Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Blatt · 1914-01-23 · 4 (23.1.1914) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Blatt
Volume
V (1914)
Issue
4 (23.1.1914)
Date
1914-01-23
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9052070-9097324-9053003--0942-9053007
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

4 Das jüdische Klatt. Nr. 4. Abg. Graf Carmer (kons.): Der Gesetzentwurf will dem Mittelstand wirklich zu Hilfe kommen. Die völlige Sonntagsruhe haben Darmstadt, Dresden, Frankfurt a. M., Mannheim, Nürnberg, Stuttgart und Freiburg eingeführt, und da geht es sehr gut. Bei Orten auf dem Lande und mit Landkundschaft aber liegt die Sache anders. Sie müssen ihr Hauptgeschäft am Sontag machen. Dieses Interesse muß besonders geschützt werden, und wir behalten uns weitere Maßnahmen für die Kommission vor. Es ist doch sehr viel besser geworden in den letzten Jahren. Nur die Warenhäuser senden durch ihre Automobile ihre Waren in das flache Land und schädigen dadurch die kleinen Gewerbetreibenden. Dieser Entwicklung sollte Einhalt getan werden. Wir wollen in der Kommission die Anregung prüfen. Gerade dem Mittelstand müssen wir helfen. Abg. Gunßer (Fortschr. Vp.): Wir haben auf diesen Gesetzentwurf lange warten müssen, aber hoffentlich kommt jetzt etwas Gutes zustande. Die Interessen gehen so weit auseinander. Die Angestelltenverbände wünschen eine völlige Sonntagsruhe. Die Ladeninhaber und kleinen Mittelständler brauchen die Sonntagsarbeit zum Verdienst. Wir verkennen nicht, daß eine Ausspannung einmal in der Woche eine Notwendigkeit ist. Dem Bedürfnis der Ausspannung und Erholung trägt dieser Gesetzentwurf Rechnung. Es ist uns ein großes Material zu diesen Fragen zugegangen. Besonders zahlreiche Unterschriften haben die Petitionen der Angestelltenverbände für völlige Sonntagsruhe gefunden, aber Gegenpetitionen der Ladeninhaber hätten wohl noch mehr Unterschriften gebracht. Damit dürfen wir nicht allzusehr rechnen, wenn wir auch alles prüfen wollen. Nicht aus Uebelwollen gegen die Angestellten sind viele Ladeninhaber gegen die Wünsche der Angestellten auf völlige Sonntagsruhe. Sie schließen eben den größten Teil ihrer Geschäfte am Sonntag ab. Ich muß aber meine Anerkennung öffentlich der Angestelltenorganisation aussprechen, für die gewaltige Arbeit, die sie zur Propagierung des Sonntagsruhegedankens geleistet hat. Wir müssen eben einen Ausgleich suchen zwischen den berechtigten Wünschen aller Seiten, ein möglichst gutes Kompromiß, das wenigstens die Hauptwünsche aller erfüllt. Der Zeitpunkt für die Vorlage ist freilich ungünstig. Wir leben in einer Zeit niedergehender Konjunktur, und der Kaufmann ist schon an und für sich in schlechter Lage. Eine Eingabe der Konditoren verdient in der Kommission besondere Berücksichtigung, weil gerade sie am Sonntag ihr Hauptgeschäft haben und eine Eingabe ihrer Angestellten um völlige Sonntagsruhe nach der Durchführung sie schwer treffen würde. Völlige Sonntagsruhe würde heute nur den Hausierhandel stärken, und die großen Warenhäuser würden gegenüber den kleinen Mittelständlern nur Vorteile haben. Eine gewisse Einschränkung läßt sich sicherlich erzielen. Ich habe mit einer ganzen Reihe von Ladeninhabern gesprochen, und die haben mir alle gesagt, eine dreiviertelstündige Offenhaltung an Sonntagen könne genügen. Für das Schiffahrtswesen ist eine Ausnahmestellung angebracht, da muß man mit den Wasserverhältnissen rechnen. Dagegen stimmen wir einer weitgehenden Ausdehnung der Sontagsruhe auf Bureaubetriebe zu; da läßt sich der Wunsch der Angestellten erfüllen. Es muß vor allem dafür gesorgt werden, daß, wo wirklich eine Sonntagsarbeit in den Kontoren nötig ist, die Arbeitszeit nicht geteilt wird, sondern möglichst auf einmal so erledigt wird, daß die Angestellten ihren freien Nachmittag haben. Besonderes Gewicht lege ich aber darauf, daß die Interessenten gehört werden. Die offenen Verkaufsstellen brauchen ebenfalls rncht nach 2 Uhr nachmittags offen zu fein, dann haben die Angestellten immer noch ihren Nachmittag. Ueber die Bevorzugung der jüdischen Geschäfte müssen wir uns noch in der Kommission unterhalten. Die ausgesprochene