Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- V (1914)
- Issue
- 4 (23.1.1914)
- Date
- 1914-01-23
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr 4. Das jüdische Ktatt. 13 und daß ihre Seele in Sehnsucht nach einem vergeht, den auch ich wie einen Bruder geliebt?" „Wo die Pflicht gebietet, da hat der fruchtlose Schmerz keine Berechtigung," sagte Jeremia. „Werden ihn ihre Tränen erwecken? wird ihn ihr Trauern und Harren wiederbringen? Und ein Gebot Deines Gottes ist: Baue Dir ein Haus und gründe eine Familie. Ich werde mit ihr reden, wenn Schüchtenheit Dir den Mund schließt." „Nein," bat Gedaljah, „noch nicht, jetzt noch nicht, laß erst ihren Schmerz innerlich ausweinen. Ich will Dir noch etwas eingestehen, Jeremia. Sie ist mein Eigentum, von zweien mir übergeben. „„Sei ihr und meiner Schwester ein Beschützer, wenn Du kannst,"" sprach Jochanan zu mir, als er auszog zum Nimmerwiederkehren, „„es ist das Erbe, das ich in Deine treuen Freundesarme lege."" Und in Riblah wurde mir von Nebudkadnezer befohlen, sie als mein Weib heimzuführen. Aber trotzdem es so ist und mein Herz für sie ist," fuhr der junge Fürst mit leisem Tone fort, „will ich nicht in sie dringen, nicht ihren freien Willen beeinträchtigen, und nicht meine Macht mißbrauchen. Und dann ist ja jetzt auch keine Zeit für solche Dinge," fügte er hinzu: „bis die nächsten Angelegenheiten des Volkes geordnet sind, darf der Statthalter nicht an sich denken." Und diese Angelegenheiten gaben viel zu schaffen. Gedaljah hatte von Nebusaradon die Namen derer ausgezeichnet bekommen, unter die die Landstriche und Besitzungen verteilt werden sollten, und er mußte jedem nach den festgesetzten Abgaben das Besitzungsrecht an dem neuen Wohnort übergeben und ihre Namen verzeichnen. Das eine Gute war bei der Sache, daß noch alle in und um Mizpa waren, und er also auch die andern Angelegenheiten schlichten konnhe. Er versammelte sie an dem Tage vor dem Abgänge in dem Tale, und wählte von den Bewohnern, die in und um Mizpa wohnen sollten, den Rat der Aeltesten und die Richter. Für die entfernter Wohnenden wurden auch Richter gewählt, einer für mehrere Gehöfte, doch hatten diese nur das Recht, gewöhnliche Angelegenheiten zu schlichten; wichtige mußten vor den Rat der Aeltesten und den Statthalter nach Mizpa kommen. Die alten Fest- und Bußtage wurden bestimmt, und der neue des Gedächtnistages der Zerstörung Jerusalems hinzugefügt, der auf den Trümmern des Tempels gefeiert werden sollte; und jedes der Familienoberhäupter bekam die zehn Gebote und die wichtigsten Speisegesetze, die Jeremia für sie niedergeschrieben, da von den heiligen Büchern kein einziges zurückgeblieben war. Nach dem Abzüge dieses Teiles der Bewohner, ließ Gedaljah zuerst den Steinaltar bauen, auf einer Anhöhe, inmitten eines freien Platzes, und schon am nächsten Sabbat wurde Gottesdienst gehalten, und ein Zicklein geopfert, ein Kohen hatte sich unter den Zurückgebliebenen gefunden, und der verrichtete dabei den Gottesdienst. Nachmittags versammelten sich wieder alle Bewohner unten im Tale, Männer, Weiber und Knaben, und Jeremia saß auf einem Steine und erzählte aus dem Gedächtnisse die Geschichte Hiobs und knüpfte die belehrende Bemerkungen daran: daß Hiob ein frommer Mann gewesen und das bitterste Elend über ihn gekommen war, weil ihn Gott prüfen wollte, und wie Hiob das alles ertragen habe und das Lob Gottes dabei gesungen und seine Gerechtigkeit gepriesen, und als ihn Gott dann als wahr und würdig befunden, mit welch dankbarem und freudigem