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Das jüdische Blatt · 1914-01-23 · 4 (23.1.1914) · p. Seite 12

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
V (1914)
Issue
4 (23.1.1914)
Date
1914-01-23
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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12 Das südifche Klatt. Nr. 4. vollen Ausdruck bringt, das geistige Gut aufs neue schätzen lernen, das die sogenannten Pharisäer für uns im Talmud aufgespeichert haben. Fcrmischles. Christen verlangen die Verlegung des Sonntags auf den Sabbat. Die in Berlin lebenden Anhänger der christlichen Sekte der Adventisten haben an den deutschen Reichstag eine Petition gerichtet, in welcher zur Begründung ihres Gesuches der Verlegung des Sonntags auf den Sabbat folgendes angeführt wird: „Nur der Sabbat ist der wahre, biblische, göttliche Ruhetag, den Gott bei der Schöpfung als den siebenten Tag eingesetzt hat. Die Menschen allein haben den Ruhetag auf den Sonntag verlegt, um eine Trennung zwischen Juden und Christen herbeizuführen. Dies geschah erst in später christlicher Zeit. Noch im ersten christlichen Jahrhundert haben Juden und Christen den Samstag als Ruhetag gemeinsam gefeiert. Die Adventisten bitten um die Wiederherstellung dieses Gottesgebotes. Zum „Kakendarischen Kuriosum". In ihrem geschätzten Blatte vom 9. Januar bezeichnet Herr Doktor M. Weinberg in dem Artikel „Kalendarisches Kuriosum" die Tatsache, daß der Neumond zwei Tage später als die Conjunction (Moled) des Monats Kislew eintraf, als Kuriosum. Ein Einblick in das Wesen unseres jüdischen Kalenders wird dies an sich Auffallende verständlich machen. Wir haben einen kalendarischen sowohl, als auch einen astronomischen Neumond. Letzterer ist das Eintreten des Moled, das regelmäßig, unabänderlich nach dem Ablaufe der mittleren Conjunctionsperiode von 29 Tagen, 12 Stunden, 44 Minuten und 3 Sekunden eintritt. Der „Kalender"-Neumond hingegen berücksichtigt nur ganze Tage und nicht die Stunden und kleineren Zeitteile, weshalb wir Monate von abwechselnd 29 und 30 Tagen haben. Das vorige Jahr 5673 war ein vollzähliges; nämlich „C h e s ch w a n und Kislew" bestanden beide aus 30 Tagen, dazu kam noch der Umstand, daß es ein Schaltjahr war und Adar I 30 Tage hatte. Es ist nun leicht erklärlich, daß durch diese Vermehrung der 30 tägigen Monate — Moledoth von Adar I 5673 und die des Jahres 5674 den kalendarischen Monatsanfängen voraufgingen. Ferner ereignete es sich, daß Moled Tischri dieses Jahr 5674 auf Dienstag nachmittag 3 Uhr fiel und deshalb Rosch Haschono auf Donnerstag verlegt wurde. Dies erklärt, daß der Moled Kislew zwei Tage zurückblieb. Auch in anderen Fällen, nämlich den der „Dechijoth" kann der Moled zwei Tage vor dem Kalendermonat eintreten. — Im Anschluß an die Bemerkung, daß „unser Rausch-Chaudesch-Benschen nicht Bestimmung des Neumondes, sondern nur fromme Erinnerung an frühere Zeiten sei, ist zu bedenken, daß auch d a m a l s der Moled stets vor der Neumondsverkündigung eintrat. Nie Neumondssichel konnte erst 20 Stunden nach der wahren Conjunction sichtbar werden. London, 11. Januar. Joseph Lev y. Hedakjah. Bilder aus der jüdischen Vergangenheit von Caroline Deutsch. (Fortsetzung.) „Ihre Herrlichkeit liegt im Staube," sagte der Prophet