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Das jüdische Blatt · 1914-01-23 · 4 (23.1.1914) · p. Seite 5

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
V (1914)
Issue
4 (23.1.1914)
Date
1914-01-23
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 4. Das jüdische glatt 5 Still und einsam und allein bin ich weg. Nicht einmal meine Frau und meine Kinder habe ich mitgenommen. Meine Brille habe ich in der Tasche behalten, meine Mütze tief in die Augen gezogen und mich in einen Winkel des Wartesaals gedrückt. Keiner sollte mich sehen und erkennen. So bin ich gefahren bis Kasatin. In Kasatin erwartete ich den Anschlußzug. Unterdessen kam auch meine Familie an, und wir fuhren dann zusammen ab. Unterwegs erlebte ich nochmals einen Todesschrecken. Ein Christ stieg ein, der mich in Kiew beim Prozeß gesehen hatte. Der frug mich bald: Bist du Mendel Beilis? Ich leugnete Stein und Bein. Da frug er mich, ob ich Beilis kenne. Ja, sagte ich, ich kenne ihn. Nur er ist leider ein armer gebrochener Mann. Der Fremde beruhigte sich daM und ließ mich in Ruhe. Mittwoch Vormittag langte ich endlich an der Grenze an. Dort erkannte mich ein Gendarm und rief laut vor dem ganzen Publikum: Wahrlich, da ist ja Mendel Beilis! Da lief alles zusammen, wie um ein böses Wunder zu sehen. Auf der anderen Seite der Grenze atmete ich wieder auf. Jetzt bin ich frei, jetzt bin ich in Sicherheit — ich bin in Oesterreich! Meine Kinder, sagt Mendel Beilis, sie sollen glücklicher sein als ich. Nur meinen Kindern zulieb habe ich mich entschlossen, auszuwandern von Kiew und ihnen eine neue Heimat zu suchen. Ich fahre nach Palästina in der Hoffnung, daß ich von heute an ruhig leben darf, in Frieden mit meinem Weib und meinen Kindern, die die ganze Zeit hindurch, wo ich im Gefängnis faß, an mich glaubten und überzeugt waren, daß ihr Vater kein Mörder fei. Auch Beilis' Kinder machten einen guten Eindruck. Sie verrieten ein züchtiges, anständiges Benehmen und eine Intelligenz, die gar nicht im Verhältnis zu ihrer Jugend war. Am meisten vergrämt und verhärmt ist Beilis' Frau, Esther. Beilis dagegen ist durchaus nicht besorgt, er hat viel Zuversicht und Lebenskraft. (Um Beilis vor Belästigungen zu schützen, wurde sein Aufenthalt in Wien geheim gehalten, und die Wiener Zeitungen berichteten darüber erst nach seiner Abreise. Dagegen wurde der bedauernswerte Mann in Galizien auf allen Bahnhöfen umringt und konnte sich des Ansturmes der Gratulanten und „Interviewer" kaum erwehren. Auf den größeren Bahnhöfen wurden ihm feierliche Empfänge bereitet. Auch im Eisenbahnzug, in dem die Familile Beilis fuhr, drängten sich die Mitreisenden, um Beilis sprechen und beglückwünschen zu können.) Deutschland. Von dem Bureau der Alliance JsraÄite Universelle in Berlin geht uns folgende Erklärung zu: Aus aller Wett Erklärung. In der Januarnummer von „Oft und West" findet sich ein Artikel „Zur Sprachenfrage an den jüdischen Schulen Palästinas". In einem diesem Artikel angeschlossenen „Nachwort der Redaktion" werden Anschauungen vertreten und Angriffe gegen eine Organisation erhoben, die — in dem Organ der Alliance Jsra<Me Universelle erschienen — den Verdacht aufkommen lassen könnten, als ob die A. I. U. sich zu den in diesem Nachwort entwickelten Anschauungen bekenne. Die Freie Organisation erklärt hierzu, daß sowohl das Zen- Iral-Komitee der Alliance JfraÄite Universelle als auch sie selbst zu dem Inhalt der oorbezeichneten Publikation in schärfstem