Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Blatt · 1914-01-23 · 4 (23.1.1914) · p. Seite 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Blatt
Volume
V (1914)
Issue
4 (23.1.1914)
Date
1914-01-23
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9052070-9097324-9053003--0945-9053010
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

r Nr. 4. Das jüdische Kiatt. Revolver.zu zeigen, um den Pöbel einzuschüchtern. Die Wirkung war aber eine der beabsichtigten entgegengesetzte. Der Pöbel stürzte sich jetzt unter dem Beistand der Studenten und der Polizei auf die Juden. Eine wüste Schlägerei entstand, Blut floß auf der Straße, die Polizei blieb gleichgültig. Nun wurde aber Militär requiriert. Mit aufgepflanztem Seitengewehr schritten die Soldaten ein, sie konnten aber nichts ausrichten, da ihnen verboten war, von der Waffe Gebrauch zu machen. Erst als das Militär noch verstärkt wurde, gelang es, für einen Augenblick den Pöbel zurückzudrängen. Doch nur einen Augenblick. Der Pöbel erkannte sofort seine Macht, durchbrach den Militärkordon und eine neue blutige Schlägerei begann. , . Der Belagerungszustand wurde verkündet. Aber die gegen die Juden aufreizenden Versammlungen fanden unter den Augen der Polizei statt, von den an Juden begangenen Schlägereien und Plünderungen mag sie nichts wissen. Aus diesem wohl nicht zufälligen Verhalten der Polizei ergibt sich ein Zustand der Rechtlosigkeit für die Juden, so daß sich keiner auf die Straße wagt. In Galaty wurden vom Pöbel die jüdischen Häuser gestürmt und geplündert. Nachdem dies Werk wilder Barbarei vollbracht war, ritten Husaren heran und patrouillierten in den Straßen. In der Hauptstadt Bukarest gab es nur Wutausbrüche gegen die Juden, Blut aber floß nicht. Die Lage der Juden in Rumänien ist heute schlimmer als je. Um die Hoffnungen und Versprechungen, die man ihnen während des Krieges machte, sind sie betrogen. Wie sie sich benehmen, liegen sie schlecht. Betonen sie ihren Patriotismus, locht man sie aus. Wenden sie sich an das Ausland um Hilfe, behandelt man sie als „Landesverräter". Dabei, wird ihre wirtschaftliche Lage mit jedem Tage schlimmer, die bittere Armut ärger. Der einzige Weg zur Rettung ist noch die Auswanderung. Der rumänischen Regierung aber kommen diese antisemitischen Bewegungen sehr gelegen. Nun wird sie von den Verpflichtungen befreit, die sie. auf sich genommen hatte, die Kriegsteilnehmer einzubürgern. Die Juden aber schweben jetzt täglich in der Gefahr blutiger Progrome, deren Schauplatz Rumänien bereits früher gewesen ist. Wie ganz anders benimmt sich Serbien! In Serbien werden auf Staatskosten drei Synagogen erbaut. Serbien will den Patriotismus anerkennen, den die Juden im letzten Kriege bewiesen haben. Türkei. Zwischen dem Großrabbinat der Türkei und dem ökumenischen Patriarchat ist ein merkwürdiger Konflikt ausgebrochen. Noch zur Zeit als die Wogen des Beilis-Prozesfes hoch gingen und die Befürchtung begründet war, daß verschiedene Agitatoren der einzelnen christlichen Kirchen die damals bestandene Erregung auch in Konstantinopel und in der Türkei zu einer Judenhetze ausnützen könnten, hat der Großrabbiner der Türkei sich unter anderem auch an den ökumenischen Patriarchen mit dem Ersuchen gewendet, durch eine offene Stellungnahme zur Ritualmordlegende beruhigend auf die Mitglieder seiner Kirche mitzuwirken. Auch an andere Kirchenfürsten hat der Großrabbiner das gleiche Ansuchen gestellt. Während nun die Vertreter der anderen Kirchen der Einladung des Großrabbiners Folge leisteten, hat der ökumenische Patriarch nicht einmal die Höflichkeit aufgebracht, das Schreiben des Grohrabbiners zu beantworten. Der Großrabbiner ist bis ^"heute ohne jede Antwort des Patriarchen geblieben. Bei den im Orient herrschenden Sitten bedeutet das einen Konflikt, der sich '- zunächst