuhl liegen hatte, begann die Verhandlung: „Also, ihr seid die drei Iudenmusikanten." „Zu dienen, Ew. Gnaden." „Wie heißt ihr?" „Chaim" „Iecheskel" -„und er hat wohl keinen Namen. Und wie er sich benimmt, bläst fortwährend dicke Backen auf, ich habe ihn schon beobachtet," schrie kirschrot vor Zorn der Landrichter den armen Reful an. Der hatte seinem Geiste die gewohnte Audienz gegeben. In dieser Verfassung machten seine Backen die mechanischen Bewegungen, wie er sie zum Hervorbringen der Töne auf seinem Instrument nötig hatte. Diese Angewohnheit hatte ihm schon viel Spott von seinen Glaubensgenossen eingetragen; er konnte