Widerspruch stehen, daß dessen sachliche und persönliche Tendenz den Ansichten der Alliance und der Freien Organisation zuwiderläuft. Das Erscheinen des Artikels beruht lediglich auf einem Versehen der zensierenden Stelle. Freie Organisation der Alliance Israelile Universelle. Der Vorstand: Dr. I. Ginsberg, Vorsitzender, Professor Dr. Kalischer, 2. Vorsitzender, Berlin; Rechtsanwalt Dr. Baerwald, Frankfurt a. M.; Dozent Dr. Brann, Breslau; Senator Leopold Fischer, Hannover. Zum Sprachenslreil in Palästina teilt der „Hilssoerein" folgendes Schreiben des deutschen Generalkonsuls in Jerusalem mit: Die Welt veröffentlicht in Nr. 2 dieses Jahrganges folgendes Telegramm: Jerusalem, 2. Jan. 1914. Generalkonsul Schmidt-Jerusalem ermächtigt frühere Leiterin Mädchenschule Hilfsvereins Veröffentlichung folgender Erklärung: Ich wäre nicht mit Polizei in Schule gekommen, wenn ich den wirklichen Zustand gekannt und gewußt hätte, mit welcher Ruhe und ohne Schüleraufreizung Lehrer Unterricht unterbrachen. Hierzu geht dem Direktor unseres Schulwerkes in Palästina folgendes offizielle Schreiben des deutschen Generalkonsuls in Jerusalem zu: Jerusalem, den 6. Januar 1914. Sehr geehrter Herr Direktor! Aus Ihr gefl. Schreiben vom 31. Dezember erwidere ich ergebenst nachstehendes: Meine Unterredung mit Frl. Pinczower ist in dem „Hacherut" dem Sinne nach sehr entstellt wiedergegeben worden. Uebrigens ist die Veröffentlichung nicht mit meiner ausdrücklichen Erlaubnis erfolgt. Ihre sonstigen Fragen beantworte ich kurz dahin: 1. Weder in der Lämelschule noch in der Mädchenschule ist irgend welche polizeiliche Gewalt angewendet worden, in der Lämelschule und im Lehrerseminar ist die Polizei überhaupt nicht gewesen. Dies habe ich, wie Ihnen bereits bekannt, auch dem Auswärtigen Amt noch einmal telegraphisch wiederholt, nachdem die bekannten tendenziösen Telegramme in der „Welt" erschienen waren. 2. Ich bin völlig aus eigenem Antriebe zu Ihnen gekommen, weil ich es für meine Pflicht hielt, Demonstrationen gegen Anstalten des unter deutschem Schutz stehenden Hilfsvereins auch persönlich soweit möglich zu verhindern. 3. Insbesondere habe ich Ihnen angeboten, behufs Verhinderung etwaiger Ausschreitungen Sie zur Mädchenschule zu begleiten: ich ersuchte einen Polizeikommissar, für alle Fälle mitzukommen und auch einige Polizisten folgen zu lassen; ich befürchtete ähnliche Szenen wie vor der Lämelschule auch vor der Mädchenschule, wie ja in der Tat später ein Zug Demonstranten dort vorbeikam. Mit Bezug auf die Unterredung mit Frl. Pinczower bemerke ich noch, daß ich derartige Unterredungen mit Angehörigen der Gegenpartei nicht gerade aufsuche, aber auch nicht ablehne, da ich niemand das Recht einschränken möchte, mir seinen Standpunkt darzulegen, ich benutze übrigens solche Gelegenheiten, um zur Mäßigung zu mahnen. Daß ich aber die von der Gegenpartei angewandten Mittel wie Boykott, Streiks, Straßendemonstrationen, Verleitung von Kindern zum Verlassen der Schule, Telegrammfälschung, Einschlagen von Fensterscheiben, Jnsultierung und Bedrohung von treu gebliebenen Lehrern usw., durchaus verurteile, bedarf wohl keiner besonderen Feststellung, ebenso daß ich es für meine Pflicht halte, dem Hilfsverein bei der Durchführung des von ihm für richtig erkannten Programms durch Schutz vor etwaigen Ausschreitungen zur Seite zu stehen. Mit vollkommener Hochachtung Ihr ergebenster gez. Schmidt.

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