Herzen, mit welcher Kraft und welchem Streben, er sich wieder dem Glücke zugewendet. Wie müßten erst d i e Gott erkennen und in sich gehen, deren Unglück nur eine gerechte Strafe ihres bösen und verfehlten Wandels gewesen sei, wie demütig müßten sie ihn suchen auf allen Wegen, in ihrem Herzen und ihren Sinnen und wie tiefinnerlich dankend preisen, daß er doch manchen von ihnen, obwohl sie ihn erzürnt, seine Gnade und sein Erbarmen habe zugewendet. Und diese, die seine Vaterhuld geschützt, daß sie auf dem geweihten heimatlichen Boden bleiben durften, und nicht in das fremde Elend ziehen müßten, wären sie, sie, die jetzt um ihn im Kreise herumsaßen und ihm zuhörten. Die Aufgabe ihres Lebens müsse daher von jetzt ab sein: in Gott aufzugehen, durch Aufrechterhaltung seines Namens, seiner Gebote und Verordnungen und durch Reinheit ihres Lebenswandels. So sprach Jeremia. Und das erste Samenkorn war versenkt worden in die frisch aufgeworfene Erde, in die vom Unglück heimgesuchten, aber durch das Unglück empfänglich gewordenen Gemüter. Sechs oder sieben Wochen waren vergangen, die Feiertage: das Neujahrs-, Versöhnungs- und Laubhüttenfest, war vorüber, mit dem Spätherbst hatte sich auch längst die Regenzeit eingestellt. Die Bewohner warteten mit Ungeduld das Ende derselben ab, um, wie sie die Wohnungen wohnlich, auch den Boden ihren Bedürfnissen wieder dienstbar zu machen. Jeremia drang in Gedaljah, den Befehl Nebusaradons auszuführen und Zippora zu ehelichen; das einsame Leben der zwei Jungfrauen im Palmenhause erregte schon Aufmerksamkeit, denn alle verwaisten Jungfrauen, die nicht unter dem Schutze verwandter Familien lebten, hatten sich schon Männern anverlobt. Der junge Fürst wich noch immer diesem Drängen aus. Er liebte auch die schöne Königstochter, aber in seiner Weise, selbstlos und demütig. Wie konnte und durfte er jetzt mit einem solchen Ansinnen an ihr wundes Herz herantreten? Es dünkte ihm grausam, und ein Verrat an dem toten Freund. Das Recht, das er an sie hatte, machte ihn noch mehr scheu und zaghaft, denn wie ein Sklavenzeichen für sie dünkte ihm der Befehl des syrischen Häuptlings. Die Töchter seines Volkes wählten selbst ihre Gefährten, und wurden nicht auf Befehl einem Manne übergeben, wie ein Knecht oder eine Magd, und doch war der, der diesen Befehl gab, ein Fremder, und s i e eine Königstochter aus dem Stamme David. Er sagte es vor niemanden, aber nein, gewiß, nie könnte und würde er sein Recht geltend machen, wenn sie ihn nicht aus freiem Antriebe wählen würde. Jeremia sprach eines Tages mit Zippora darüber. Er wollte nicht, daß die Umgehung einer Sitte, von denjenigen ausgehe, die Hüter und Richter desselben waren. Hätten die Könige, Priester und Richter das Unrecht und das Fehl selber unterlassen, das sie an andern ahnten, der Verfall hätte nicht so um sich gegriffen," sagte er „und so darf in unser junges Unternehmen auch nicht gleich dieser Gifttropfen fallen. Ich habe zu ihr gesagt, ich will ihr Vater sein, und so will ich auch wie ein Vater zu ihr reden." Und er sprach zu ihr mit der ganzen Milde und Ueberzeugungskraft seines gotterfüllten Herzens. „Ich habe kein Glück mehr zu vergeben, und erwarte keines im Leben, denn mein Herz ist starr und tot," erwiderte ihm die Fürstin. „Da Du mich aber gewürdigt hast, Deine Tochter zu nennen und Du darauf bestehst, Jeremia, Gottesprophet, so will ich mich auch demütig und gehorsam Deinem Willen beugen, wenn der Fürst, nachdem er alles weiß, mich dennoch zum Weibe haben will." (Fortsetzung folgt.)