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Das jüdische Blatt · 1914-01-23 · 4 (23.1.1914) · p. Seite 6

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
V (1914)
Issue
4 (23.1.1914)
Date
1914-01-23
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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6 Nr. 4. Da» jüdische Klatt. X '>r . Zur gleichen Frage teilt das zionistische „N. I. K." mit: Die amerikanischen Kuratoriums Mitglieder fürdieHebräisierungdesTechnikumsinHaifa. Der Kampf um die hebräische Sprache in Palästina tritt durch ditz'Stellungnahme der amerikanischen Kuratoriumsmitglieder in ein neues Stadium ein. Die Mittel für das Technikum in Haifa sind größtenteils in Amerika aufgebracht worden und die Stellungnahme der amerikanischen Mitglieder des Kuratoriums des Technikums erhält dadurch besonderes Gewicht. Ein Kabeltelegramm vom 18. Januar meldet von einer Sitzung in New- -> Port, an der sämtliche amerikanischen Mitglieder des Kuratoriums, lauter führende jüdische Persönlichkeiten, unter ihnen die Herren Straus, Jakob H. Schiff, Kraus, M a r s h a l l, teilgenommen haben. Es wurde beschlossen, daß Hebräisch die offizielle Sprache am Technikum sein solle. Für den Verkehr der Schule mit der Türkei soll neben Hebräisch Arabisch und . Türkisch in Betracht kommen, für den Verkehr mit fremden Ländern eine der europäischen Hauptsprachen. Die Unterrichtssprache am Technikum soll prinzipiell Hebräisch sein. Hebräisch als ausschließliche Unterrichtssprache soll in spätestens sieben Jahren eingeführt sein; nur wenn für ein Fach nach Ablauf djeser Frist der Nachweis erbracht werden kann, daß die Lehrmutel in hebräischer Sprache nicht genügend entwickelt sind, soll eine Ausnahme gestattet werden. Es wurde beschlossen, die zionistische Organisation um moralische und materielle Unterstützung zu ersuchen und an die Vertreter der zionistischen Bewegung, die Herren G i n s b e r g, Dr. L e v i n und Dr. T s ch l enow wegen ihres Wiedereintritts in das Kuratorium, aus dem sie ausgeschieden waren, heranzutreten. Die Beschlüsse stehen in allen wichtigen Punkten in deutlichem Gegensatz zu dem bekannten Beschluß der Kuratoriumssitzung in Berlin am 26. Oktober vorigen Jahres, an der die amerikanischen Mitglieder nicht teilgenommen haben. Rußland. 'Das russische Neujahr hat einige Auszeichnungen gebracht, ' die zwar bezeichnend sind für die Parteinahme der Regierung für die Ritualmordleute, aber durchaus nicht überraschend wirken. Alle Beamten, die mit der Durchführung des Beilisprozeffes beschäftigt waren, sind mit Auszeichnungen geschmückt worden. Der Staatsanwalt des Kiewer Kreisgerichts, Tfchaplinski, bekam den Stanislausorden erster Klasse, der Staatsanwalt des Beilisprozesies, Wipper, wurde vom Gehilfsstaatsanwalt zum Oberstaatsanwalt befördert, Mafchkewitsch, der Untersuchungsrichter für wichtige Angelegenheiten, bekam den Wladimirorden und der Gerichtspräsident des Beilisprozesies, Boldir e w, bekam eine hohe Belohnung. Daß diese Parteilichkeit hoher Behörden auf alle Beamtenkreise Wirkung gemacht, ist selbstverständlich. Das Vorgehen der Behörden gegen Juden wird lächerlich und grausam zugleich. So war es lächerlich von der Wilnaer Polizei, daß sie auf einem literarischen Abend einen Vortrag in Esperanto verbot — weil der Erfinder des Esperanto, Dr. Samenhof, Jude sei. Und grausam war die Ausweisung eines zweijährigen Kindes in Kursk. Dort wurde die Familie des jüdischen Zahnarztes Kohn ausgewiesen. Wegen der grimmigen Kälte (nahezu 20 Grad) ließ der Vater Kohn sein zweijähriges Kind bei seinem Freunde Dinin zurück. Nach der Abreise Kohns erschien ein Polizeibeamter bei Dinin mit dem Befehl, das Kind Kohns sofort aus Kursk hinaus zu expedieren, da es dort kein Wohnrecht habe. Dinin erklärte, das Kind fei wegen der bitteren Kälte zurückgeblieben. Darauf