darin äußern wird, daß der Großrabbiner die üblichen Besuche an bestimmten Fest- und Feiertagen beim ökumenischen Patriarchen wird unterlassen müssen, wenn er nicht die Unhöflichkeit einstecken und überdies noch aufdringlich wird . erscheinen wollen. Amerika. Die Einwanderung der sephardischen Juden in Amerika hat in den letzten Jahren bedeutend zugenommen und hat die jüdischsoziale Arbeit vor große neue Aufgaben gestellt. Die Angabe der in New-Pork lebenden orientalischen Juden beträgt heute 15 000. Diese leben vereinzelt und sind nicht zu einer einheitlichen Gemeinde zusammengeschlossen. Die Schwierigkeit der Fürsorge für diese Elemente besteht darin, daß fast sämtliche jüdisch-soziale Organisationen für die aschkenasischen Juden eingerichtet sind. Diese können von den Spaniolen, die nicht jiddisch sprechen, nicht benutzt werden. Infolgedessen wachsen die Kinder dieser Spaniolen ohne Religionsunterricht auf, und fehlt ihnen einen Zentralstelle sozialer Fürsorge. In einer kürzlich von den Spaniolen New- Porks einberufenen Versammlung wurde daher beschlossen, eine „Latino-Gemeinde" zu gründen, deren Unterhalt von den Beiträgen der Gemeindemitglieder bestritten werden soll. Mit der Gemeinde sollen Religionsschulen, Vereinshäuser und auch Arbeitsnachweise verbunden werden. Der Gesetzentwurf zur Beschränkung der Einwanderung. Im Kongreß ist wieder ein Gesetzentwurf zur Beschränkung der Einwanderung eingebracht worden. Seine Hauptbestimmung ist die, daß Analphabeten keinen Einlaß in Amerika finden sollen. Diese Beschränkung wird zwar die Juden weniger empfindlich treffen als andere Nationalitäten, denn „jiddisch" wird als Schriftsprache anerkannt. Nichtsdestoweniger werden auch Juden davon betroffen werden. So war die Zahl der im Oktober 1913 in New-Pork landenden jüdischen Analphabeten beiderlei Geschlechts 17,9 vom Hundert, von den Männern allein 14,6. vom Hundert. Das Verhältnis der Analphabeten der in dem gleichen Monat in den Häfen von Baltimore, Philadelphia und Boston eingewanderten Juden war 15 vom Hundert. Sollte die Bill also durchgehen, so würden auch unter den Juden so manche Opfer grausamer russischer Regierungsmethoden vom amerikanischen Boden ausgeschlossen bleiben. Daß die Bill beim Kongreß durchgehen wird, ist kein Zweifel. Die einzige Hoffnung ist der Präsident Wilson. Dieser kann die Durchführung der Bill verweigern. Er hat in seiner Kandidatenrede erklärt, daß er keinen gesunden, moralisch einwandfreien Einwanderer ausgeschlossen sehen möchte. Er ist Manns genug, ein gegebenes Wort einzulösen. Die Hauptfürsprecher für die Beschränkung der Einwanderung sind die syndikierten Arbeiter, besonders die 2lA Millionen Mitglieder zählende „American Federation of Labour" (Amerikanischer Arbeiterverband). Das Merkwürdige dabei ist nun, daß dieser große einwanderungsfeindliche Arbeiterverband auch 250 000 jüdische Arbeiter zählt. Diese können doch gewiß diese Bestrebungen nicht billigen. Sie haben aber die Energie gesehen, mit der vom Arbeiterverband diese starke Bewegung gegen die Einwanderung durchsetzte — haben geschwiegen. Erst jetzt, wo das Gesetz kurz vor seiner Verwirklichung steht, machen sie schüchterne Versuche, dagegen zu protestieren. Am 29. Dezember hatten diese radikalen jüdischen Arbeiterorganisationen die erste Konferenz in dieser Frage. Dazu sind erschienen ganze 25 Delegierte. Diese haben ein Komitee gewählt, das eine Agitation gegen die Einwanderungsbeschränkung ins Werk setzen soll. Was werden sie jetzt noch ausrichten? Der Kongreß erhebt die Bill, die die Analphabeten ausschließt, zum Gesetz. Wird sie der Präsident Wilson bestätigen? Das neueste Heft des Oltering Jewish Immigration Bulletin schreibt darüber einen interessanten Artikel, den wir nächste Woche zu bringen gedenken.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.