Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- V (1914)
- Issue
- 5 (30.1.1914)
- Date
- 1914-01-30
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5. Da» jüdische Klatt 5 lastung fanden die Wahlen statt. Die ausscheidenden Ausschuß- und Vorstandsmitglieder wurden einstimmig wieder, sowie neu in den Vorstand die Herren Jakob Besthoff, Louis Kahn jr., und Isaak Wolfs-Frankfurt a. M. gewählt. Rußland. Russischer Verfolgungswahn. Die Judenvertreibungen im Gouvernement Wolyn haben bereits einen epidemischen Charakter angenommen. Die vertriebenen Juden beschwerten sich beim Senat. Der Gouverneur stellte die Verfolgungen nicht ein. Daraus wandten sich die Unglücklichen an den Minister des Innern. Dieser ersuchte den Gouverneur, die Vertreibungen einzustellen bis zur Erledigung der Beschwerde durch den Senat. Trotzdem hat das grausame System der Judenverfolgung nicht ausgehört. Jedoch der Minister des Innern gab dem Gouverneur zu verstehen, daß er den Anordnungen des Ministers größere Aufmerksamkeit zb schenken habe. Wie die Gouverneure glauben, sich durch Judenverfolgungen gut Kind zu machen, zeigt das Beispiel von Kursk. Wir haben ja bereits in voriger Nummer erzählt, wie dort ein zweijähriges Kind vertrieben wurde. Ein Jude namens Schapiro wurde ausgewiesen. Er dachte, seinen Kindern, einem Knaben und einem Mädchen, werde man gestatten, das Gymnasium wie bisher auch weiterhin zu besuchen. Die Kinder blieben daher in Kursk, bis der Bescheid des Ministers eintreffen würde. Da erschien dieser Tage ein Polizeiwachtmeister in dem Gymnasium, das das Mädchen besucht. In Anwesenheit der Direktorin frug sie dieser aus, wo sie wohne. Das Mädchen antwortete schlagfertig: Ich und mein Bruder wohnen nirgends. Den Tag haben sie auf der Straße verbracht und die Nacht im Wartesaal des Bahnhofs. Aber die Direktorin wollte dies nicht glauben. Unter Androhung der Ausweisung forderte sie das Mädchen auf, die Wahrheit zu sagen. Da hat nun die kleine Schapiro die Wohnung ihres Verwandten angegeben, wo sie wohnt. Noch am selben Tag wurde der Kaufmann Schapiro, der Verwandte der Kinder, mit einer Geldstrafe von 50 Rubel belegt. Kosaken-Juden. Mit Zähneknirschen erzählt die „Semtschina", daß in der Kubanergegend (Kaukasus) die Zahl der Kosaken zunimmt, die den jüdischen Glauben annehmen und dabei in den Gemeinden verbleiben wie früher vor ihrer Bekehrung zum Judentum. In einem dieser Kosakendörfer haben diese bekehrten Kosaken eine großartige Synagoge erbaut, wo sie sich allsabbatlich zum Gottesdienst versammeln. Die „Semtschina" macht noch weitere Angebereien. Sie sagt mit bitterem Tone, daß einige Militärkommandanten diese Kosaken an jüdischen Feiertagen vom Dienste befreien und ihnen durch Ausbezahlung von Geld behilflich sind, koscher zu essen. Außerdem erzählt dieselbe Zeitung, daß bei Gelegenheit des Beilisprozesses 34 von diesen Kosakenjuden ein Begrüßungstelegramm an Beilis' Verteidiger, Maklakow, gesandt haben. Konfiskation jüdischen Vermögens. Die „Birsewyja Wedomosti" schreiben: Der 8 1171 des russischen Staatsgesetzes bestimmt, daß Juden, welche außerhalb ihres Ansässigkeitsortes einen anderen Handel als den ihnen gestatteten betreiben, der Beschlagnahme ihrer Waren und der sofortigen Ausweisung nach dem Wsässigkeitsrayon unterliegen. Die Anwendung dieses Gesetzesartikels erstreckt sich auch auf den Fall, wenn die Polizei einen solchen Handel dem Angeklagten gestattet hatte, da die administrative Behörde eine „Gesetzesübertretung nicht begünstigen kann und darf". Der jüdische Wursthändler, der Käse