Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- V (1914)
- Issue
- 5 (30.1.1914)
- Date
- 1914-01-30
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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8 Das jüdische Kiatt. Nr. 5. ) war Schüler der Israel. Gewerbeschule in Straßburg und hat auch dort bis vor zwei Jahren gearbeitet. Ueberall war er als tüchtiger und fleißiger Arbeiter gerne gesehen und auch bei der Kundschaft gut gelitten. Am Dienstag wurde der Unglückliche in Nancy beerdigt. Möge der Allmächtige die trauernden Eltern und Geschwister in ihrem großen Schmerze trösten! Vom Jugendbund. Im hiesigen Jugendbund sprach letzten Samstag Herr Referendar Dr. Jony Schneider aus Straßburg über „Napoleon und die Juden" in sehr interessanter Weise. Trotz der ungünstigen Witterung war der größte Teil unserer Mitglieder erschienen, um den tüchtigen Herrn Referenten zu hören. Das Thema ist für die elsässischen Juden doppelt interessant, weil gerade unser Land zu jener Zeit französisch war. Eine so großzügig angelegte Natur auch Napoleon war, so war er persönlich den Juden nicht freundlich gesinnt, führte der Redner aus, weil er zu wankelmütig war und dem Klerus einen zu starken Einfluß auf sich einräumte. Auch den Vorstellungen eines Bürgermeisters von Straßburg, der Bauern aus dem Elsaß, welche gegen die Gleichberechtigung der Juden waren, lieh er sein Ohr. Aber so ohne weiteres wollte er deren Rechte nicht einschränken, und so berief er bedeutende Juden aus den verschiedenen französischen Gebieten nach Paris. Die hauptsächlichsten Redner waren Furtado und David Sinzheim aus Bischheim. Daß die Kultusausgaben der Juden vom Staate übernommen wurden, ist Napoleon hoch anzurechnen. Volle Gleichstellung der Juden in Frankreich, also auch im Elsaß, führte Ludwig XVIII. durch. Zum Schlüsse gab der Redner noch interessante Ausführungen über die Entstehung der jüdischen Familiennamen, welche jeder annehmen mußte, besonders der Namen der hiesigen Bürger. Reicher Beifall lohnte den Redner. Noch manches Wissenswerte wurde in der Diskussion erörtert. TNarkirch. Nach kurzer Krankheit verschied letzten Freitag im Alter von 68 Jahren Herr Joseph Lang. Seine Beerdigung, an der die ganze Markircher Bevölkerung, Freunde und Verwandte aus dem ganzen Elsaß in außerordentlicher Weise sich beteiligten, gestaltete sich zu einer imposanten Kundgebung der Verehrung, Wertschätzung und Beliebtheit, die der Dahingegangene sich allerwärts erworben. In dem benachbarten Rappoltsweiler geboren, war er vor ca. 50 Jahren hierher übergesiedelt, um die Fabrik seines Oheims Dreyfus-Werth, eines der ersten jüdischen Industriellen des Elsasses, zu übernehmen und sie im Verein mit seinen Brüdern zu einer der bestbekannten Firmen Markirchs auszubauen. Hohe Intelligenz gepaart mit eiserner Schaffenskraft, strenge Redlichkeit im Verein mit treuer Anhänglichkeit ans Judentum, wie er es im Elternhause vor sich gesehen, brachten ihm materiellen Wohlstand und die Hochachtung der kommerziellen Kreise ein, ein leutseliges Wesen und eine stets offene Hand die Liebe und Verehrung all derer, die je die Schwelle seines Hauses betraten. Den schweren Verlust, den das Judentum und die Gemeinde Markirch durch seinen Heimgang erlitten, schilderte in treffenden Worten Herr Rabbiner Weil-Rappoltsweiler, dem Schmerz der Familie gab Herr Rabbiner Dr. Meyer- Thann in formvollendeter Rede beredten Ausdruck, während am Grabe Herr Rabbiner Dr. Dreyfus-Saargemünd dem treuen Verwandten Worte herzlichen Gedenkens widmete. — Das Andenken dieses Ehrenmannes wird nie unter uns erlöschen. TNülhausen. Letzten Mittwoch abend hielt Herr Rabbiner Dr. Armand Bloch aus Oberehnheim im hiesigen Verein für jüdische Geschichte und Literatur einen Vortrag über das in diesem Jahre leider