Kontrolle, die über jüdische Geschäfte stattfinden soll, damit sie auch wirklich den Sabbat heiligen, ist schlechterdings unmöglich. Cs liegt zweifellos in der Bevorzugung ein gewisser Widerspruch zu den sonstigen Bestimmungen. Besonders bedenklich ist die Bestimmung mit Rücksicht auf Belebung des Antisemitismus. Es ist bedauerlich, daß wir diese Erscheinung überhaupt noch haben. Aber wir müssen doch in der Kommission eingehend prüfen, ob wir ihm hier Wasser auf seine Agitationsmühle liefern wollen. Starken Widerspruch findet der § 15. Abg. IRutnrn (Wirtsch. Vgg.) tritt für möglichst ausgedehnte Sonntagsruhe ein. Das Ziel müsse völlige Sonntagsruhe fein und außerdem der Samstag-Frühfchluß. Der Redner wandte sich dann gegen die Ausnahmebestimmungen zugunsten des jüdischen Gesetzes. Der Gesetzentwurf wurde einer Kommission von 22 Mitgliedern überwiesen. Weitis auf der Weise nach Palästina. Heimlich mußte Beilis von Kiew abreifen. Drohbriefe, die er bekam, haben ihn eingeschüchtert. Während der ganzen Reise, die er nach der österreichischen Grenze zu machte, hat er es nicht gewagt, das Eifenbahncoup6 zu verlassen. — „Es fällt mir schwer, Rußland zu verlassen," sagte er vor seiner Abreise einem Zeitungsberichterstatter. „Ich bin hier aufgewachsen und lasse Menschen zurück, die mir teuer sind. Ich muß aber fort. Ich habe in diesen zwei Monaten eine Menge Drohbriefe bekommen. Die ganze letzte Zeit seit meiner Freisprechung lebte ich in einem Schrecken und ein solches Leben ist noch ärger als das Leben im Kiewer Gefängnis. Sogar die Behörde hat mir erklärt, daß sie für meine Sicherheit sich nicht einsetzen könne. Die einzige Freude, die ich aus Rußland mitnehme," sagte Beilis, „find die Glückwünsche und Begrüßungen, die ich erhalten habe. Es find mehr wie 3000." In die Redaktion des „Kiew. Misl" schickte Beilis einen Brief. Darin schreibt er: Wenn die Behörde oder das Gericht die wahren Mörder des unglücklichen Juftinsky auffinden wollen und man zu diesem Zwecke sein Erscheinen wünscht, ist er jederzeit bereit, nach Rußland zu kommen. Seine Verwandten in Kiew werden stets im Besitz seiner Adresse sein. In Wien. Auf der Reise nach Jaffa hat sich Beilis einen Tag in Wien aufgehalten. Da gab es ein Zusammenströmen vieler Menschen, Zeitungsberichterstatter in Menge, auch Vertreter der jüdischen Gemeinde und der besten Wiener Gesellschaft. Alle wollten den Mann sehen, mit dem sich die Welt drei Jahre lang beschäftigt hat. Die Zeitungsreporter find entzückt von dem „Ritualmörder". Alle schildern ihn als einen intelligenten und freundlichen Mann. Beilis sagen sie, hat ein eigenartiges, liebenswürdiges und warmes Lächeln an sich. Die „Neue Freie Presse" betont die Natürlichkeit und Einfachheit Beilis', fein kluges,' taktvolles Benehmen, dem jeder theatralische Ton fremd sei. Obgleich er plötzlich von einem gewöhnlichen Arbeiter zu einer Weltberühmtheit empor gestiegen ist, hat er seinen stillen, bescheidenen Ton zu bewahren verstanden. In den Gesprächen, die Beilis mit Wiener Journalisten hatte, sagte er: Ich bin aufgewachsen und erzogen worden als frommer Jude. Einen großen Teil meines Lebens hindurch habe ich streng den Sabbat gehalten. Das ging solange der alte Seizew lebte. Der alte Seizew selbst war streng fromm. Als aber seine Kinder sein Erbe antraten, war es mir nicht mehr möglich, den Sabbat zu halten .... Meine Leidensgeschichte hat mir die Augen geöffnet. Ich bin ein einsamer Mensch gewesen, und hatte mit der großen Welt keine Fühlung. Jetzt habe ich gesehen, ich habe viele Feinde, aber doch noch viel mehr Freunde. Meine Leidenszeit hat tiefe Spuren in mir zurückgelassen. Ich war ein sehr gesunder und kräftiger Mann. Vom Gefängnis bin ich herausgekommen als ein Kranker. Mein Heim war nach meiner Rückkehr auch eine Art Gefängnis. Ich mußte mich darin einsperren. Darum habe ich mit Ungeduld den Tag erwartet, wo ich Rußland verlassen konnte. Endlich ist der Tag gekommen. Aber wie habe ich Rußland verlassen? Wie ein Dieb mußte ich mich davon schleichen. Offen vor aller Welt durfte ich nicht abfahren, um die schwarzen Ritualmordhetzer nicht zu reizen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.