ernst. „Sage mir, weiß sie, daß ihr Vater allein und geblendet nach den Kerkern Babels zog und daß ihre Brüder gemordet liegen in der Ebene von Riblah?" „Sie glaubt auch ihren Vater tot und beweint ihn und ihre Brüder." „Sie soll es nie erfahren, denn kein Machtspruch befreit ihn je aus der Hand Nebukadnezars. Gott hat ihn gerichtet, und kurz sind seine Tage. Ich will ihr Vatersein, und wie sie einst zu mir trat in Nacht und Kerker, Trost und Labung reichend, so will ich vor sie hintreten und das gebeugte Herz aufrichten." „Kannst du Leichen aus ihren Gräbern holen, Jeremia, und Tote lebendig machen? Wenn du das nicht kannst, dein Wort allein wird nicht das tiefe Weh ihres Herzens stillen." „Wie meinst du das?" fragte der Prophet, aufmerksam werdend. „Sie beweint den, dem ihre ganze Seele gehörte, und der auch mein Freund und Bruder war," sprach Gedaljah. Mit innerlichem Schmerze fuhr er fort: „Seit ich Jochanan verloren, weiß ich erst, wie tief ihn meine Seele geliebt, und wie mein Leben in dem seinigen aufgegangen war. Und da i ch das empfinde, was muß s i e erst leiden? Denn es heißt," fügte er hinzu, und ein mattes Rot färbte feine Wangen, „nichts sei so gewaltig auf Erden, als die Liebe zwischen Mann und Weib, und kein Schmerz komme diesem, keine Freude dieser gleich." „Jochanan, der Sohn Abners, hatte sich ihr Herz erkoren." „Wenn sie das getan, so hatte sie ihr Glück im vorhinein und auf alle Fälle verwirkt. Wie konnte sie je hoffen, daß der Sohn eines Gärtners des Königs Eidam werden würde?" „David war ein Hirtenknabe, und Saul erkor sich ihn als Sohn." „David war von Gott zum Könige auserwählt, und die Liebe Gottes, die ihm geworden, strahlte aus seinen Augen und aus seinem Antlitze, und gewann ihm die Herzen der Menschensöhne." „Auch Jochanan war gut und groß," entgegnete Gedaljah innig. „O Jeremia, Jammer und Schmerz füllt mein Inneres, wenn ich bedenke, daß diese Heldenkraft so früh gebrochen in tiefer Erde ruht, und daß er doch glücklich hätte werden können," setzte er nach einer Pause hinzu, „denn wenn er jetzt lebte, hier mit uns lebte, wer würde ihn gehindert haben, die Jungfrau als sein Weib heimzuführen?" „Sein Schicksal war anders bestimmt, und anders die Wege, die ihm sein Gott vorgezeichnet," sagte Jeremia, „zwölf der Söhne hatte Abner, keiner von ihnen am Leben?" „Bevor noch Jerusalem in Feindeshand war, waren schon Jochanan und seine Schwester Dinah die einzigen von den Kindern. Jetzt ist nur noch Dinah übrig geblieben, sie wohnt mit der Königstochter im Palmenhause." „Das kann nicht lange so bleiben, mein Sohn," sagte der Prophet. Du weißt, nicht Sitte ist es, daß Jungfrauen einsam wohnen unter den Söhnen Israels; sie müssen als Gattinnen einziehen in die Häuser ihrer erwählten Männer." „Wo gibt es einen Mann unter den Zurückgebliebenen, der würdig wäre, sein Los mit einer Königstochter zu teilen?" fragte der junge Fürst erstaunt. „Jochanan war ein Gärtnerssohn, und du bist ein Fürst," entgegnete Jeremia. Dunkles Rot färbte das Angesicht des Jünglings. Seine Stimme zitterte anfangs, und sein Atem ging hastig, als er erwiderte: „Wie kann ich vor sie hintreten und sagen: werde mein Weib! da ich weiß, daß ihr Herz wund und zerrissen,

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