ließ sich der Polizeibeamte herbei, eine Frist von drei Tagen zu ' gewähren. Nach deren Ablauf werde er das Kind per Etappe fürtbringen lassen. Welche Blüten diese unerhörte Judenbedrückung unter der jüdischen Jugend treibt, zeigt drastisch ein in der Nowoje Wremja erschienener Ausruf jüdischer junger Leute. Gerade in der Nowoje Wremja, der erbittersten judenfeindlichen Zeitung, mußte dies geschehen. Wozu alle diese Leiden tragen, sagen die wackeren Jungen. Werfet den Talmud ab und assimiliert euch mit den Russen. Wohlgefällig nimmt die Now. Wrem. diese Bekanntmachung auf, fügt aber ironisch hinzu: Mit dem Abschütteln des Talmud ist immer noch nichts getan. Unterdessen machen sich immer noch Rachklänge zum Beilisprozeß vernehmbar. Die Petersburger liberalen Blätter veröffentlichen einen von mehreren Hundert Unterschriften bedeckten Dank der liberalen russischen Gesellschaft an den konservativen Kiewljanin für sein mannhaftes Auftreten für die Gerechtigkeit, die bürgerlichen Rechte und die Kultur. Der Kiewljanin ist wegen seiner mutigen Stellungnahme zum Beilisprozeß in einen Prozeß verwickelt, in dem ihm die russische Gerichtsbehörde die Ladung seiner Zeugen verweigert. Die Verteidiger des Beilis haben die Annahme jedes Honorars verweigert. Das in Aussicht genommene Honorar wird zur Errichtung von Stiftungen und Stipendien auf den Namen der Verteidiger verwendet. Dem jüdischen Verteidiger Grusenb e r g machen die Kiewer Juden eine kunstvoll ausgestattete Thorarolle zum Geschenk. Rumänien. Die jüngsten Judenverfolgungen in Rumänien hatten einen noch bedrohlicheren Charakter als die ersten Zeitungsnachrichten schilderten. Sie fanden in mehreren von Juden bewohnten Städten statt, nicht nur in Jassy und Galaty. Universitätsprofessoren, aktive Staatsmänner, Minister nahmen an den Versammlungen teil, in denen gegen die Juden gehetzt wurde. Die Rufe: Nieder mit den Juden! Die Juden sind auszurotten! mit denen diese Versammlungen schlossen, wurden von der Polizei ruhig geduldet. Niemand zweifelt daran, daß diese Hetze von der Regierung beschützt wird. König Karol von Rumänien hat neulich auf das Gesuch der rumänischen Juden um Gleichberechtigung geantwortet, er möchte die Gleichberechtigung wünschen, er sei aber ein konstitutioneller Herrscher und müsse sich darüber mit den gesetzgebenden Faktoren verständigen. Nun, man hat es ausgezeichnet verstanden, die gesetzgebenden Gewalten in ihrer Abneigung gegen die Juden zu unterstützen. Man inszeniert die Judenverfolgungen und weist Europa darauf hin, wie stark die Stimmung des Volkes gegen die Gleichberechtigung ist, wie ohnmächtig die Regierung gegen diese Strömung im Volke ist. Es war vielleicht ein Fehler, daß die Juden sich von der Sozialdemokratie protegieren ließen, die in großen Volksversammlungen die Einbürgerung der Juden verlangten. Aber bei der Unhaltbarkeit der Lebensbedingungen, unter denen die Juden in Rumänien schmachten, ist es ihnen nicht zu verdenken, wenn sie Helfer suchen, wo sie sie finden können. In einer solchen sozialdemokratischen Versammlung in Jassy ertönte plötzlich im Saale ein scharfer Pfiff: Antisemitische Studenten protestierten unter Schmährufen gegen den Vaterlandsverrat, welchen die Versammlung begehe. Die Versammelten förderten rasch die Studenten hinaus. Da schritt die Polizei ein. Aber sie wandte sich nicht gegen die studentischen Ruhestörer, sondern löste die Versammlung als eine unpatriotische auf. Es erhob sich Lärm und starker Widerspruch. Aber die Polizei machte nicht viel Federlesens, sie räumte unter Säbelhieben den Saal. Draußen wartete eine feindliche Menge, die das Vorgehen der Polizei bejubelte, und begann auch ihrerseits auf die aus dem Saale Hinausdrängenden dreinzuhauen. Da hatte ein Jude den unglücklichen Einfall, dem Volke einen

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