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Das jüdische Blatt · 1914-01-16 · 3 (16.1.1914) · p. Seite 8

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
V (1914)
Issue
3 (16.1.1914)
Date
1914-01-16
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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8 Das jüdische Klatt. Nr. 3. Rußland. Der Internationale Ophlhalmologen-Kongreß in Petersburg. Herr Sanitätsrat Dr. L. Rosenmeyer schreibt der „Frankfurter Zeitung": Wie bei allen internationalen medizinischen Kongressen, so wird auch bei der rein spezialistischen der Grundgedanke, die erhabene Idee der Gemeinsamkeit der wissenschaftlichen und ethischen Interessen aller Kulturvölker der Erde, betont. Die internationalen Vereinigungen sollen den Beweis liefern, daß es für die rein menschlichen Bestrebungen, für die Förderung der allgemeinen Wohlfahrt in geistiger Hinsicht keinen Halt gibt an den Grenzpfählen der Länder, keine Trennung durch die Fluten der Weltmeere, keine Scheidung durch Verschiedenheit der Sprache und nationalen Eigenheiten. So oder ähnlich lauten die Gedanken, mit denen der jeweilige Vorsitzende in der Eröffnungssitzung vor die Zuhörer tritt, und auch in den internationalen Ophthalmologenkongressen wurde dieses Thema variiert, mochte er in Paris, London oder anderswo tagen, mochte welche Sprache immer die Gewandung für diese Gedanken hergeben. Als im Jahre 1888 dieser Kongreß in Deutschland (Heidelberg) tagte, sagte der Vorsitzende Donders, der berühmte Utrechter Physiologe und Augenarzt: „Ich bin aufs tiefste durchdrungen von der hohen Bedeutung der internationalen Kongresse überhaupt. Kleine, dauernd wirkende Ursachen haben große Folgen. Zu diesen kleinen Ursachen gehören unsere Kongresse. Hier werden Kunst und Wissenschaft die Zemente internationaler Sympathie, hier der Triumph der Humanität verbreitet" (c’est ici qu’ils prepareut le triomphe de rimmamtd). Über Brüssel (1857), Paris (1862) und London (1872) ging es nach allen Ländern. Auf dem 11. Kongreß in Neapel (1909) wurde mit wenigen Stimmen beschlossen, den 12. internationalen Kongreß in Petersburg abzuhalten. Die Vorbereitungen wurden getroffen, das Zentralbureau gebildet, in allen Ländern korrespondierende Mittlerweile wurde die Lage für den Landrichter doch höchst unbehaglich. Der verletzte Fuß schmerzte immer heftiger, dazu gesellten sich jetzt noch die-Schmerzen des Zipperleins, das sich höchst respektwidrig auch an Gnaden wagte, an dem Weißdorngebüsch hatte er sich Gesicht und Hände zerschunden, im Kopfe summte und brummte es, teils war das Aufschlagen auf den Boden die Ursache, teils der hämische Alkohol, dazu das kalte Bett im frisch gefallenen Schnee. Grobheit war da nicht mehr recht am Platze, Gnaden mußten eine andere Saite anschlagen. „Na Iud, so komme er doch herunter und helfe er mir. Seine Religion verbietet ihm doch, einen Verunglückten hilflos liegen zu lasten. Er darf sich dann auch eine Gnade ausbitten — ich weiß, das zieht noch am besten. Also besinne er sich nicht mehr!" Hei, war das süße Musik in den Ohren des bedrückten Juden! „Werden Gnaden mir erlauben, mich morgen trauen lasten zu dürfen ohne den Schutzbrief? Ich verspreche, nach und nach dem Gerichte alle Sporteln aus Heller und Pfennig zu entrichten. Gnaden kennen meinen Namen, Aron Seckel, der schon lange um den Schutz nachgesucht hat, ihn aber nicht erhält, weil ihm bis jetzt das Geld fehlt." „Aron Seckel, er verlangt viel, aber die Not zwingt mich, nachzugeben. Wenn er verspricht, über den heutigen Vorfall und über die Ausnahme in der Erlaubniserteilung reinen Mund zu halten, auch seinen Glaubensgenossen gegenüber, so darf er sich morgen trauen lasten -- oder sich zum Teufel