aktuell gewordene Thema „Die Blutlüge, ihre Entstehung und Weiterbildung". Der Redner ging bis ins Altertum zurück, um die ersten Anzeichen und Ausbrüche von diesem aus menschlichem Wahnwitz geborenen Lügenmärchen aufzudecken. Er zeigte, daß ursprünglich die Blutlüge mit den Juden gar nichts zu tun hatte, sondern daß in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung die starken und mächtigen Römer die damals noch schwachen Christen unter dem Zeichen der Blutlüge verfolgten. Dasselbe taten diese selbst den verschiedenen christlichen Sekten gegenüber. Erst im 12. Jahrhundert tauchen die ersten Anklagen gegen die Juden auf und zwar hat der Westen Europas die traurige Rolle, den ersten Lügenprozeß in dieser Richtung fabriziert zu haben. Es war in Blois in Frankreich im Jahre 1171. Und nun hat sich in der Folgezeit fast jedes Jahrhundert mehr oder weniger mit dem Schandfleck solcher Lügenprozesse befleckt. Wir haben in unserer Zeit in Oesterreich den Hilsnerprozeß, in Deutschland Tanten und Könitz und jetzt in unseren Tagen in Rußland den Monstre-Prozeß von Kiew erlebt. Alles Ausgeburten traurigster menschlicher Verirrungen. Historisch kann man dies Thema in einem Vortrag eines Abends unmöglich erschöpfend behandeln. Es hat die Staaten- und Kulturgeschichte Europas leider für zuviel Stoff gesorgt. Dafür bot uns der Redner neben seiner historischen Darstellung in großen Zügen, indem er nur die hauptsächlichsten Prozesse im Laufe der Jahrhunderte hervorhob, eine psychologische Betrachtung von großem Interesse, indem er zeigte, daß der Grund zu all diesen Lügenprozessen keine Tatsachen der Angeklagten, sondern Seelenzustände der Ankläger bildeten. Der Redner hat der ganzen zahlreichen Zuhörerschaft aus der Seele gesprochen. Der spontan hervorgebrochene Beifall des Publikums wird ihn wohl selber davon überzeugt haben. J. II Riederrödern. Die allgemeine Kaiserfeier fand dieses Jahr in der Synagoge statt, wo der Rabbiner von Sulz die Festpredigt hielt; der Feier wohnten außer den Mitgliedern der Kultusgemeinde der gesamte Gemeinderat, der Kriegerverein sowie der protestantische Pfarrer bei. Wir werden um Aufnahme folgender Zeilen ersucht: Rappollsweiler. Der in vorletzter Nummer dieses Blattes gebrachte Bericht über den Ausgang des Prozesses der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde mit ihrem früheren Kantor Jakob entspricht nicht den Tatsachen. Die Kultusgemeinde hatte, um die Angelegenheit einfür allemal aus der Welt zu schaffen, bereits früher dem Jakob verschiedentlich Vergleichungsoorschläge gemacht, auf die letzterer aber nie eingehen oder vielmehr von einem Vergleich überhaupt prinzipiell nichts wissen wollte. Nach der am 7. d. M. stattgehabten mündlichen Verhandlung wurde von seiten des Gerichts dem Jakob ein Vergleich mehrmals warm ans Herz gelegt, und als sich dieser endlich nach reiflicher Ueberlegung'eines besseren besann, erklärte sich die Kultusgemeinde zur Zahlung einer einmaligen Summe von vierhundert Mark (ein Teil der Summe war Jakob ohnehin für sein Gehalt geschuldet) und zur Uebernahme der Kosten bereit. Heroorheben wollen wir noch, daß der größte Teil der bei der Verhandlung zugegen gewesenen Gemeindemitglieder nach Anhörung der Verhandlung sich für die Herbeiführung eines Urteils ausgesprochen hat. Nichtsdestoweniger aber hat es die Verwaltungskommission durch obigen Vergleich für gut befunden, die Sache definitiv zu erledigen. Sulz u. W. Nachdem seit Herbst in hiesiger Synagoge das elektrische Licht provisorisch eingerichtet war, ist jetzt die definitive Installation beendigt. Besonders die drei mittleren Kronleuchter und die Menorah verbreiten ein reiches Licht. Bayern. Würzburg. Frau Karoline Schiff, Gattin des Herrn Salamon Schiff Hierselbst, ist in einem Alter von 71 Jahren heute