und Konserven feilhält, ist ein Uebertreter des § 1171. Der jüdische Besitzer einer Weißnäherei ist nicht berechtigt, Hemdknöpfe und Kravatten zu verkaufen. Ein Uhrmacher, der Jude ist, kann nur Uhren eigener Erzeugung verkaufen und reparieren, der Verkauf von Uhrketten, Silber-, Gold- und Juwelenerzeugnissen aber bildet schon ein Verbrechen und eine ernste Uebertretung des § 1171. Am 31. Dezember 1913 vormittags wurde eine solche Uebertretung dieses Paragraphen von den Polizeiorganen im Juwelierladen des Juden S. Schillow entdeckt. Die Geheimpolizei erhob gegen Schillow die Anklage nach § 1171 und beschlagnahmte im Laden buchstäblich sämtliche Waren im Werte von 100 000 Rubel. Alle Versicherungen Schillows, daß der ganze Inhalt des Ladens aus seiner eigenen Werkstätte hervorgegangen und weder Kommissionsware noch fremde Erzeugnisse auf Lager seien, blieben unbeachtet, die Beschlagnahme dehnte sich bis zum Abend aus und wurde aufs peinlichste durchgeführt. Galizien. Judenfeindliche Boykotthetze in Galizien. Die antisemitische Boykottbewegung, die in Russisch-Polen einen gewissen Stillstand erreicht hat, greift nach Galizien über und schreitet hier in ungeahnter Schnelligkeit fort. So berichtet man aus R o p c z y c e über die Gründung eines christlichen Konsumvereins, dem es mit Unterstützung des Bezirks- und Landesausschusses gelungen ist, sämtliche jüdischen Geschäftsleute des Städtchens brotlos zu machen. Besonders hetzt die katholische Geistlichkeit des Städtchens gegen die jüdische Bevölkerung. Der Geistliche S t a w a s s z in Ropczyce fordert die Gläubigen von der Kanzel herab zum offenen Boykott gegen die Juden auf. Er verbietet allsonntäglich seiner Gemeinde jeden Verkehr mit den Juden und droht den Zuwiderhandelnden mit schweren Kirchenstrafen. Daß die Bauern die eindringlichen Worte ihres Seelenhirten beherzigen, ist nur selbstverständlich. So verlor die jüdische Kaufmannschaft ihre ganze christliche Kundschaft. Alle christlichen Dienstmädchen haben ihre Stellen bei Juden gekündigt, und es ereignete sich sogar, daß eine christliche Hebamme sich weigerte, eine jüdische Wöchnerin zu besuchen, indem sie sich auf das Verbot des Geistlichen berief. Türkei. Das portugiesische Generalkonsul in Konstantinopel über das Angolaprojekt. In Konstantinopel hielt dieser Tage der portugiesische Generalkonsul Alfredo de Mesquita als Gast der B'nei B'rith-Loge einen Vortrag über „Portugal und die Juden". Der Vortrag zeichnete sich vor allem durch seine Objektivität und durch die genaue Kenntnis der Geschichte der Juden in Portugal aus. Der Generalkonsul gab ohne weiteres zu, daß seine Vorfahren, wie er sagte, nicht nur an den Juden, die es vertrieben hat, sondern auch an ihrem Vaterlande ein Verbrechen begangen haben, welches die heutigen Nachkommen gutzumachen hätten. Enthusiastisch rief Senor Mesquita seinen jüdischen Zuhörern, die meist Spaniolen waren, zu: „Wir Portugiesen lieben Euch, weil Ihr in unserem gemeinsamen Vaterlande gelitten und weil Ihr trotz der an Euch begangenen Verbrechen unsere Sprache und zum Teile aucy unsere Sitten über die Jahrhunderte hinüber gerettet habt." Besondere Bedeutung aber erlangte der Vortrag durch seine Schlußworte, welche wir hier in Uebersetzung wörtlich wiedergeben: „Und dann vergessen Sie auch noch folgendes nicht: Trotz des religiösen Einflusses, unter dessen schwerer Last Portugal Jahrhunderte hindurch geächzt hat, kein einziges Gesetz geschaffen wurde. Vergessen Sie ferner nicht, daß zur selben Zeit, da andere aus Mangel an Mut, den gewöhnlich der edle Kampf zu