scheren, wenn er Lust dazu hat. Ich will gnädig ein Auge zudrücken." (Fortsetzung folgt.) Mitglieder ernannt. Die Rundschreiben wurden erlassen. Vor mir liegt das zweite Rundschreiben vom Dezember 1913. Es enthält die Tagesordnung, die Reise- und Schiffahrtsvergünstigungen, Preise und Angabe der Gasthöse. Vor der Rubrik „Hotels" finden wir folgendes vermerkt: „Das Ministerium des Innern hat die unbehinderte Zulassung der israelitischen Mitglieder des Kongresses bewilligt, es wird jedoch verlangt, daß in St. Petersburg durch das Zentralbureau auf dem Paß der israelitischen Mitglieder ein Vermerk gemacht werde über die Dauer der Berechtigung, innerhalb der Reichsgrenzen zu leben. Als letzter Termin für den Aufenthalt in Rußland wird wohl der 28./15. September zu gelten haben, mit welchem Tage ja auch die Vergünstigungen der Reise aufhören." Schon in Neapel bei der Diskussion über die Wahl des nächsten Kongreßortes konnte man Bedenken gegen die Wahl einer russischen Stadt als Kongreßort haben. Sie wurden nicht laut, da Anträge Vorlagen, den Kongreß in Kairo oder St. Louis abzuhalten und die Meinung bestand, daß Petersburg in der Minorität bleiben würde. Die aus italienischen Kollegen bestehende Majorität entschied damals für Rußland. Eine nachträgliche Demonstration hätte einen politischen Anstrich gehabt, den die Wissenschaft zu vermeiden sucht; auch waren beim Internationalen Medizinischen Kongreß in Moskau damals prinzipielle Bedenken nicht erhoben und Ausnahmebestimmungen für einzelne Kongreßteilnehmer nicht erlassen worden. Die Heidelberger ophthalmologische Gesellschaft pflegt ihre Tagung in den Kongreßjahren ausfallen zu lasten, so fällt sie auch im Jahre 1914 aus. Auch hier unterließ ich die Demonstration, da es den Mitgliedern der Heidelberger Gesellschaft frei stand, Petersburg aufzusuchen. Der eigentümliche Passus im Rundschreiben ändert die Situation. Hirschberg in Berlin, dem vor wenigen Monaten anläßlich seines 70. Geburtstages die internationale WistensAaft durch Vertreter aller Länder ihre Huldigung und Verehrung* als dem Altmeister der Augenheilkunde dargebracht hat, schreibt in der letzten Nummer seines Zentralblattes für Augenheilkunde: „Noch niemals sind auf einem'internationalen Ophthalmologen-Kongreß derartige Beschränkungen vorgekommen. Sie bilden einen groben Verstoß gegen die Kollegialität und gegen die Freiheit der Wissenschaft." Hirschberg hat als korrespondierendes Mitglied des Kongresses für Deutschland das Rundschreiben mit der Niederlegung seines Amtes beantwortet, er hofft, „daß die übrigen korrespondierenden Mitglieder sehr bald den gleichen Schritt tun werden", er hofft ferner, „daß überhaupt niemand diesen 12. internationalen Kongreß besuchen wird". Wir wollen diese Hoffnung teilen und zu ihrer Verwirklichung durch diese Zeilen beitragen. Herr Professor Hirschberg hat auch in der „Berliner Klinischen Wochenschrift" einen Protest gegen den Kongreß erlassen, an dem er festhält, auch nachdem jene skandalösen Einschränkungen inzwischen zurückgenomm^n sind. Er schließt seinen Protest mit folgenden Sätzen: „Die so überstürzte, nicht von der Gerechtigkeit diktierte, sondern dem ersten mannhaften Widerspruch weichende Zurücknahme der Beschränkungen verfehlt ihren Zweck: die Beleidigung erscheint dadurch nur um so empfindlicher, da sie doch als ganz unnötig erwiesen ist, wenn tatsächlich schon heute wieder die Beschränkung so ganz entbehrlich erscheint. Auf uns verfehlt die Zurücknahme jeglichen Eindruck. Wir werden ruhig weiter kämpfen. Wir kämpfen für eine Idee. Diese wird siegen. Ich hoffe, der 12. internationale Ophthalmologenkongreh wird zu Petersburg 1914 nicht zusammentreten."

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